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"Ätsch, ihr irrt euch ..."

Freisprüche für die Ex-Porsche-Vorstände Wiedeking und Härter vor dem Stuttgarter Landgericht - mit einer für die Staatsanwälte vernichtenden Urteilsbegründung. Von Thomas Ammann

Wendelin Wiedeking hat nach dem Urteil gut Lachen

Wendelin Wiedeking (M.) hat nach dem Urteil gut Lachen

Es ist eine freundliche Fügung des Schicksals, dass an diesem Freitagmorgen die Sonne in den Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts scheint. Um 10.01 Uhr hellen sich auch die Mienen der Angeklagten Wendelin Wiedeking, Holger Härter und ihrer gesamten hochkarätigen Verteidigertruppe auf. Was der Vorsitzende Richter Frank Maurer zu verkünden hat, ist mehr als ein Freispruch erster Klasse, es ist eine Art Premium-Freispruch mit Turbopower. "In allen Punkten", so das Gericht, seien die Angeklagten freizusprechen, an den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft sei, so wörtlich, "nichts dran - weder vorne, noch in der Mitte, noch hinten".

Eine "Armada von Ermittlern", so Maurer weiter, habe es in sechs Jahren Arbeit nicht vermocht, tragfähige Beweise für den Vorwurf zu liefern, es habe einen frühzeitigen Geheimbeschluss gegeben, Volkswagen zu übernehmen. Die Staatsanwaltschaft selbst habe eingeräumt, mit den "Zeugen sei kein Blumentopf zu gewinnen" gewesen.

Das Urteil ist eine schallende Ohrfeige für die von Heiko Wagenpfeil angeführten Ankläger, wie man sie selten in dieser Klarheit erlebt. Allein schon deshalb wird dieser Fall Rechtsgeschichte schreiben.


Vorstandsbeschluss beim Feierabendbier?

Auch oder gerade das zackige Schlussplädoyer des Staatsanwalts Heiko Wagenpfeil konnte das Gericht nicht überzeugen. Der Ankläger hielt sich bei seinem Vortrag offenbar für so etwas wie den Protagonisten in einer Gerichts-Soap (Einleitung: "Hohe Strafkammer! Meine Herren Verteidiger! Plädoyer der Staatsanwaltschaft, Klappe, die zweite. Ich probiere es noch einmal.") Wagenpfeil bezichtigte die Angeklagten unverhohlen der Lüge, bezeichnete einige ihrer Einlassungen als "Käse" und schreckte zur Beschreibung der Vorgänge auch nicht vor Fäkalausdrücken zurück ("Scheiße, es gibt keine Aktien mehr am Markt ..."), was ihm vor dem "Königlich Bayerischen Amtsgericht" mit Sicherheit eine Rüge eingebracht hätte.

Im Kern, so Wagenpfeils Vorwurf, hätten die beiden Angeklagten frühzeitig "den Entschluss gefasst, Volkswagen vollständig zu so übernehmen, und das wahrheitswidrig dementiert". Er warf ihnen sogar vor, sie hätten die Finanzinstitute bewusst getäuscht ("Ätsch, ihr irrt euch ..."). Dazu, so spekulierte der Staatsanwalt, habe es einen Vorstandsbeschluss gegeben, der beispielsweise auch hätte so zustande kommen können: "Und das sieht dann so aus", so Wagenpfeil, "dass sie auch abends mal ein Bierchen [trinken, Red.] gehen können oder, sagen wir mal, telefonieren, und wenn dann der eine sagt: 'Hör mal, wollen wir nicht VW übernehmen?', und der andere sagt: 'Ist gut, machen wir!', dann ist das ein Vorstandsbeschluss - selbst wenn das sonst niemand weiß oder mitkriegt."

Dass etwas im Busch war, hatte die übrige Welt spätestens am Dienstag, 28. Oktober 2008, 9 Uhr, 39 Minuten mitgekriegt: Die Volkswagen-Aktie durchbrach damals die Marke von 1000 Euro.


Volkswagen kurzzeitig wertvollstes Unternehmen der Welt

Als die magische Hürde fiel, sprangen die Börsenhändler in Frankfurt auf und spendeten frenetischen Applaus. In diesem Moment war der Konzern 294 Milliarden Euro wert und wurde damit kurzzeitig zum wertvollsten Unternehmen der Welt.

