Für die Krankenkassen beginnt mit dem Gesundheitsfonds eine neue Ära. Im verschärften Wettbewerb suchen sie nach neuen Strategien und Geschäftsmodellen - und nach dem perfekten Versicherten. Von Lukas Heiny

Die Einführung des Gesundheitsfonds stellt die Kassen vor neue Herausforderungen© colourbox.com
Hinter der schweren Holztür von Raum H 3.22 befindet sich das "Cockpit". Von hier aus können alle 18 Millionen Anrufer, die jedes Jahr ihre Krankenkasse sprechen wollen, zu einem freien Callcenter-Mitarbeiter geleitet werden. Einfach per Mausklick. Über den Flachbildschirm unter der Decke flimmert sekundengenau die Statistik: 18.293 Versicherte haben heute eine der Servicenummern der Techniker Krankenkasse (TK) gewählt.
1522 Anrufer wurden aus der Leitung gedrängt. Wegen Überlastung. "Da hatten wir zu wenig Hände am Telefon", sagt Stephan Bartels, der zuständige Referatsleiter. In diesem Augenblick hört ein Anrufer seit 1:07 Minuten die Wartemelodie im Telefon. Per Klick wird er zu einem freien Callcenter-Mitarbeiter in Leipzig geschoben.
Seit wenigen Wochen ist Service noch wichtiger als früher. Denn neue Kunden zu werben dürfte schwieriger werden in den kommenden Monaten, trotz teurer Werbekampagnen. Die deutschen Krankenkassen stellen sich auf harte Zeiten ein. "Entscheidend wird die Kundenbindung", sagt TK-Vorstandschef Norbert Klusen, der zwei Stockwerke über dem Cockpit residiert.
Jeder Versicherte ist Geld wert, auch für die TK, die größte Kasse der Republik. "Der Gesundheitsfonds trifft uns heftig", sagt Klusen. "Wir haben 2009 weniger Geld zur Verfügung als noch 2008."
Seit Anfang Januar ist der Gesundheitsfonds scharf geschaltet. Nichts hat das Geschäft der rund 200 Krankenkassen je stärker verändert als diese gigantische Umverteilungsmaschine. 168 Milliarden Euro fließen nach neuer Logik aus dem Fonds auf ihre Konten. Das zwingt sie, sich neu aufzustellen: neue Strategien, neue Zielgruppen, neue Geschäftsmodelle. Eine neue Ära. Zentral ist dabei die neue Formel, nach der das Geld verteilt wird - der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich, kurz Morbi-RSA. Jeden Monat erhalten die Kassen für jeden Versicherten eine alters- und geschlechtsabhängige Pauschale sowie Zuschläge für 80 ausgewählte Krankheiten zwischen 20 Euro und 5000 Euro.
Es ist ein radikaler Bruch mit der Jahrzehnte alten Systematik der gesetzlichen Krankenversicherung. Wegen dieser Zuweisungen steht die bisherige Geschäftsstrategie der Kassen, vor allem junge, gesunde und gut verdienende Kunden anzulocken, infrage. "Gute Risiken sind nun Versicherte, die Sie gut steuern können. Das ist ein Paradigmenwechsel", sagt Achim Kolanoski, Vorstandschef der Deutschen BKK.
In den Vorstandsbüros der Kassen führt die Logik des Fonds zu einem Umdenken. Nun könnten erstmals Kranke Gewinn bringen - wenn sie für weniger Geld versorgt werden können, als die Zuweisungen für sie einbringen. Die Manager starten die Suche nach dem perfekten Risiko, dem goldenen Versicherten.
"Im Controlling haben wir nun ein neues Benchmark", sagt Axel Schönewolf, Leiter Controlling bei der Deutschen BKK. "Man kann für jeden Versicherten ein Konto aufmachen, mit Soll und Haben. So detailliert war das vorher nicht möglich." Auf dieser Basis wollen die Kassen in Zukunft neue Businesspläne austüfteln, Versorgungsstrukturen aufbauen - und gezielt lukrative Kunden anwerben. Das ist die Theorie. In der Praxis sind die Kassen noch nicht so weit. Den Mathematikern und Statistikern fehlt das Werkzeug, um wirklich für jeden Versicherten einen Deckungsbeitrag zu berechnen. Die Einnahmen lassen sich wegen des Fonds genau zuordnen - die Ausgaben noch nicht. "Wir müssen die Daten der einzelnen Sektoren zusammenführen, um eine komplette Versorgungsanalyse durchführen zu können", sagt Schönewolf. Das brauche Zeit.
Noch stehen die Kassen am Anfang. "Wir hatten über Jahrzehnte eine Kultur von Kennzahlen. Ich wusste immer, wo wir stehen", sagt Rolf Hoberg, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, die jeden Monat 785 Millionen Euro aus dem Fonds bekommt. "Die neue Zahlenwelt ist dagegen noch völlig unerprobt." Während sich die direkten Behandlungskosten noch klar zuordnen ließen, sei man bei chronisch Kranken auf neuartige Schlüsselungen angewiesen. Hoberg hat alle Analyseteams im Haus verstärkt, EDV eingekauft, Mediziner ins Controlling versetzt. "Aber erst in zwei Jahren werden wir eine solide Deckungsbeitragsrechnung haben", schätzt er. Bis dahin steuert er die fünftgrößte Kasse Deutschlands auf Basis grober Schätzungen.
Den anderen Kassenchefs geht es kaum besser. "Noch weiß keine Kasse, wo sie wirklich steht", sagt der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. Bislang beruhen die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds auf Zahlen von 2006. Bereits ab April werden die Finanzströme aus Daten des Jahres 2007 berechnet. "Die Haushalte der Kassen sind damit schon heute Makulatur", so Ingo Kailuweit, Chef der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH). Und Frank Neumann, Vorstandsvorsitzender der Direktkrankenkasse BIG, sagt: "Bis die endgültigen Daten vorliegen, stochern wir im Dunkeln." Die Jagd nach den perfekten Versicherten beginnt erst noch.
In der Branche gilt 2009 als Übergangsjahr. "Es geht nur ums Überleben, irgendwie durchkommen", sagt der Vorstand einer kleinen BKK. Von einem "Stillhalte-Wettbewerb" spricht TK-Chef Klusen. "2009 wird das Jahr der Buchhalter, nicht das Jahr der Versorger", warnt Herbert Rebscher, Chef der Deutschen Angestellten-Krankenkasse. Mit Sorge beobachten die Kassenmanager derzeit ihre Kontostände. Ihre größte Sorge gilt der ausreichenden Liquidität. Wegen der begrenzten Spielräume drohen Insolvenzen und Zwangsfusionen. Im ersten Halbjahr werden sich noch viele Kassen am Markt halten können, doch dann könnte es losgehen.
Richtig eng wird es etwa für die City BKK. Seit am Neujahrstag der Bescheid über die monatlichen Zuweisungen aus dem Bundesversicherungsamt in der Post lag, ist klar: Es geht nicht mehr. "Wir kriegen zu wenig. Die Zuweisungen decken unsere Kosten nicht", sagt Vorstandschef Herbert Schulz. "Das halten wir so nur wenige Monate durch." Mit einem Beitragssatz von 17,4 Prozent war die City BKK bis vor Kurzem die teuerste Kasse Deutschlands. Ein Sammelbecken alter, schwer kranker und damit teurer Versicherter, die fast alle in den hochpreisigen Versorgungsgebieten Hamburg und Berlin leben.
Zwar erhält die Kasse nun für diese Kranken erhöhte Zuweisungen, doch das reicht nicht. Für andere Kassen, die die regionale Konzentration über die Fläche besser ausgleichen könnten, seien seine Versicherten dagegen attraktiv, sagt Schulz. Zum April strebt er daher eine Fusion an. Sonst müsse er als erster Kassenchef Deutschlands einen Zusatzbeitrag erheben.
Um kurzfristig mehr Geld zu bekommen, bleiben nur zwei Wege: ein Darlehen vom Gesundheitsfonds, das 2010 oder 2011 zurückgezahlt werden muss, oder Zusatzbeiträge. Im Bundesversicherungsamt rechnet man mit 20 Kassen, die im Laufe des Jahres einen Zusatzbeitrag erheben müssen. In der Branche geht man von deutlich mehr aus - auch wenn die Manager alles tun, um dies zu verhindern. Denn im Wettbewerb um Kunden gelten sie als verheerend. Es gibt Studien, wonach ein Viertel der Versicherten wegen der Zusatzbeiträge die Kasse wechseln könnte. Selbst zehn Prozent wären ein Desaster.