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Flucht vor Inflation kann zum Bumerang werden

In Zeiten unsicherer Finanzmärkte scheint es sinnvoll, sein Geld in Sachwerte zu investieren und sich so vor den Folgen der Inflation zu schützen. Doch Vorsicht! Auch dann droht Vermögensverlust.

Von Thomas Straubhaar

  Wer sein Geld in Sachwerten wie Edelsteinen (hier der ca. 15 Millionen Dollar teure Erzherzog Joseph Diamant), ist trodzem nicht vor Vermögensverlust gefeit

Wer sein Geld in Sachwerten wie Edelsteinen (hier der ca. 15 Millionen Dollar teure Erzherzog Joseph Diamant), ist trodzem nicht vor Vermögensverlust gefeit

  • Thomas Straubhaar

Rund 15 Millionen Dollar, mindestens. So viel soll für den Erzherzog Joseph Diamant bei einer Versteigerung nächsten Monat in Genf bezahlt werden. Nichts ist kostbarer als Edelsteine. Eine handvoll Diamanten ist locker mehrere Millionen Euro wert. Gold wirkt daneben klobig und billig. Weil Edelsteine klein und handlich sind, einfach transportiert und deshalb in Notsituationen leicht am Körper getragen und außer Landes gebracht werden können, gelten sie als die ideale Fluchtwährung. Kriege, Katastrophen und die Angst vor Währungsreformen haben immer schon dazu geführt, dass Diamanten, Schmuck, Edelmetalle und viele andere Sachwerte als Notgroschen gekauft wurden. Das zeigt sich auch in diesen Tagen der Dauerkrise in Europa.

Wie lange wird es den Euro noch geben? Wann kommt die Währungsreform? Wie sicher sind meine Spareinlagen? Das fragen sich viele Deutsche. Und selbst wenn das Schlimmste verhindert werden kann, wird die Angst vor Inflation größer. Besonders nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt hat, dass sie bereit ist, unbegrenzt Anleihen von Eurostaaten zu kaufen, wächst die Befürchtung, dass stark steigende Preise nicht mehr eine Frage des "ob", sondern nur noch des "wann" und "wie hoch" sind. Da stellen sich Sparer und Kleinanleger zwangsläufig die Frage, wie sie ihr Vermögen vor einem Wertverlust schützen können.

Sachwerte bieten auf lange Sicht Schutz vor Inflation

Auf die Frage, wie die Leute ihr Geld anlegen sollen, hat der Börsenexperte Dirk Müller diese Woche im stern.de-Interview gesagt: "Die Zinsen, die ich auf der Bank oder in Staatsanleihen bekomme, gleichen die Inflation nicht aus. Man sollte sich jetzt auf reale Werte verlassen. Unternehmen haben Maschinen, Gebäude, Patente, Mitarbeiter. Ich muss gar kein eigenes Unternehmen haben, es reicht, wenn ich mich über Aktien an einem beteilige. Dann gehört mir ein Teil von all dem. Die Leute haben definitiv zu wenig Aktien. Außerdem sollte man 10 bis 20 Prozent in physische Edelmetalle investieren, also Goldbarren oder Silbermünzen. Nicht wegen der Wertentwicklung, sondern als eiserne Reserve, auf die man zurückgreifen kann, wenn gar nichts mehr geht."

Aktien, Immobilien und Rohstoffe, zunehmend - zur Diversifikation - auch Infrastrukturanlagen, Ackerland, Wald, Diamanten, Kunst und Luxusgüter erweisen sich als scheinbar attraktive Möglichkeit, das Vermögen vor Inflation oder einer Währungsreform zu sichern. Dazu kommt, dass sich in der europäischen Staatsschuldenkrise gezeigt hat, wie schnell vermeintlich sichere Staatsanleihen einem substanziellen Ausfallrisiko ausgesetzt sind. Zudem bringen auch weiterhin als risikoarm bewertete Anlagen – wie Spareinlagen oder deutsche Bundesanleihen - historisch niedrige Verzinsungen (mit zum Teil negativen Realzinsen). Der Wegfall oder das Fehlen von sicheren und dennoch rentablen Geldanlangen fördert eine Umschichtung hin zu Sachwerten.

