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Wird Deutschland eine Bier-Nation bleiben?

Seit Jahren trinken die Deutschen immer weniger Bier - und doch erlebt die Brau-Szene derzeit eine neue Blütephase. Junge Brauereien mischen den Markt auf. Aber kann Craft Beer Deutschlands Image als Bier-Nation retten?

Bier wird wieder in

Die Deutschen trinken weniger Bier.

Es war das totale Chaos: Als die Schankwirtschaft zum ersten Mal ihre Pforten öffnete, ging auf der Straße davor nichts mehr. Hunderte Menschen wollten sich die neue Location - ein bisschen Bar, ein bisschen Restaurant - ansehen. Und so drängten sich im Juni 2015 auf einer Kreuzung, nur wenige Schritte von der Hamburger Reeperbahn entfernt, unzählige Menschen zum Eingang. Autos kamen schon längst nicht mehr durch. Nicht jede Eröffnung eines Gastronomiebetriebes wird in der Hansestadt so frenetisch gefeiert - aber die Schankwirtschaft zapft besonderes Bier: Mal Helles, mal Dunkles, aber immer von wenig bekannten Brauereien, die sich als Handwerksbetriebe verstehen. Das scheint anzukommen.

Deutschen vergeht der Bierdurst

Traut man der Statistik, sieht es nicht so rosig für das Hopfengebräu aus. Seit Jahren schrumpft der Bierabsatz, zuletzt stagnierte er. Im vergangenen Jahr sah es gut aus, da hatten die Deutschen wieder Durst auf Bier. Doch Experten winken ab: Der WM-Effekt (Fußball gucken und ordentlich bechern) und das gute Sommerwetter (sowohl 2014 als auch 2015) würden die Statistik verzerren. Lag der Bierabsatz 2000 noch bei 109,8 Millionen Hektolitern, sank der Umsatz bis 2014 auf 95,6 Millionen Hektoliter. "Der Biermarkt ist seit Jahren rückläufig", sagt Patrick Waubke, der als Partner bei der Unternehmensberatung KPMG den Biermarkt analysiert.

Muss sich Deutschland also um einen neuen Ruf bemühen, wenn das Image der Bier-Nation immer weniger zutrifft? Nicht ganz, denn seit einigen Jahren entwickelte sich eine kleine Szene unerschrockener Brauer, die sich gegen die globalen Großbrauer stemmt. Craft Beer, per Definition Bier von kleinen, unabhängigen Brauereien in "Handarbeit" hergestellt, trotzt zwar nicht der weltweiten Entwicklung. Doch es zeigt: Die Deutschen sind offenbar noch lange nicht durch mit ihrem einstigen Lieblingsgetränk. 

Mega-Fusion der Bier-Hersteller

Während deutschlandweit Mikrobrauereien, die maximal 200.000 Hektoliter Bier im Jahr produzieren dürfen, aus dem Boden schießen, vereinigen sich die größten Braukonzerne. Bei der Mega-Fusion 2015 übernahm der Weltmarktführer Anheuser-Busch Inbev den zweitgrößten Brauer der Welt, SABMiller für rund 104 Milliarden Euro. Ob Beck's, Budweiser, Corona, Hasseröder, Franziskaner, Pilsener Urquell oder viele weitere Biermarken: Jedes dritte Bier weltweit stammt nun von diesem Mega-Konzern.

Auch Waubke spricht von einem Verdrängungswettbewerb. Doch die rund 1350 kleinen Brauereien in Deutschland haben eine Nische entdeckt. "Die Position kleinerer Brauereien ist schwierig, aber keinesfalls ausweglos", sagt Waubke. "Es gibt einen Trend: Die Menschen leben bewusster, wollen wissen, woher ihre Lebensmittel stammen." Hier können die Kleinen punkten - das zeigt sich auch in der Hamburger Schankwirtschaft. Jedes der zwölf Biere vom Fass kommt mit einer eigenen Geschichte daher: Das "Mitschnagger", ein Pils mit zünftigen 5,3 Prozent Alkoholanteil von der Brauerei Buddelship oder das Lager "Prototyp" mit 5,9 Prozent von der Kreativbrauerei Kehrwieder. Beide Brauereien sitzen in Hamburg - für Patrick Waubke ist die regionale Nähe ein Vermarktungsvorteil. "Kleine Brauer haben schnell verstanden, dass sie auf Regionalität setzen müssen", sagt er. 

Wenig Umsatz, hohe Preise

Klein, regional verwurzelt, unabhängig, unkonventionell: Der Plan der kleinen Brauereien scheint aufzugehen. Denn sie schaffen, was den großen nicht gelingt. Sie steigern die Umsätze durch höhere Bierpreise. "Hier ist der Absatz nicht mehr die entscheidende Größe", sagt Waubke. Und das liegt an der zahlungskräftigen Zielgruppe. Auch in der Schankwirtschaft muss der Kunde schnell mal sechs Euro für 0,3 Liter Bier hinblättern.

Allerdings: "Dafür erhält man aber ein Bier mit Geschmacksexplosions-Garantie, die man so von Standardbieren nicht kennt und nicht zu glauben gewagt hat", schreibt ein Yelp-User über seinen Besuch der Kneipe. Günstig ist der Craft-Beer-Trend nicht. "Gerade in den Städten ist die Preissensibilität kleiner, als man denkt", sagt Waubke. "Die Menschen zahlen für gute Produkte gerne auch etwas mehr." 

Branchenführer als Nachmacher

Das wissen auch die Großbrauereien. AB Inbev übernahm in diesem Jahr Brauereien in Oregon, New York und Washington. SABMiller kaufte die Londoner Meantime Brewery, eine Craft-Beer-Brauerei. Auch die Konzerne wollen von dem neuen Premium-Segment profitieren. "Dass große Hersteller damit Erfolg haben, unter ihren eigenen Markennamen Craft Beer zu verkaufen, würde ich sehr bezweifeln. Das passt nicht zur Idee der Szene", sagt Nina Anika Klotz vom Craft-Beer-Blog "Hopfenhelden.de" dem "Handelsblatt".

Dennoch: Die Markenhersteller werkeln an neuen Biersorten. So brachte Beck's im Frühjahr ein Pale Ale auf dem Markt. Eine spezielle, in der Craft-Beer-Szene nachgefragte Hopfensorte und helles Malz machen schnell deutlich, was Beck's hier ausprobiert. Offiziell verkauft die Brauerei das Bier aber nicht als Craft Beer. Auch Lidl scheut den Begriff, hat aber seit November drei neue Sorten im Sortiment: Untergärig, mit schillernden Namen - und im Vergleich hochpreisig. Kostet das Durchschnittspils beim Discounter 56 Cents pro Liter,  werden bei den neuen Produkten 2,52 Euro fällig.

Deutsches Bier punktet beim Export

Wird Craft Beer die Branche retten? Vermutlich nicht, denn dieser Trend lebt von seinem Nischen-Dasein. Dieses Bier wird selten gebechert wie Allerweltspils, sondern verändert auch die Trinkkultur. Es wird genippt, geschmeckt, verglichen: Bier trinken erinnert plötzlich an die Art und Weise, wie Wein getrunken wird. "Craft Beer ist mehr als eine kurzfristige Modeerscheinung", sagt Waubke. Er glaubt, dass die vielen Kleinstbrauereien und mittelständischen Brauer auch durch ein "kleines, aber feines Exportgeschäft" überleben können. Schließlich sei deutsches Bier sehr populär im Ausland. 2014 verließen 1,5 Milliarden Liter Bier das Land - genauso viel wie in den Jahren zuvor.

Insgesamt lag der Exportumsatz 2014 bei knapp 1,1 Milliarden Euro. Vor allem die Nachfrage in China boomt, meldet der Deutsche Brauer Bund. Dass der Export und die Craft-Beer-Szene die deutsche Braukultur retten können, sei vielleicht etwas zu hoch gegriffen, meint Waubke. "Aber kluge und verbraucherorientierte Strategien könnten den Abwärtstrend stoppen."

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