Die denkwürdigen Vorgänge um die Volkswagen-Aktie hatten damals die Strafverfolger auf den Plan gerufen. Die Finanzaufsicht BaFin erstattete im August 2009 Anzeige, woraufhin die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen gegen Porsche, Wendelin Wiedeking, Holger Härter sowie gegen eines der beteiligten Institute, die Maple Bank, aufnahm (die Ermittlungen gegen die Bank wurden später eingestellt). Porsche habe sich bis Oktober 2008 heimlich eine “marktbeherrschende Stellung” bei Volkswagen-Aktien aufgebaut, um damit die Kurse im eigenen Interesse zu manipulieren, so die Ermittler.

Tatsache ist: Längst hatte der kleine Autobauer mehr durch Börsenspekulationen als durch den Verkauf von Sportwagen verdient. Durch den Übernahmekampf wurde die Volkswagen-Aktie in den Jahren 2005 bis 2009 zum Spielball der Zocker. Die einen setzten auf fallende, die anderen auf steigende Kurse. Holger Härter setzte auf beides.

Rad dreht sich immer schneller

Porsche wettete mit den Banken um die künftige Kursentwicklung der Volkswagen-Aktien. Zum einen kaufte Porsche Call-Optionen, bei denen ein Basispreis festgelegt war. Stieg die Aktie über diesen Preis, bekam Porsche von den Banken die Differenz. Porsche sicherte sich damit gegen steigende Kurse der Volkswagen-Aktie ab, die eine Übernahme erschwert hätten. Tatsächlich stieg der Volkswagen-Kurs seit dem Einstieg von Porsche im September 2005 ständig und rasant an.

Andererseits verkaufte Porsche Put-Optionen an Banken. Auch bei ihnen war ein Basispreis für die Volkswagen-Aktien festgelegt. Sollte die Aktie unter diesen Kurs sinken, musste Porsche den Banken die Differenz bezahlen. Die Banken sicherten sich dadurch gegen fallende VW-Kurse ab.

Welches Ausmaß die geheim gehaltenen Geschäfte in den Jahren 2005 bis 2009 tatsächlich annahmen, untersuchte im September 2010 die renommierte Frankfurter Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer im Auftrag von Porsche. Dabei kam heraus: Wiedeking und Härter drehten ein immer größeres Rad. Und sie drehten es immer schneller. Bei den Summen, die im Spiel waren, hätte man Zuffenhausen in Anlehnung an Dagobert Ducks Fantastillionen zeitweilig wohl besser in Entenhausen umbenannt.

Scheinbar sichere Wette wird zum tödlichen Risiko

Mit relativ überschaubaren Beträgen hatte das Spiel im Jahr 2005 begonnen, Porsche war mit rund 510 Millionen Euro für Volkswagen-Optionen eingestiegen. Demgegenüber standen Gewinne aus den Optionsgeschäften in Höhe von rund 780 Millionen. Im Geschäftsjahr 2006/07 wurden bereits 3,3 Milliarden Euro für Optionsgeschäfte bezahlt, eingenommen wurden 6,3 Milliarden. Und so ging es munter weiter, bis Porsche im Geschäftsjahr 2008/2009 die geradezu fantastische Summe von 56,1 Milliarden Euro für Aktienoptionen ausgab – mehr, als man im ganzen Jahrzehnt davor mit dem Verkauf von Autos verdient hatte. Demgegenüber standen Einnahmen aus Optionsgeschäften in Höhe von 53,7 Milliarden Euro – summa summarum ein Verlust vor Steuern von 2,4 Milliarden Euro. Insgesamt aber, so die Anwälte von Freshfields Bruckhaus Deringer, habe Porsche zwischen 2005 und 2009 mit den Aktienoptionsgeschäften 8,23 Milliarden Euro verdient.

Doch dann brach im September 2008 die Finanzkrise über die Welt herein. An den Börsen der Welt fielen die Aktien, auch die von Volkswagen. Vom 17. bis 24. Oktober rauschten sie von 360 auf 209 Euro herunter. So wurde Härters scheinbar sichere Wette plötzlich zum tödlichen Risiko. Man trat die Flucht nach vorn an. Am Sonntag nach dem Kurssturz der Aktie teilte das Unternehmen mit, man besitze schon 42,6 Prozent der Volkswagen-Stammaktien und verfüge über Optionen auf weitere 31,5 Prozent. Porsche wolle mehr als 75 Prozent bei Volkswagen erwerben, schrieb der Vorstand, was man bis dahin stets bestritten hatte.

