Müssen Sie sich zusätzlich absichern?

29. Juli 2009, 15:36 Uhr

Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt in der Regel nur einen Teil der Kosten im Pflegefall ab. stern.de erklärt, was private Zusatzversicherungen bieten.

Die Pflegeversicherung ist eine Pflichtversicherung und soll einen Teil der Kosten übernehmen, die im Pflegefall auftreten. Die Zahl der Betroffenen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, mehr als 2,4 Millionen Menschen in Deutschland gelten derzeit als pflegebedürftig. Darunter versteht man Menschen, die sowohl bei der körperlichen Grundpflege, beim Einkaufen, Kochen, Putzen oder auch beim Aufstehen, Hinlegen oder An- und Ausziehen für mindestens sechs Monate dauerhafte und regelmäßige Hilfe brauchen.

Das Thema Pflege ist äußerst komplex. Ob jemand pflegebedürftig ist, muss immer ein Gutachter feststellen, meist ein Arzt oder eine Pflegekraft des Medizinischen Dienstes. Im Auftrag der jeweiligen Pflegekasse stattet dieser dem Pflegebedürftigen einen etwa einstündigen Hausbesuch ab. Für den Antragssteller empfiehlt es sich, vorher eine ausführliche Beratung durch die eigene Krankenkasse oder einen Pflegedienst zu suchen.

Doch wie funktioniert die staatliche Pflegeversicherung eigentlich und wann ist eine private Zusatzversicherung sinnvoll? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das Thema Pflegeversicherung.

Wer zahlt in die Pflegeversicherung ein?

In Deutschland gilt eine umfassende Versicherungspflicht. Privat Versicherte müssen eine private Pflegeversicherung abschließen. Jeder gesetzlich Krankenversicherte zahlt 1,95 Prozent seines Bruttolohns in die Pflegekasse ein. Bei einem Monatseinkommen von 3000 Euro zum Beispiel fallen fast 60 Euro für die Versicherung an, im Jahr also mehr als 700 Euro. Anders als Angestellte, bei denen sich die Arbeitgeber zur Hälfte an den Beiträgen beteiligen, müssen Selbständige und Rentner sie komplett selbst zahlen.

Und: Kinderlose ab 23 Jahren müssen aus eigener Tasche außerdem noch einen Aufschlag von 0,25 Prozent stemmen - sie zahlen also 2,2 Prozent. Ausgenommen ist von dieser Regelung nur, wer vor dem 1. Januar 1940 geboren ist, sowie Bezieher von Arbeitslosengeld II.

Für die Berechnung der Pflegeversicherung wird das Bruttogehalt nur bis zur sogenannten Beitragsbemessungsgrenze herangezogen. Sie liegt 2011 bei 3712,50 Euro im Monat beziehungsweise 44.550 Euro im Jahr. Das Gehalt, das über der Grenze liegt, bleibt somit beitragsfrei. Das heißt: Wer mehr verdient, zahlt prozentual gerechnet weniger.

Wer darf Leistungen beziehen?

Jeder, der in den letzten zehn Jahren vor der Antragsstellung mindestens zwei Jahre in die Pflegekasse seiner Versicherung eingezahlt hat. Für mitversicherte Familienmitglieder gilt die gleiche Frist. Die Krankenkasse ist gleichzeitig auch Ihre Pflegekasse. Auch wer eine private Pflegeversicherung abgeschlossen hat, bekommt Zuschüsse zu den Pflegekosten.

Was leistet die Pflegeversicherung?

Die gesetzliche Pflegeversicherung funktioniert wie eine Teilkasko-Versicherung, es werden also längst nicht alle Kosten des Pflegebedürftigen abgedeckt. Anteilig werden unter anderem bezahlt: Pflegegeld, Sachleistungen, vollstationäre Pflege, Kurzzeit- und Ersatzpflege, Verbesserung des Wohnumfeldes und Rentenversicherungsbeiträge für Pflegepersonen. Berufstätige (beschäftigte) Angehörige haben Anspruch auf bis zu sechs Monate unbezahlte Pflegezeit mit Jobgarantie in Betrieben ab 15 Angestellten. Für die akute Organisation von Pflege haben Beschäftigte außerdem Anspruch auf eine unbezahlte, bis zu zehntägige Freistellung.

