HOME

Die Pokerschlacht um die Opfer-Entschädigung

Mit 25.000 Euro hat die Lufthansa das Pokerspiel mit den Anwälten der Opfer eröffnet. Mit dieser provokant niedrigen Summe wird die Airline allerdings kaum davon kommen.

Ein Meer aus Rosen, Kerzen und Windlichtern in Gedenken an die Opfer der Germanwings-Katastrophe

Kaum ist die Trauer um die Toten abgeklungen, beginnt das Geschacher um die Entschädigungen.

25.000 Euro hat die Lufthansa den Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes angeboten, zusätzlich zu der schon gezahlten Soforthilfe von 50.000 Euro. 75.000 Euro pro Kopf lautet also die Vorstellung der Airline. Dieses Angebot wird eine juristische Schlammschlacht eröffnen. Es ist so niedrig angesetzt, dass es nur ein Signal ausstrahlt: "Wir zahlen nur das Nötigste und keinen Cent mehr." Ein Anwalt der Opfer kommentierte das Angebot dann auch als "Lachnummer". Ein Verhandlungsangebot sieht anders aus.

Was wäre angemessen?

Schäden im internationalen zivilen Luftverkehr regelt das Montrealer Übereinkommen. Demnach müssen die Airlines den Verunglückten maximal etwa 142.000 Euro zahlen. Aber nur, wenn die Firma keinerlei Schuld an dem Unglück trifft. Trägt die Gesellschaft eine Mitschuld haftet sie unbegrenzt.  Im konkreten Fall müsste die Lufthansa jede Mitverantwortung an den Taten des Kopiloten abstreifen können. Die Kläger der Opfer werden genau dies mit Hinblick auf Krankengeschichte des Kopiloten bestreiten. Da der Absturz der Germanwings-Maschine von einem Beauftragten der Firma absichtlich eingeleitet wurde, dürfte die Haftungsgrenze kaum greifen.

Musterfall Concorde-Unglück

Die Zahlungen bei Flugzeugabstürzen sind kaum miteinander zu vergleichen. Nach dem Crash einer Egypt-Air-Maschine vor der US-Küste erhielten die Angehörigen der 217 Insassen jeweils nur etwa 70.000 Euro Entschädigung. Nach dem Concorde-Absturz im Jahr 2000 erhielten die Hinterbliebenen je Opfer weit über eine Million Euro. An diesem Wert werden sich die Anwälte der Germanwings-Opfer orientieren. Das dürfte realistisch betrachtet die untere Schwelle für eine Einigung sein. 

Bei den hohen Zahlen muss man aber wissen, dass bei Entschädigungszahlungen Opfer nicht gleich Opfer ist. Tote mit hohem Einkommen und Angehörigen, die von ihnen finanziell abhängig sind, führen zu hohen Entschädigungsleistungen. Menschen ohne finanzielle Verpflichtungen zu sehr geringen Summen.

US-Verfahren droht

Worst Case für die Lufthansa und beste Lösung für die Angehörigen wäre eine Entschädigung nach US-Recht. Da auch "teure" US-Bürger unter den Opfern waren, wird die Gesellschaft ohnehin in den USA verklagt. Anders als in den USA kennt das deutsche Recht keinen emotionalen Schadenersatz für tote Kinder oder Personen ohne Unterhaltsverpflichtungen. Der auf Luftfahrtrecht spezialisierte Partner der Londoner Kanzlei Stewarts Law LLP James Healy-Pratt sagte der "Welt", dass in den USA nach tödlichen Flugzeugunglücken durchschnittlich 4,5 Millionen Dollar pro Erwachsenen gezahlt werden. Bei Kindern oder Opfern ohne finanziell abhängige Personen seien es immer in der Regel zwei Millionen Dollar, während in Europa nur 30.000 Euro gezahlt würden.

Sollte im konkreten Fall eine Mitschuld oder ein Versagen der Airline vom Gericht festgestellt werden, können die Entschädigungszahlen allerdings wesentlich höher ausfallen. Das US-Recht kennt nämlich auch einen Strafschadensersatz. Zum Alptraum für die Lufthansa wird die US-Justiz allerdings erst dann, wenn es das US-Gericht zulässt, dass sich auch europäische Angehörige der US-Klage anschließen. Das ist im Prinzip zumindest möglich. Dann müssten auch für diese Personen die hohen Entschädigungen nach US-Standard gezahlt werden.

Imageschaden wird in Kauf genommen

Auf jeden Fall bleibt der PR-Schaden eines jahrelangen Prozesses an der Lufthansa hängen. Doch mit dem Angebot von 25.000 Euro - in etwa der Preis eines VW Golfs - hat man deutlich gemacht, dass man den Imageschaden in Kauf nimmt. Die Schlagzeile der "Bild" "Wut auf Germanwings" war nur ein erster Vorgeschmack.

Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren