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Karriere eines Abzockers

"Deutschlands zuverlässigster Schlüsseldienst" ist wegen Betrugs angeklagt, das Gewerbe zwangsweise abgemeldet. Trotzdem öffnet Emil S. weiter Türen. Verbraucherschützer und Behörden sind machtlos.

Von Kerstin Herrnkind

  Schlüssel verloren? Das kann teuer werden, besonders, wenn man an einen unseriösen Schlüsseldienst gerät.

Schlüssel verloren? Das kann teuer werden, besonders, wenn man an einen unseriösen Schlüsseldienst gerät.

  • Kerstin Herrnkind

Elke Wendt kam von der Beerdigung ihres Mannes, als ihr Haustürschlüssel plötzlich nicht mehr passte. Möglicherweise war das Schloss manipuliert worden, während sie ihren Mann zu Grabe trug. Ein Schlüsseldienst musste ran. Die Telefonauskunft gab der 73-jährigen Witwe die Nummer von Emil S. – laut Eigenwerbung im Internet "Deutschlands zuverlässigster Schlüsseldienst".

Emil S. setzte ein neues Schloss ein und verlangte 1036,84 Euro. "Ich war von der Beerdigung noch so durch den Wind, dass ich auf Drängen des Monteurs sofort mit EC-Karte gezahlt habe", erzählt Elke Wendt.

Der Fotoredakteurin Betty R. war Handtasche samt Haustürschlüssel gestohlen worden. Auch ihr nannte die Auskunft die Nummer von Emil S. "Ich stand heulend im Treppenhaus", erinnert sich die 31-Jährige. "Der Monteur ließ mich einen Vertrag unterschreiben, bevor er die Tür öffnete. Erst dann trug er mit Kugelschreiber die angeblichen Kosten in den Vertrag ein und wollte plötzlich 534,87 Euro."

Elke Wendt und Betty R. sind nicht die einzigen Opfer von "Deutschlands zuverlässigstem Schlüsseldienst". Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat jetzt in zwei anderen Fällen Anklage gegen den Monteur wegen Betrugs erhoben. Emil S. soll Verträge nachträglich manipuliert und statt vereinbarter 180 Euro im ersten Fall knapp 500 Euro und im zweiten über 700 Euro verlangt haben.

Viele schwarze Schafe

"In dieser Branche gibt es viele schwarze Schafe", sagt Diplomingenieur Rainer Böddecker, beim Bundesverband Metall für Sicherheitstechnik zuständig. Bei über 200.000 eingetragenen Schlüsseldiensten in bundesdeutschen Telefonbüchern, ist es fast Glückssache, ob man an einen seriösen oder unseriösen Türöffner gerät. Schlüsseldienstmonteur ist kein Ausbildungsberuf. Jeder EU-Bürger, der ein sauberes Führungszeugnis vorlegt, kann in Deutschland einen Schlüsseldienst als Gewerbe anmelden. Emil S. stammt aus Tschetschenien und war Profiboxer, bevor er deutscher Staatsbürger und Schlüsseldienstmonteur wurde. Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie machtlos Verbraucherschützer und Behörden einer Branche gegenüberstehen, die so gut wie nicht kontrolliert wird.

Als Elke Wendt wieder "klar denken kann", beschwert sie sich bei der Verbraucherzentrale Hamburg über Emil S. Die Verbraucherschützer kennen den Monteur bereits. Des Öfteren haben sich Kunden beklagt, dass er bis zu 500 Euro und mehr für einfache Türöffnungen verlange. Das ist ein Vielfaches von dem, was der Bundesverband Metall für angemessen hält: 84 Euro an Werktagen, nachts 126 Euro und an Wochenenden 168 Euro. Selbst an Feiertagen, wie Heiligabend nach 18 Uhr, verlangen die Profis 210 Euro.

Doch die Verbraucherzentrale hat keine Handhabe gegen unlautere Firmen. "Wir können nur beraten", sagt Julia Rehberg. Sie schickt Elke Wendt zu dem Hamburger Rechtsanwalt Jörg Hiller, der auf Verbraucherrecht spezialisiert ist.

Auch Hiller kennt Emil S. "Ich vertrete über zehn Mandanten gegen diesen Herrn", sagt er. "Seine Masche ist - wie bei vielen Schlüsseldiensten – fast immer gleich. Er lässt die Kunden einen Formularvertrag unterzeichnen, bevor er die Tür öffnet. Dann setzt er in den bereits unterschriebenen Vertrag mit der Hand seine Wucherpreise ein. Wenn die Leute nicht zahlen wollen, droht er mit der Polizei."

460 Euro fürs Türöffnen

Schon im September 2010 – ein halbes Jahr nachdem Emil S. sein Gewerbe in Hamburg angemeldet hatte – ist Hiller für die ersten Kunden gegen den Monteur vor Gericht gezogen. 460 Euro hatte der Monteur für eine Türöffnung kassiert. Dieser Preis sei "sittenwidrig" entschied das Amtsgericht Hamburg (AZ 315b C 1/11) und verurteilte den Unternehmer, 275 Euro zurückzuzahlen. Im Fall von Elke Wendt verurteilen die Richter den Monteur, der Witwe knapp 800 Euro zu erstatten.

Doch Emil S. zahlt nicht. Hiller muss das Geld eintreiben. Ein schwieriges Unterfangen. Die Anschrift, unter der Emil S. sein Gewerbe in Hamburg angemeldet hat und die auch auf seinen Formularverträgen steht, existiert nicht. Das Haus ist abgerissen worden. Auf dem Grundstück klafft eine Baulücke. Viele Schlüsseldienste arbeiten mit Scheinadressen. Den 200.000 Einträgen in bundesdeutschen Telefonbüchern stehen nach Einschätzungen des Deutschen Notdienstanzeigers nur etwa 3500 Betriebe gegenüber.

