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Schmerzhafter Beschluss soll nicht weh tun

Die Kassenärzte wollten die Kosten von Vollnarkosen - etwa bei Zahnbehandlungen - den Beitragszahlern aufbürden. Der Kinderschutzbund läuft Sturm gegen den Plan. Der soll nun überarbeitet werden.

Vollnarkose beim Zahnarzt oder vor Untersuchungen der Atemwege und der Verdauung sollen ab 1. Oktober die Versicherten bis auf wenige Ausnahmen selber zahlen. So sah es der Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vor. Der gemeinsame Bewertungsausschuss von Krankenkassen und KBV hat diesem Plan zunächst zugestimmt. Doch laut KBV-Sprecher Roland Stahl sei dieser Beschluss kurz danach gestoppt worden. Denn man habe auf "berechtigte Wünsche", etwa von Narkoseärzten, reagiert und werde am 22. August über einen endgültigen Katalog beraten, bei welchen Behandlungen die Betäubung auch in Zukunft von den Kassen bezahlt werden. "Es will niemand medizinisch notwendige Narkosen streichen. Es muss keiner Angst haben, dass er am 1. Oktober schmerzverzerrt im Zahnarztstuhl sitzt", sagte Stahl. Örtliche Betäubungen seien sowieso nicht betroffen. Aber die Kosten für Betäubungen in den ambulanten Praxen seien auf jetzt 280 Millionen Euro deutlich gestiegen. Stahl: "Wir müssen deshalb den Spagat zwischen Ökonomie und dem, was medizinisch sinnvoll ist, meistern."

"Nicht immer ist Narkose sinnvoll"

Das sieht das Bundesgesundheitsministerium ähnlich. Der ursprüngliche Beschluss des Bewertungsausschusses werde deshalb auch nicht umgesetzt. Denn "die, die es brauchen, sollen die Narkose auch bekommen. Aber wir sehen es nicht als sinnvoll an, dass bei jeder Behandlung eine Vollnarkose erfolgt", sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Der AOK-Bundesverband betonte jedoch, dass Kassenpatienten, vor allem Kinder, beim Zahnarzt auch künftig mit einer medizinisch notwendigen Vollnarkose rechnen können.

Der Deutsche Kinderschutzbund hatte zuvor davor gewarnt, die Narkosen bei Zahnbehandlungen künftig aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zu nehmen. Der Präsident der Organisation, Heinz Hilgers, sagte, dass dies insbesondere bei Familien mit geringem Einkommen "katastrophale Folgen" für die Kinderzahnheilkunde haben könne. Gerade sozial schwache Familien seien nicht in der Lage, die Kosten in Höhe von 200 bis 600 Euro für Narkosen vor ambulanten Zahnbehandlungen aus eigener Tasche zu zahlen. Wenn aber aus finanziellen Gründen auf Behandlungen verzichtet werde, könnte es zu einer "völligen Entzahnung" der Kinder kommen, sagte Stahl gegenüber stern.de. "Deshalb ist es erfreulich, dass der Beschluss jetzt noch einmal geprüft wird."

Malte Arnsperger mit DPA

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