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13. Februar 2007, 13:55 Uhr

"Ein paar Krümel Fleisch, der Rest Glutamat"

Zusatzstoffe sind die heimlichen Helfer der Food-Designer. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer spricht mit stern.de über die Verlogenheit der Lebensmittelindustrie und warum er trotzdem sagt: "Gesunde Ernährung ist wie Sex ohne Orgasmus".

Käseproduktion: "In der Werbung tut man so, als würde Milch von Mönchen durch Streicheln in Käse umgewandelt. Dabei ist Lebensmittelproduktion längst Hightech"© Uwe Meinhold/DDP

In Ihrem Buch "Food-Design - Panschen erlaubt" beschreiben Sie Praktiken der Lebensmittelindustrie, von denen die wenigsten Menschen ahnen. Von in Natronlauge gebadeten Pfirsichen ist die Rede und von Zusatzstoffen in Keksen, die aus Darmbakterien gewonnen werden. Wollen Sie den Menschen partout den Appetit verderben?

Keineswegs. Ich bin aber der Meinung, man sollte den Kunden reinen Wein einschenken: Was ist drin in einem Lebensmittel, wie wird es produziert? In der Werbung tut man so, als würde etwa Milch von Alm-Öhi und Heidi gemolken, dann von Mönchen durch Streicheln in Käse umgewandelt und mit dem Pferdefuhrwerk zum Aldi gefahren. Dabei ist Lebensmittelproduktion längst Hightech. Ob uns das nun den Appetit verdirbt oder nicht, bestimmt unsere Erziehung. Schließlich ist auch guter Waldhonig letztlich nichts anderes als von Bienen hervorgewürgte Läusekacke.

Statt Heidi und Pferdefuhrwerken braucht unsere Lebensmittelwerbung also mehr Ehrlichkeit und ellenlange Zutatenlisten?

Sicher macht es wenig Sinn, alles aufs Etikett zu schreiben. Denn dann hätten Sie nicht nur eine sehr lange Liste, vieles würde der Kunde wahrscheinlich gar nicht verstehen. Doch das könnte ein Hersteller sehr einfach lösen, indem er beispielsweise vollständige Informationen im Internet zur Verfügung stellt. In den USA ist das längst üblich: Wenn Sie dort etwa auf die Homepage von Mc Donald's gehen, finden Sie die kompletten Rezepturen - und nicht nur irgendwelche dubiosen "Zutatenlisten". Ich verstehe übrigens nicht, warum Unternehmen den Amerikanern erklären, wie ihre Lebensmittel zusammengesetzt sind, aber offenbar der Meinung sind, dass die Deutschen zu blöd dafür sind.

Schon heute wissen viele Menschen gar nicht, was sich hinter den Packungsaufschriften verbirgt. Zum Beispiel das "natürliche Aroma"...

Angenommen, Sie essen Himbeerjoghurt und auf der Packung steht "natürliches Aroma". Sie erwarten nun, dass das Aroma aus Himbeeren stammt. Aber im Allgemeinen wird dieses "natürliche Aroma" aus Zedernholzöl gewonnen - das ist billiger. Eine andere Variante sind Bakterien, die gentechnisch verändert werden, damit sie leckere Aromen produzieren. So wird gewöhnlich heute etwa Kokos- oder Pfirsicharoma gewonnen. Und da Bakterien etwas Natürliches sind, darf das Ganze "natürliches Aroma" heißen.

Und der Kunde macht sich die Illusion, in seinem Joghurt seien tatsächlich Pfirsiche oder Himbeeren drin.

Man müsste das dem Kunden ja auch gar nicht verschweigen! Wir wissen ja auch, dass Gummibärchen aus Gelatine hergestellt werden und dass Gelatine aus Schweineknochen hergestellt wird - und wir essen sie trotzdem. Was glauben Sie, woraus der allseits geschätzte "Naturdarm" bei der Wurst hergestellt wird? Und was da wohl vorher drin war? Die Nase rümpfen die Verbraucher doch nur beim "Kunstdarm" aus blitzsauberem Plastik. Durch ihre Heimlichtuerei verunsichert die Industrie den Kunden ohne jeden vernünftigen Grund!

Apropos verschweigen - für Glutamat fordern Sie in Ihrem Buch eine klare Kennzeichnung auf der Packung.

Ich halte das aus zwei Gründen für sinnvoll: Erstens ist Glutamat in hoher Dosis für einige Menschen nicht unproblematisch - denken Sie zum Beispiel an das so genannte Chinarestaurant-Syndrom mit Übelkeit, Schweißausbrüchen, Beklemmungsgefühl in der Brust. Das eigentliche Problem ist aber die Verzerrung auf dem Markt, die Zusatzstoffe wie Glutamat auslösen.

Glutamat verzerrt den Markt? Das müssen Sie erklären!

Mit Glutamat täuschen Sie die Zunge. Die Suppe schmeckt dann so, als sei viel Fleisch verwendet worden, und in Wahrheit sind es nur ein paar Krümel und der Rest Geschmacksverstärker. Die Folge: Wer fleißig zum Glutamat greift, kann sein Produkt billiger anbieten als einer, der den Geschmack allein durch einen guten Rohstoff erzielt. Und schon verschwindet der ehrliche Hersteller vom Markt.

Lesen Sie weiter: Wie die Lebensmittelindustrie Konsumenten zu Abhängigen macht und warum Udo Pollmer sagt: "Gesunde Ernährung ist doch wie Sex ohne Orgasmus"

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