Im Telefonbuch findet Hiller den "1A Schlüsseldienst Emil S." in fast 30 Städten von Hamburg bis Titisee-Neustadt. Der Unternehmer beschäftigt offenbar in ganz Deutschland freie Mitarbeiter - Monteure, die Türen öffnen und die niemand kontrolliert. Die "Eins" garantiert Emil S., dass er im Telefonbuch ganz vorne steht. Die Auskunft gibt seine Nummer deshalb besonders oft raus. Über das Einwohnermeldeamt findet Hiller zwar heraus, dass Emil S. nach Bottrop verzogen ist. Doch der Gerichtsvollzieher trifft den Monteur dort nie an.

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Scheinadressen und Briefkastenfirmen

Das undurchsichtige Geflecht von Scheinadressen und freien Mitarbeitern erschwert auch die polizeilichen Ermittlungen: In Duisburg zeigt eine Studentin Emil S. wegen Bedrohung an. 410,07 Euro habe der Monteur verlangt und ihr gedroht: "Wenn du nicht zahlst, nehme ich deinen Laptop mit." Auf dem Formularvertrag steht der Name Emil S. und die Hamburger Adresse des abgerissenen Hauses. Doch die Studentin erkennt den Monteur nicht zweifelsfrei wieder. Die Unterschrift unter dem Vertrag ist unlesbar. So kann nicht geklärt werden, ob Emil S. wirklich vor Ort war. Oder einer seiner Mitarbeiter.

Der Unternehmer verschleiert seine Identität. Ende 2012 mahnt die Wettbewerbszentrale Emil S. ab. Der Slogan "Deutschlands zuverlässigster Schlüsseldienst" ist irreführend. Tatsächlich meldet sich Emil S. bei den Wettbewerbshütern - allerdings unter seinem russischen Geburtsnamen. Seinen eingedeutschten Namen Emil S. führt der Unternehmer offiziell seit August 2010. Unter diesem neuen Namen hat er auch sein Gewerbe angemeldet. Trotzdem behauptet der Monteur nun, nichts mit dem Schlüsseldienst zu tun zu haben. Wenig später verschwindet der Slogan von der Homepage. Die geforderte Unterlassungserklärung der Wettbewerbszentrale unterschreibt Emil S. nicht. Aus Kostengründen verzichten die Wettbewerbshüter auf eine Klage.

Vor laufender Kamera bedroht

Der NDR greift den Fall von Witwe Wendt auf. Vor laufender Kamera bedrohen Mitarbeiter von Emil S. die Journalisten, als sie den Monteur zur Rede stellen wollen. Nachdem der Film ausgestrahlt worden ist, stottert Emil S. die 800 Euro an Elke Wendt ab. Auf Zinsen und Anwalts- und Gerichtskosten bleibt die Rentnerin allerdings sitzen.

Erst nach einer Beschwerde bei der Gewerbeaufsicht wird die Behörde aktiv. Schlüsseldienste werden grundsätzlich nur "anlassbezogen" kontrolliert. Das heißt: keine Beschwerde, keine Kontrolle. Als die Beamten Emil S. besuchen wollen, stehen sie vor der Baugrube. Das Gewerbe wird deshalb Ende 2012 von "Amts wegen" in Hamburg abgemeldet.

Doch Emil S. öffnet weiter Türen. Noch heute firmiert sein Schlüsseldienst im Internet unter der Adresse des abgerissenen Hauses in Hamburg.

Es sei halt "schwierig", ein Gewerbe zu verbieten, sagt Sorina Weiland vom zuständigen Bezirksamt Hamburg-Mitte. "Das ist ein Grundrechtseingriff in die freie Berufswahl. Dazu braucht man schon gewichtige Gründe, wie zum Beispiel wenn jemand rechtskräftig wegen einer Straftat verurteilt wird."

Neues Gewerbe eröffnet

Doch anders als die Zivilrichter ließ die Strafjustiz im Falle Emil S. bislang Milde walten. Bei der Staatsanwaltschaft Lübeck waren gegen den Monteur fünf Ermittlungsverfahren wegen Wuchers und Betrugs anhängig. Alle Verfahren wurden eingestellt. Kein öffentliches Interesse. Als die Staatsanwaltschaft Itzehoe den Monteur wegen Wuchers anklagte, stellte das Amtsgericht das Verfahren im Mai 2012 ein - gegen Zahlung von 200 Euro. In Hamburg wurden fünf Verfahren eingestellt, bevor Anklage erhoben wurde.

Emil S. ist inzwischen nach Schleswig Holstein gezogen, wo er sich ein Haus gekauft hat. Neben dem Schlüsseldienst hat er ein zweites Unternehmen gegründet: Rohrreinigungen. Wieder ein Gewerbe, das so gut wie nicht kontrolliert wird. Firmensitz ist auch diesmal das Haus in Hamburg, das schon vor Jahren abgerissen wurde. Wieder gibt es Klagen. "Versprechen 45 Euro, um vor Ort 400 Euro abzukassieren", schreibt ein Kunde im Netz eines Verbraucherforums. Emil S. - so sagt er - sei sich keiner Schuld bewusst. Einem Gerichtsverfahren sehe er gelassen entgegen. "Ich bin ein seriöser Geschäftsmann."

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