Lasst die Briten ruhig gehen

12. Dezember 2011, 13:00 Uhr

Die Briten stehen im Abseits. Sollten sie auch noch aus der EU austreten, wird es noch teurer für ihre ohnehin schon angeschlagene Wirtschaft. Europa kann auf sie verzichten. Von Thomas Straubhaar

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Hat sich für die Isolation entschieden: David Cameron, britischer Premier©

Die Briten drohen, die EU zu verlassen? Lasst sie gehen! Wer sich selbst ins Abseits stellen will, sollte daran nicht gehindert werden. Er wird schnell erkennen, wie teuer es ist, in einer globalisierten Welt einen nationalen Alleingang zu wählen. Das mussten selbst die auf ihre Unabhängigkeit pochenden Schweizer lernen. Als im Sommer der Schweizer Franken stärker und stärker wurde und der Kurs zum Euro in Richtung Parität ging, musste die Schweiz Anfang September ihre geldpolitische Autonomie über Nacht schlicht aufgeben. Die Schweizerische Notenbank garantiert seither einen Kurs von 1 Franken 20 Rappen pro Euro und ist bereit, diesen Kurs gegen alle Kräfte des Marktes zu verteidigen. Das Schweizer Beispiel müsste den Briten mehr als genug Anschauung dafür liefern, wie groß die Distanz zwischen nationaler Alleingang-Rhetorik und faktischer Realität geworden ist.

Die britische Konjunktur läuft schlecht

Aber auch ein kurzer Blick auf die ökonomischen Daten zeigt, wie wenig von einem britischen Alleingang zu halten ist. Die Wirtschaft der Angelsachsen ist angeschlagen. Und das, obwohl sie nicht der Euro-Zone angehören. Das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) erreicht in diesem Jahr gerade einmal bescheidene 1 Prozent (zum Vergleich: Deutschland gegen 3 Prozent). Vor allem die britische Arbeitslosigkeit bereitet Sorge. Vor der Krise lag die Arbeitslosenquote bei etwas mehr als 5 Prozent. Heute ist sie auf rund 8 Prozent gestiegen, mit der Tendenz, im nächsten Jahr noch weiter nach oben zu gehen. Zum Vergleich: in Deutschland ist die Arbeitslosenquote von 9 Prozent im Jahre 2007 auf unter 6 Prozent in diesem Jahr gefallen und die Aussicht bleibt verhalten positiv.

Die britische Konjunktur läuft so schlecht, obwohl die Notenbank, die Bank of England, eine geldpolitische Bazooka bereits zum Einsatz gebracht hat, die den Deutschen fehlt. Sie kauft ohne Rücksicht auf Inflation britische Staatsanleihen. Der geldpolitischen Offensive entsprechend, hat sich die Bilanzsumme der Notenbank aufgebläht. Und weil die Bank of England, anders als die Europäische Zentralbank, darauf verzichtet, das Geld wieder einzusammeln, das sie zur Krisenbekämpfung ausgegeben hat, ist auch das Inflationsfeuer bereits entfacht. Um mehr als 4 Prozent wird in diesem Jahr die reale Kaufkraft von Löhnen und Renten entwertet.

Fragwürdige Entscheidungen der Ratingagenturen

Spätestens an dieser Stelle verblüfft erneut das fragwürdige Spiel der Ratingagenturen. Die makroökonomischen Prognosen für Großbritannien sind alles andere als rosig. Die OECD erwartet in ihrem jüngsten Ausblick (vom 28.11.2011) ein Wachstum des realen BIP für Großbritannien von 0,5 Prozent im nächsten Jahr und von 1,8 Prozent in 2013. Zum Vergleich: Für Deutschland wird ein Wachstum des realen BIP von 0,6 Prozent für 2012 und 1,9 Prozent 2013 vorausgesagt. Obwohl also die Aussichten auf Wachstum und Beschäftigung in Deutschland besser sind als in Großbritannien, hat letzte Woche Standard & Poor's Deutschland und nicht Großbritannien eine Herabstufung seiner Bonität angedroht! Der Blick auf die Staatsverschuldung macht diese Ungleichbehandlung vollends unverständlich: Die britische Staatsverschuldung soll nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) gemessen in Prozent des BIP von heute 81 Prozent bis 2016 auf lediglich 80 Prozent sinken, in Deutschland demgegenüber von heute 83 Prozent bis auf 75 Porzent.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es gibt momentan wohl kaum eine einzige makroökonomische Kennziffer die für Großbritannien und gegen Deutschland spricht. Und ausgerechnet in einem solchen Umfeld soll die besser dastehende Volkswirtschaft herabgestuft werden, während das darbende Land seine absoluten Bestnoten behält. Muss das nicht zwangsläufig den Verdacht hervorrufen, dass hier mit ungleichen Maßstäben gemessen und verglichen wird? Wird man nicht misstrauisch, dass hier die Ratingagenturen nicht die Hand beißen wollen, die sie nährt? Dass die Angelsachsen geschont werden, damit einer der wichtigsten Sitze einer globalen Finanzindustrie nicht zu Schaden kommt, der unter einer Herabstufung Großbritanniens ganz besonders zu leiden hätte?

Kein Land kann mehr ohne die anderen

Natürlich ist es kein Zufall, dass sich Briten und Schweizer so schwer tun mit der Europäischen Union und dem Euro. Beide Volkswirtschaften haben einen mit Blick auf ihre bescheidene nationale Größe maßlos überdimensionierten Finanzplatz. Sowohl gesamtwirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung wie auch die Einnahmen der öffentlichen Haushalte sind existenziell vom guten Geschäftsgang der Finanzinstitute angewiesen. Und beide Länder haben sich darauf spezialisiert, abweichende und in vielen Bereichen durchaus auch bessere Regulierungen zu verfolgen als der europäische Mainstream, der sich an die Maßgabe von EU-Verträgen und Euro-Vorgaben zu halten hat. Deswegen ist es aus deren nationalen Perspektiven mehr als verständlich, dass sich Briten und Schweizer gegen jegliche Vereinheitlichung und Vergemeinschaftung und damit auch gegen eine weiterführende Fiskalunion oder eine Währungsunion stellen.

Aber es bleibt dabei: Im Zeitalter der Globalisierung ist ein nationales Abseitsstehen eine zunehmend teurer werdende Verhaltensweise. Die Volkswirtschaft, das war einmal. Splendid Isolation war gestern. Heute zählt die Weltwirtschaft. Kein Land kann mehr ohne die anderen. Die Welt aber ist auf kein einzelnes Land mehr angewiesen. Japan, immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist seit Jahren in der Krise und hat in diesem Jahr einen Kollaps erlebt, ohne dass dadurch für die Welt insgesamt ein wirkliches Problem entstand. Ja, bei einem Ausfall der USA oder Chinas würde die Welt erschüttert werden. Sicher aber wird die EU durch ein Abseitsstehen Großbritanniens nicht einstürzen. Deshalb sollte man die Briten zwar warnen, aber letztlich nicht mit allen Mitteln daran hindern, sich selbst ins Bein zu schießen und in die Isolation zu gehen.

Thomas Straubhaar
 
 
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Thomas Straubhaar ...

… ist Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Professor der Universität Hamburg. Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1957, gehört zu den profiliertesten Volkswirten in Deutschland

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