Eckart Fiedler, Chef der Barmer Ersatzkasse, über gierige Ärzte, teure Medikamente und Zwei-Klassen-Medizin im Wartezimmer.

Eckart Fiedler ist Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse, mit sieben Millionen Mitgliedern Deutschlands größte Krankenkasse© Florian Schwinge
Die Autoindustrie ist sicherlich auch nicht zu unterschätzen. Aber ich gebe zu, dass die Pharmaindustrie sehr stark vertreten ist in Berlin.
Das kann man, glaube ich, für Deutschland nicht sagen. Aber die Politik unterliegt natürlich auch hierzulande Einflüsterungen. Im Vordergrund steht dabei die Drohung des Abbaus von Arbeitsplätzen. Wenn die Politik Arzneimittelkosten senken will, malen die Lobbyisten gleich den Untergang der mittelständischen Pharmaindustrie an die Wand und fordern einen Schutzzaun. Die Landesregierungen sind dafür besonders empfänglich. Die Folge ist, dass die Arzneimittelpreise in Deutschland mit zu den höchsten zählen.
Bei innovativen patentgeschützten Arzneimitteln ist die Preisgestaltung frei, das heißt, der Hersteller kann den Preis verlangen, den er für richtig hält. In diesem Segment haben wir ein relativ hohes Preisniveau. Das kann man aber noch damit rechtfertigen, dass echte Innovationen hohe Forschungskosten bedeuten, die gegenfinanziert werden müssen.
Ich habe nichts dagegen, dass die Pharmaindustrie bei neuen Medikamenten hohe Preise verlangt. Nach Ablauf der Patentschutzfrist muss dann aber ein massiver Preiswettbewerb durch Nachahmerprodukte, so genannte Generika, einsetzen.
Da kommt eben zum Tragen, was der stern im Fall Ratiopharm aufgedeckt hat: dass Ärzte von einem großen Generika-Hersteller massiv beworben und indirekt ja auch korrumpiert werden, die Produkte dieses Herstellers zu verordnen, obwohl sie im Vergleich zu denen sonstiger Generika-Hersteller teurer sind. Hier findet kein positiver Wettbewerb statt. Ärzte bekommen Anreize dafür, teurere Generika zu verordnen, und verstoßen damit gegen den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit, zu dem sie ja verpflichtet sind.
Ja, das ganze Ausmaß hat mich schon überrascht. Diese Praxis gibt es aber leider nicht nur bei Generika, sondern auch bei so genannten Scheininnovationen, also geringfügig veränderten Arzneimitteln, die aber nicht besser sind. Da werden dann überflüssige klinische Feldstudien veranstaltet. Auf Wunsch des Herstellers füllt der Arzt einen Dokumentationsbogen aus und erhält dafür ein Honorar. Auch das ist eine Form der Korruption. Im Fall Ratiopharm war ich aber verblüfft über die Selbstverständlichkeit, mit der Ärzte Schecks fordern, obwohl die Berufsordnung das ausdrücklich verbietet.
Man hat es zwar immer wieder gerüchteweise gehört, konnte es aber nie beweisen. Im Fall Ratiopharm haben wir, wenn das alles so stimmt, jetzt zum ersten Mal Tatsachen auf dem Tisch liegen. Ich gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft ermitteln wird, und dann wird man erst das ganze Ausmaß erkennen können.
Strafrechtlich haben Sie Recht. Aber die Berufsordnung für Ärzte regelt eindeutig, dass ein Arzt Vorteile weder fordern noch annehmen darf, die zum Beispiel sein Verschreibungsverhalten beeinflussen. Hier sind die Ärztekammern gefordert, ihre Mitglieder aufzuklären und darauf hinzuweisen, dass eine solche Verhaltensweise gegen die Berufsordnung verstößt.
Das ist bedauerlich. Die Ärztekammer müsste jetzt reagieren. Ich verstehe zwar, dass sie von sich aus keine Recherchen anstellen kann. Aber sie müsste sich eindeutig positionieren.

Blutdruckmessen: Künftig soll der Arzt für Privat- und Kassenpatienten gleich viel Honorar bekommen© Picture-Alliance/DPA
Wer als Arzt ein- oder zweimal einen Scheck angenommen hat, sollte ermahnt werden. Ärzte, die aber ständig Geld fordern und erhalten haben, müssen von der Ärztekammer nach der Berufsordnung konsequent bestraft werden, bis hin zum Entzug der Zulassung.
Ich finde diese Praxis der Naturalrabatte auch unmöglich...
Es ist eben keine strafbare Handlung. Außerdem haben wir gehandelt und mit Generika-Herstellern im Zusammenhang mit unserem Hausarzt- und Hausapothekenmodell eigene Rabatte ausgehandelt.
Mag schon sein. Ein Pharmakonzern, der einen Teil seiner Medikamente verschenkt, kann ja nur deshalb so großzügig sein, weil er grundsätzlich überhöhte Preise kassiert. Das darf nicht sein. Insofern finde ich es richtig, dass die große Koalition die Naturalrabatte verbieten will. Mal sehen, ob sie sich auch durchsetzt. Die Lobbyisten werden sicher noch schwer dagegen kämpfen.
Eines stört mich dabei: Die großen Firmen, die mit hohen Preisen bisher ihre Geschenke finanzierten, können im Preis locker fünf Prozent runter. Dass aber auch die kleinen Hersteller, die bisher schon günstig waren, ihre Preise jetzt noch mal fünf Prozent absenken sollen, finde ich nicht fair. Die Regierung sollte deshalb dem Drittel der günstigsten Generika-Hersteller dieses Preiskorrektiv ersparen. Wieso sollen die kleinen Hersteller dafür bestraft werden, dass große Firmen Ärzte korrumpieren und deshalb höhere Preise verlangen?
Sie haben Recht: Wenn man eine Lücke schließt, tut sich die nächste auf. Von daher ist es in meinen Augen das Beste, dem Arzt einen Anreiz zu geben, dass er möglichst wirtschaftliche Arzneimittel aufschreibt.
Die Aufklärung dürfen wir natürlich nicht den 15 000 Pharmareferenten überlassen, die heute jeden Arzt im Schnitt 150-mal im Jahr besuchen. Wir brauchen eine neutrale Kosten-Nutzen-Bewertung verordnungsfähiger Arzneimittel.
Die bisherigen Erfahrungen mit Aut-idem sprechen dafür, dass diese Regelung nicht den gewünschten Effekt hat. Die Entscheidung sollte wieder beim Arzt liegen, den wir als Krankenkasse dann auch zur Verantwortung ziehen können, wenn er überteuerte Medikamente verordnet.
Dennoch: Wir brauchen eine Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneimitteln. In fast allen anderen europäischen Ländern gibt es ein solches Ranking qualitativ guter, wirksamer und preiswerter Medikamente. Verhindert wurde dies bisher vor allem durch den Bundesrat. Ich bin überzeugt, dass die Ärzte eine solche Liste begrüßen würden.
Das ist doch ein guter Ansatz, um die Diskriminierung von Kassenpatienten zu beseitigen! Wenn Sie heute als Kassenpatient zum Arzt gehen, bekommen Sie manchmal einen Termin in drei Wochen, als Privatpatient kommen sie aber gleich dran - obwohl Sie als Kassenpatient, wenn Sie gut verdienen, sogar höhere Beiträge zahlen als der Privatpatient. Am Ende bedeutet die Idee von Frau Ministerin Schmidt natürlich, dass man die Arzthonorare für Kassenpatienten anhebt. Aber ich bin sicher, dass man das bei den Arzneimitteln locker einsparen kann.
Interview: Markus Grill
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