In der langen Frist gibt es überzeugende Gründe für die Erwartung, dass die Preisentwicklung von Sachwerten tendenziell im Gleichschritt mit der Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus geht und somit Sachwerte einen Schutz vor Inflation bieten. Für die kürzere Frist hingegen unterliegen Sachwerte einer Reihe von Anlagerisiken.

Die Crux mit dem Wiederverkaufswert

Vereinfacht dargestellt, tauschen Anleger beim Kauf von Sachwerten vermeintliche Sicherheit vor Inflation gegen die Aufgabe von Liquidität und eine Zunahme von Transaktionskosten beim Wiederverkauf. Wer Diamanten verkaufen will, braucht einen Käufer, der zum Tage X bereit ist, einen bestimmten Geldbetrag einzusetzen. Er muss den Stein prüfen lassen und Herkunftsnachweise vorlegen. Viele andere Faktoren können den Handel mit Edelsteinen oder Sachwerten zu einer teuren Transaktion werden lassen. Nicht jeder Edelstein ist eben ein Erzherzog Joseph Diamant.

Hohe Transaktionskosten gelten nicht so sehr für Aktien, Rohstoff- und Edelmetallzertifikate, die an den Börsen täglich gehandelt werden. Bei Immobilien, Ackerland, Wald, Diamanten, Teppichen oder Kunstwerken können jedoch vermutete (oder erhoffte) Wiederverkaufswerte mit dem tatsächlich realisierbaren Verkaufspreis weit auseinanderfallen. Bei Sachwerten besteht für den Verkäufer immer ein schwer abzuschätzendes Risiko, dass sich die individuellen Hoffnungen als falsch erweisen und der zukünftige Preis des Vermögensgutes deutlich niedriger als erwartet ausfällt. Erhoffter und tatsächlicher Verkaufswert dürften dann besonders auseinanderklaffen, wenn den Märkten eine fundamentale Orientierung fehlt. Wenn für die monetäre Bewertung kein realwirtschaftlicher Fixpunkt bei Wachstum oder Beschäftigung bzw. Umsätzen und Gewinnentwicklungen erkennbar ist, können bereits an sich kleine Preisbewegungen und an sich unbedeutende Signale zu stärkerer Volatilität und Blasenbildung führen. Rasch kann es im Ergebnis zu einem Herdenverhalten kommen. Verunsicherte Anleger folgen dann kurzfristig erkennbaren Markttrends, die dadurch verstärkt werden.

Prüfen: Sind die heutigen Preise realistisch?

Bei der Frage "Wie lege ich mein Geld sicher an?" ist somit abzuwägen, wieweit nicht die heutigen Preise für Sachwerte bereits das Ergebnis einer eigendynamischen Blasenbildung darstellen, weil viele Marktteilnehmer Inflation auf den realen Märkten erwarten. Die Entwicklung der Börsenkurse in diesem in weiten Teilen der Weltwirtschaft von Krise, Rezession und hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Jahr 2012, wie auch die Preissteigerungen von Immobilien oder Edelmetallen dürften jetzt schon weit über die reale Wachstumsrate von Produktivität, Effizienz oder Leistungsfähigkeit von Unternehmen hinausgehen. Das sollte Warnung genug sein, nicht der Herde zu folgen.

In dieser Situation eigendynamischer Preiseffekte auf Vermögensmärkten aber erweist sich gerade der Versuch, sich gegen Inflation durch den Kauf von Sachwerten abzusichern als Bumerang. Anstatt von einem Kaufkraftverlust bei realen Gütern wird man dann von einem Vermögensverlust als Folge platzender Blasen bei Aktienkursen und Vermögensbewertungen von Sachgütern getroffen. Ob die Inflation bei den Güterpreisen oder den Sachwerten zuschlägt, spielt am Ende keine Rolle. Beide vernichten reale Vermögen.

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