Allerdings können auf Pflegebedürftige wie auf deren Angehörige immer noch hohe Kosten zukommen. So kostet etwa eine Heimunterbringung schnell mehr als 3000 Euro - also nahezu der doppelte Betrag, den die Pflegekassen zahlen. In diesen Fällen muss der Bedürftige selbst zuschießen - etwa aus seinen Renteneinkünften und Ersparnissen. Sollte auch das nicht ausreichen, übernimmt das zuständige Sozialamt den Differenzbetrag, versucht jedoch normalerweise, diese Kosten von den zum Unterhalt verpflichteten Angehörigen wieder einzutreiben. Diese müssen jedoch keineswegs in unendlicher Höhe herhalten, sondern werden - zumeist von einem Gericht - zu einem angemessenen Beitrag verpflichtet.

Was sind Pflegestufen?

Auf welche Leistungen der Pflegebedürftige ein Anrecht hat, hängt von seiner Pflegestufe ab. Neben den drei "offiziellen" Pflegestufen I-III gibt es noch zwei weitere Leistungsarten

Pflegestufe 0 (Hilfsbedürftige)
Dieser Begriff hat sich im Volksmund eingebürgert. Die offizielle Bezeichnung lautet "Zusätzliche Betreuungsleistungen bei eingeschränkter Alltagsleistung". Hier werden alle erfasst, die zwar pflegebedürftig sind, aber deren Hilfsbedarf noch nicht hoch genug für eine der offiziellen Pflegestufen ist. Dazu gehören beispielsweise demente Personen, die zwar eine gewisse Beaufsichtigung brauchen, aber in puncto hauswirtschaftlicher Versorgung und Grundpflege nur geringe Hilfe benötigen. Sie erhalten bis zu 200 Euro monatlich aus der Pflegeversicherung.

Pflegestufe I (erheblich Pflegebedürftige)
Das sind alle diejenigen, die bei der Grundpflege (Körperpflege, Ernährung, Mobilität) mindestens einmal täglich Hilfe und zusätzlich mehrmals in der Woche Hilfe bei der hauswirtschaftlichen Versorgung brauchen. Der tägliche Pflegebedarf muss bei mindestens 90 Minuten liegen - davon mindestens 45 Minuten Grundpflege.

Pflegestufe II (Schwerpflegebedürftige)
Das sind alle diejenigen, die bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität mindestens dreimal täglich zu verschiedenen Tageszeiten Hilfe brauchen und zusätzlich mehrmals pro Woche Hilfe bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigen. Täglicher Pflegebedarf: mindestens 3 Stunden - davon mindestens 2 Stunden Grundpflege.

Pflegestufe III (Schwerstpflegebedürftige)
Das sind alle diejenigen, die bei der bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität täglich rund um die Uhr - also auch nachts - Hilfe brauchen und zusätzlich mehrmals pro Woche Hilfe bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigen. Nur etwa zehn Prozent der Pflegefälle sind in dieser Pflegestufe eingruppiert. Täglicher Pflegebedarf: mindestens 5 Stunden - davon mindestens 4 Stunden Grundpflege.

Pflegestufe III+ (Härtefall)
Sie ist den ganz schweren Pflegefällen vorbehalten, zum Beispiel die 24-Stunden-Pflege eines vom Hals abwärts Gelähmten.

Ambulante/Häusliche Pflege

Generell gilt: Soweit möglich werden Pflegebedürftige zu Hause, also ambulant, gepflegt. Für rund zwei Drittel aller Pflegefälle trifft das zu. Die Pflegekräfte sind angehalten, die sogenannte aktivierende Pflege zu leisten. Ziel ist es, die Eigeninitiative der Pflegebedürftigen zu fördern und zu erhalten. Ihnen es also zu ermöglichen, sich selbst zu waschen, zu kochen und sich in der eigenen Wohnung selber zu bewegen. Die persönliche Wohnsituation spielt dabei für den Gutachter, der die Pflegebedürftigkeit einschätzt, eine wichtige Rolle. Es gibt auch Zuschüsse von der Pflegekasse, um die Wohnsituation zu verbessern. Um zum Beispiel fest installierte Rampen oder Treppenlifte einzubauen, oder um eine Wanne gegen eine Dusche zu tauschen. Heimpflege kann sowohl von Fachkräften als auch von Laien (Verwandte beispielsweise) durchgeführt werden.