Diese Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 erregte den größten Argwohn der Strafverfolger, denn sie habe erstmals die wahren Absichten der Porsche-Vorstände offenbart. Dass man eine solche "feindliche Übernahme" (Staatsanwalt Wagenpfeil) - die in Wahrheit ein riskantes Spiel mit zahllosen Unbekannten ist - nicht vorab planen oder gar beim Feierabend-Bier verabreden kann, wollte die Staatsanwaltschaft bis zuletzt nicht verstehen. "Überlegen Sie mal, wann ein Krieg losgeht", so Wagenpfeil in seinem Schlussplädoyer, "ob da ein Feldherr ist, der planlos handelt. Nehmen Sie Julius Caesar, hat der erst begonnen, die Römischen Bürgerkriege zu starten, als er Pompeius schon besiegt hatte? Nein. Den Krieg hat er in dem Moment beschlossen, wo er gesagt hat, die Würfel sind gefallen, ich habe den Rubikon überschritten."

Richter Maurer konterte in seiner Urteilsbegründung kühl: "Wenn ich in diesem Bild bleibe, dann zieht Julius Caesar in den Krieg, und keiner bekommt was mit." Einen "Brötchenkauf beim Bäcker" könne man beim Feierabendbier verabreden, aber nicht eine Milliardenübernahme. Einen geheimen Übernahmeplan, so Richter Maurer mehrfach und zunehmend genervt in Richtung Staatsanwaltschaft, habe es "nie gegeben".

"Was hätte Professor Piëch wohl gesagt?"

Während der zweistündigen Urteilsbegründung des Gerichts entspannten sich die Angeklagten Wiedeking und Härter zusehends. Wiedeking gönnte sich gelegentlich einen Seitenblick auf den gescholtenen Staatsanwalt Wagenpfeil, und die Verteidiger konnten mehrfach nicht umhin, den Ausführungen des Vorsitzenden heftig nickend zuzustimmen. Auch Richter Maurers Beschreibung der Rolle des VW-Patriarchen Ferdinand Piëch stieß auf ungeteilte Zustimmung bei Angeklagten und Verteidigern. Man habe den Plan einer 75-prozentigen Volkswagen-Übernahme schon allein deshalb nicht ins Auge fassen können, so eine der Verteidigungslinien während des gesamten Verfahrens, weil Piëch ab etwa 2007 nach einem tiefen Zerwürfnis mit Wiedeking nicht mehr auf dieser Linie gewesen sei.

Die Rolle Piëchs sei "aufgebauscht", hatte Staatsanwalt Wagenpfeil demgegenüber in seinem Plädoyer behauptet, sein Verhalten damals sei "allenfalls ein optisches oder psychologisches Problem" gewesen - was die wahren Verhältnisse im Familienunternehmen Volkswagen-Porsche allerdings krass verkennt und von Richter Maurer als "steile These" bezeichnet wurde. "Was hätte Professor Piëch wohl gesagt", so Maurer in der Urteilsbegründung, "wenn er hier im Zeugenstand gewesen als optisches oder psychologisches Problem bezeichnet worden wäre?"

Wer immer mit Wiedeking in den letzten Monaten im kleineren Rahmen sprach, konnte erleben, wie tief er auch nach knapp zehn Jahren durch dieses Zerwürfnis mit Piëch getroffen ist. Da sind auch die vielen Zigmillionen, die Wiedeking in den Jahren des Übernahmekampfes verdiente, kein Trost. Die Abwendung des Patriarchen, der Widerstand aus Politik und Gewerkschaften und letztlich die Finanzkrise haben den ehrgeizigen Traum von der VW-Übernahme zunichte gemacht. Noch immer nagt an Wiedeking, dass er nicht als Held des Turbo-Kapitalismus gefeiert, sondern stattdessen - wie er es empfand - mit Schimpf und Schande vom Hof geprügelt wurde.

Der heutige Urteilsspruch dürfte Balsam auf die geschundene Seele sein.

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