16. Oktober 2012, 19:03 Uhr

Professoren sind keine Halbgötter

Der Doktortitel auf der Visitenkarte ist in Deutschland viel wert. Dabei sagt er nichts aus über den Charakter oder die Interessen seines Trägers. Deswegen hat er in der Politik nichts verloren. Von Thomas Straubhaar

 
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Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) steht bei ihrer Promotion unter Plagiatsverdacht©

Erst Karl-Theodor zu Guttenberg, nun Annette Schavan. Der Verteidigungsminister hat abgeschrieben. Bei der Bildungsministerin wird geprüft. Der eine will den Doktortitel als Schmuck oder aus Ehrgeiz. Die andere will ihn aus Interesse an der Sache. Viele mehr sind besessen, koste es, was es wolle, eine akademische Würdigung zu erlangen. Dafür werden sogar illegale Praktiken in Kauf genommen. Es wird kopiert, abgeschrieben, geschummelt und getrickst. Alles, um am Schluss den "Dr." auf der Visitenkarte stehen zu haben.

Offenbar sind der "Dr." oder gar ein "Prof. Dr." in Deutschland viel wert - in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Zwar sind beide Titel kein offizieller Namenszusatz. Niemand darf somit von anderen verlangen, als Frau Professor oder Herr Doktor angeschrieben oder angesprochen zu werden. Aber der "Dr." kann im Reisepass oder Personalausweis amtlich eingetragen werden. Und an vielen Stellen des öffentlichen Lebens öffnet ein akademischer Grad Türen, Geldbörsen, Geschäftsbücher, Karrierelaufbahnen oder Führungswege. Das treibt auch durchaus kluge Menschen dazu, den Pfad der Tugend zu verlassen, um notfalls über Kauf oder Plagiat zu einem akademischen Grad zu kommen, den sie offenbar durch eigene wissenschaftliche Leistungen nicht erlangen würden.

Titelträger sind auch nur Menschen

Akademische Titel signalisieren der Öffentlichkeit Intelligenz und Kompetenz des Trägers. Wer "Dr." oder gar "Prof. Dr." ist, der kann etwas, was nur ganz wenige können. Entsprechend groß sind die Bewunderung und das Vertrauen der Bevölkerung in die Titelträger. Ein Doktor gilt als Heiliger, ein Professor als Halbgott. Dabei sind auch sie nur Menschen, mit Eigeninteressen, Eitelkeiten, Fehlern und Verfehlungen.

Akademische Titel verführen ihre Träger dazu, mehr zu scheinen als zu sein. Sicher: Im Normalfall ist eine Doktor- oder Habilitationsschrift das Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit rund um die Uhr. Oft unmenschliche Entbehrungen, Risiken des Scheiterns und Enttäuschungen mussten überwunden werden, um bei gutem Ende mit einem schlichten "Dr." oder "Prof." belohnt zu werden. Das ändert aber nichts daran, dass der Doktorgrad und auch der Professorentitel nichts anderes sind als wissenschaftliche Gütesiegel. Sie werden an herausragende Forscher(innen) verliehen. Das ist viel. Aber es ist lange nicht alles. Und es ist nichts, was einen gesellschaftlichen oder politischen Heiligenschein rechtfertigt.

Titel gehören hinter den Namen

Doktorgrade oder Professorentitel sagen nichts über Charakter, Motive oder Interessen der Träger aus - und auch nichts über deren soziale Kompetenzen, Urteils- oder Führungsvermögen. Richtigerweise sollten akademische Titel unabhängig von Person und Herkunft einzig aufgrund wissenschaftlicher Qualität verliehen werden. Nicht die Öffentlichkeit und nicht die Politik, sondern ein kleiner innerer Fachzirkel entscheidet am Ende, ob ein "Dr." oder ein "Prof." vergeben wird. Den politischen Behörden bleibt höchstens in Berufungsverfahren an öffentliche Institutionen die Möglichkeit, aus einer Liste von Vorgeschlagenen eigene Prioritäten zu setzen. Nicht ausgeschlossen, dass eine so freie Wissenschaft einen Elfenbeinturm aufbaut, in dem eine kleine Schar der Welt entrückter gleichgesinnter Gelehrter sitzt, die sich gegenseitig ihre abstrakten Fachpublikationen vortragen und in Inzucht ihre eigenen Nachfolger zeugen. Nichts ist damit darüber gesagt, ob die wissenschaftlichen Erkenntnisse für das reale Leben außerhalb des Elfenbeinturms von Interesse oder Relevanz sind. Nichts macht die Titelträger aus Sicht der Außenwelt zu herausragenden Persönlichkeiten.

Der "Dr." ist ein akademischer Titel. Er mag als Berufs- oder Funktionsbezeichnung dienen und Signale über die wissenschaftlichen Qualitäten der Träger aussenden. Im öffentlichen Leben oder gar in der Politik hat er nichts verloren. In politischen Führungsfunktionen geht es um persönliche Integrität, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Weder ein Doktor noch ein Professor erfüllen alleine ihrer Forschungsexzellenz wegen diese Anforderungen. Damit das allen klar ist, gehören akademische Titel, wie jede andere Berufsbezeichnung, hinter und nicht vor den Namen.

 
 
Thomas Straubhaar ...

… ist Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Professor der Universität Hamburg. Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1957, gehört zu den profiliertesten Volkswirten in Deutschland

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