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Ratingagenturen - jämmerlich, nutzlos

Miese Analysen, interessengesteuerte Benotung, undurchsichtige Bewertungskriterien: Wer Ratingagenturen ernst nimmt, ist selber Schuld. Die Märkte reagieren schon gar nicht mehr auf jedes Urteil.

Von Thomas Straubhaar

Was sollen wir uns darum kümmern, was eine korrupte Bande von Idioten denkt?", fragt der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in Bezug auf die Arbeit der Ratingagenturen. Deftige Worte, aber im Kern liegt Krugman richtig: Die Analysequalität der Bonitätswächter ist jämmerlich, ihre Vorschläge sind nutzlos, und ihre selbstgerechte Benotung von Risiken eines Kreditausfalls ist alles andere als unabhängig, sondern interessengesteuert. Deshalb sollte man die vergangene Woche durch Standard & Poor's (S&P) erfolgte Herabstufung von neun Länder der Euro-Zone, darunter Frankreich, Österreich, Spanien und Italien, schlicht nicht beachten. Solche Mitteilungen gehörten eigentlich nicht in den Wirtschaftsteil seriöser Medien, sondern auf die Witzseiten. Dann kann darüber gelacht werden. Und wer sie Ernst nimmt, ist selber schuld.

Wie schlecht die Analysequalität ausfällt, lässt sich durch viele Beispiele einfach belegen. Der amerikanische Energiekonzern Enron oder die Bank Lehman wurden bis kurz vor deren Bankrott als sicheres Investment eingestuft. Amerikanischen Ramschpapieren wurde viel zu lange ein Gütesiegel verliehen, was zu einer entscheidenden Ursache des Hypotheken-Crashs wurde. Die europäische Staatsschuldenkrise wurde erst zum Thema, als es lichterloh brannte. Schlimmer noch: Ratingagenturen haben mit viel zu guten Bewertungen geholfen, südeuropäisches Gammelfleisch zu einem Verkaufsschlager zu machen. Wieso haben sie griechische Staatsanleihen nicht von Beginn an, also ab 2001, als Ramsch beurteilt?

Bewertungskriterien sind undurchsichtig

Besonders störend ist, dass Methoden, Gewichtungsfaktoren und Wahrscheinlichkeiten, die der Benotung zugrunde liegen, als großes Betriebsgeheimnis gehütet werden. Sie bleiben somit für Außenstehende undurchsichtig und damit nicht nachvollziehbar. Es könnte also auch sein, dass die Ratingagenturen schlicht würfeln, oder kritisch die Eingeweide frisch geschlachteter Rinder beäugen. Wie sehr sogar die Ratingagenturen selber ihre Arbeit für Hokuspokus halten, lässt sich auch daran erkennen, dass sie ihre Ergebnisse nicht etwa als "Empfehlung" bezeichnen. Aus Haftungsgründen – also da, wo sie für ihr Tun zur Rechenschaft gezogen werden könnten - sprechen sie lediglich von "Meinungen". Genau das sollten sie somit auch bleiben: Äußerungen interessengeleiteter Firmen, auf die hören mag, wer will.

Die "Meinungen" der Ratingagenturen sind für die Insider nutzlos. Wer selber auf den Finanzmärkten aktiv ist, muss sich auch selber sein Urteil bilden. Und da haben die Bonitätswächter wirklich keine Neuigkeiten verraten. Dass viele Euro-Länder überschuldet sind, dürfte mittlerweile zum Standardwissen von Gymnasiasten gehören. Und dass es ein Risiko ist, überschuldeten Staaten oder Firmen neues Geld zu leihen, findet sich in jedem ABC für Finanzgeschäfte. Ratingagenturen geben hier nicht vorausschauend die Richtung vor. Sie folgen der Herde. Dass selbst Investoren, Bankanalysten und Börsianer von den Ratingagenturen nicht mehr viel halten, wird immer offensichtlicher. Denn die Änderung der Noten führt schon lange nicht mehr zu einer Änderung der Finanzierungskosten der Betroffenen. So folgt aus der vergangenen Woche erfolgten Herabstufung der Euro-Länder nicht (mehr), dass damit auch deren Zinsen für Staatsanleihen teurer werden.

Oberstes Ziel Gewinnmaximierung

Natürlich wäre es absurd, die Ratingagenturen für die überbordende Staatsverschuldung verantwortlich zu machen. Sie haben die Euro-Krise nur verschärft, nicht verursacht. Das ändert aber nichts daran, dass die Bonitätswächter nun die Euro-Staaten zu getriebenen Marionetten des Finanztheaters machen. Das kann sich die Politik nicht bieten lassen. Und sie muss es auch nicht. Denn die Interessen der Ratingagenturen sind nicht die Interessen einer demokratisch legitimierten Institution. Die Bonitätsprüfer sind alles andere als unabhängige, neutrale Schiedsrichter. Dabei geht es nicht um die in den letzten Tagen von vielen europäischen Politikern vermuteten hinterhältigen Angriffe anglo-amerikanischer Interessen auf den Euro. Solchen Verdächtigungen widerspricht, dass auch die amerikanische Regierung mit den Ratingagenturen auf Kriegsfuss steht.

Wichtiger ist, dass Ratingagenturen privatrechtliche Unternehmen sind, deren oberstes Ziel es ist, Gewinne zu maximieren und die Aktionäre zufrieden zu stellen. S&P ist die Tochterfirma des amerikanischen Medienunternehmens McGraw-Hill, dessen größter Aktionär die Investmentfirma Capital World Investors ist. Bei Moody's ist neben Capital World Investors der Finanzmogul Warren Buffett einer der wichtigsten Aktionäre, der wiederum auch bei Goldman Sachs involviert ist. Und Fitch Ratings gehört dem französischen Finanzkonzern Fimalac, der auch Besitzer einer Glücksspielkette ist, das grenzt schon fast an die Inkarnation des Kasinokapitalismus.

Bonitätsprüfer sind keine neutralen Schiedsrichter

Die mächtigen Bonitätsprüfer wissen haargenau, dass ihre Urteile die Märkte in Bewegung versetzen. Ist da nicht die Versuchung sehr groß, genau auf diese erwarteten Reaktionen im Voraus - also bevor die Urteile veröffentlicht werden - zu wetten? Deshalb ist es so irritierend, wenn sich Ratingagenturen nicht mit der Rolle eines neutralen Schiedsrichters begnügen, sondern selber politisch mitzuspielen beginnen. Wer oder was legitimiert eigentlich die Bonitätsprüfer medienwirksame Warnschüsse oder wohlwollende Zustimmung zu politischen Entscheidungen abzugeben? Mit welchem Recht mischen sich Ratingagenturen in die Politik ein? Welche eigenen Interessen verfolgen sie damit? Wie weit können Insider von den durch Warnschüssen oder Bonitätsänderungen ausgelösten Schockwellen auf den internationalen Finanzmärkten profitieren?

Ein Standardargument lautet, dass Ratingagenturen deshalb nicht ihr eigenes Spiel spielen, sondern wirklich versuchten, möglichst der Realität entsprechende Urteile zu fällen, weil sie bei Fehlbewertungen ihre Reputation und ihre Existenzberechtigung verlören. Das mag ja im theoretischen Lehrbuch so sein. In der Praxis aber fragt man sich, wer denn überhaupt noch an die Qualität und Treffsicherheit der Bonitätswächter glaubt. Kann man eigentlich noch stärker daneben liegen als die Ratingagenturen? Braucht es noch mehr Skandale? Ist da nicht die Reputation längstens im Keller?

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