Vollstationäre/Heimpflege

Wird eine vollstationäre Pflege notwendig - also die Unterbringung in einem Heim - , zahlt die Pflegeversicherung einen Zuschuss zu den Heimkosten bis zu einem monatlichen Höchstsatz. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung muss der Pflegebedürftige aber selbst tragen, denn der Zuschuss gilt nur für die pflegebedingten Aufwendungen. Wichtig zu wissen: Pflegebedürftige entscheiden selbst, in welches Pflegeheim sie gehen möchten.

Pflegegeld/Pflegesachleistungen

Organisiert der Pflegebedürftige selbst seine häusliche Pflege und die Versorgung, hat er Anspruch auf Pflegegeld. Davon kann er dann die Personen, die ihn pflegen (beispielsweise Familienangehörige oder Nachbarn) bezahlen. Die Kassen können statt Geld auch Dienstleistungen übernehmen, die sogenannten Pflegesachleistungen. Dies ist dann der Fall, wenn der Pflegebedürftige zu Hause betreut wird, also von Pflegekräften beim Waschen, Essen oder Wohnungsputz unterstützt wird.

Die Höhe der Sachleistungen richtet sich nach der jeweiligen Pflegestufe. Pflegegeld und Sachleistungen können auch kombiniert werden. So hat der Pflegebedürftige die Möglichkeit, einen Teil seiner Pflege an einen Pflegedienst abzugeben und für den restlichen Bedarf selbst zu sorgen. Konkret kann das bedeuten, dass ein Pflegedienst die morgendliche Pflege übernimmt und ein Familienangehöriger dann zu anderen Tageszeiten (zum Beispiel ab Mittag) übernimmt.

Private Pflegezusatzpolicen

Private Pflegezusatzpolicen können dazu beitragen, die finanziellen Risiken einer Pflegebedürftigkeit abzufedern. Der Versicherungsnehmer erhält je nach Tarif entweder eine bestimmte Pflegerente, anteilig die tatsächlichen Kosten oder ein Tagegeld, über das er frei verfügen kann. Die Prämien sind umso höher, je älter der Antragsteller bei Versicherungsbeginn ist.

Allerdings gibt es auch gute Argumente dafür, auf die private Pflegezusatzversicherung zu verzichten. Zum einen ist die Zusatzversicherung verhältnismäßig teuer: Mit Beiträgen zwischen 50 und 100 Euro muss man monatlich rechnen. Die Verbraucherzentrale Bayern weist zudem daraufhin, dass schon eine Unterbrechung der Zahlungen, sei es wegen Arbeitslosigkeit oder wegen eines finanziellen Engpasses, im Regelfall dazu führt, dass das bis dahin eingezahlte Geld und der Versicherungsschutz verloren gehen.

Deshalb ist es besonders für junge Menschen oft sinnvoller, die private Altersvorsorge aufzustocken statt in eine Pflegezusatzversicherung einzuzahlen. Wenn diese nicht in Anspruch genommen wird, ist das Geld nämlich weg - anders als bei herkömmlichen Anlageformen oder Immobilien. Diese lassen sich entweder vererben oder im Pflegefall zu Geld machen, das dann dringend gebraucht wird.

Sonderregelung für Demenzkranke

Demenzkranke fallen derzeit durch das Raster der Pflegeversicherung. Sie haben zwar einen erheblichen Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung. Trotzdem erfüllen sie damit noch nicht die Voraussetzungen für die Pflegestufe I. Denn diese sind bis dato rein körperlich. Weil sich Demenzkranke in der Regel aber noch selbst anziehen oder selbst essen können, erhalten sie monatlich maximal 200 Euro für "Zusätzliche Betreuungsleistungen bei eingeschränkter Alltagsleistung". Außerdem können sie jedes halbe Jahr einen Beratungsbesuch in Anspruch nehmen.

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