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19. Februar 2007, 15:19 Uhr

"Ein paar Krümel Fleisch, der Rest Glutamat"

Zusatzstoffe sind die heimlichen Helfer der Food-Designer. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer spricht mit stern.de über die Verlogenheit der Lebensmittelindustrie und warum er trotzdem sagt: "Gesunde Ernährung ist wie Sex ohne Orgasmus".

Zoom

Käseproduktion: "In der Werbung tut man so, als würde Milch von Mönchen durch Streicheln in Käse umgewandelt. Dabei ist Lebensmittelproduktion längst Hightech"© Uwe Meinhold/DDP

In Ihrem Buch "Food-Design - Panschen erlaubt" beschreiben Sie Praktiken der Lebensmittelindustrie, von denen die wenigsten Menschen ahnen. Von in Natronlauge gebadeten Pfirsichen ist die Rede und von Zusatzstoffen in Keksen, die aus Darmbakterien gewonnen werden. Wollen Sie den Menschen partout den Appetit verderben?

Keineswegs. Ich bin aber der Meinung, man sollte den Kunden reinen Wein einschenken: Was ist drin in einem Lebensmittel, wie wird es produziert? In der Werbung tut man so, als würde etwa Milch von Alm-Öhi und Heidi gemolken, dann von Mönchen durch Streicheln in Käse umgewandelt und mit dem Pferdefuhrwerk zum Aldi gefahren. Dabei ist Lebensmittelproduktion längst Hightech. Ob uns das nun den Appetit verdirbt oder nicht, bestimmt unsere Erziehung. Schließlich ist auch guter Waldhonig letztlich nichts anderes als von Bienen hervorgewürgte Läusekacke.

Statt Heidi und Pferdefuhrwerken braucht unsere Lebensmittelwerbung also mehr Ehrlichkeit und ellenlange Zutatenlisten?

Sicher macht es wenig Sinn, alles aufs Etikett zu schreiben. Denn dann hätten Sie nicht nur eine sehr lange Liste, vieles würde der Kunde wahrscheinlich gar nicht verstehen. Doch das könnte ein Hersteller sehr einfach lösen, indem er beispielsweise vollständige Informationen im Internet zur Verfügung stellt. In den USA ist das längst üblich: Wenn Sie dort etwa auf die Homepage von Mc Donald's gehen, finden Sie die kompletten Rezepturen - und nicht nur irgendwelche dubiosen "Zutatenlisten". Ich verstehe übrigens nicht, warum Unternehmen den Amerikanern erklären, wie ihre Lebensmittel zusammengesetzt sind, aber offenbar der Meinung sind, dass die Deutschen zu blöd dafür sind.

Schon heute wissen viele Menschen gar nicht, was sich hinter den Packungsaufschriften verbirgt. Zum Beispiel das "natürliche Aroma"...

Angenommen, Sie essen Himbeerjoghurt und auf der Packung steht "natürliches Aroma". Sie erwarten nun, dass das Aroma aus Himbeeren stammt. Aber im Allgemeinen wird dieses "natürliche Aroma" aus Zedernholzöl gewonnen - das ist billiger. Eine andere Variante sind Bakterien, die gentechnisch verändert werden, damit sie leckere Aromen produzieren. So wird gewöhnlich heute etwa Kokos- oder Pfirsicharoma gewonnen. Und da Bakterien etwas Natürliches sind, darf das Ganze "natürliches Aroma" heißen.

Und der Kunde macht sich die Illusion, in seinem Joghurt seien tatsächlich Pfirsiche oder Himbeeren drin.

Man müsste das dem Kunden ja auch gar nicht verschweigen! Wir wissen ja auch, dass Gummibärchen aus Gelatine hergestellt werden und dass Gelatine aus Schweineknochen hergestellt wird - und wir essen sie trotzdem. Was glauben Sie, woraus der allseits geschätzte "Naturdarm" bei der Wurst hergestellt wird? Und was da wohl vorher drin war? Die Nase rümpfen die Verbraucher doch nur beim "Kunstdarm" aus blitzsauberem Plastik. Durch ihre Heimlichtuerei verunsichert die Industrie den Kunden ohne jeden vernünftigen Grund!

Apropos verschweigen - für Glutamat fordern Sie in Ihrem Buch eine klare Kennzeichnung auf der Packung.

Ich halte das aus zwei Gründen für sinnvoll: Erstens ist Glutamat in hoher Dosis für einige Menschen nicht unproblematisch - denken Sie zum Beispiel an das so genannte Chinarestaurant-Syndrom mit Übelkeit, Schweißausbrüchen, Beklemmungsgefühl in der Brust. Das eigentliche Problem ist aber die Verzerrung auf dem Markt, die Zusatzstoffe wie Glutamat auslösen.

Glutamat verzerrt den Markt? Das müssen Sie erklären!

Mit Glutamat täuschen Sie die Zunge. Die Suppe schmeckt dann so, als sei viel Fleisch verwendet worden, und in Wahrheit sind es nur ein paar Krümel und der Rest Geschmacksverstärker. Die Folge: Wer fleißig zum Glutamat greift, kann sein Produkt billiger anbieten als einer, der den Geschmack allein durch einen guten Rohstoff erzielt. Und schon verschwindet der ehrliche Hersteller vom Markt.

Lesen Sie weiter: Wie die Lebensmittelindustrie Konsumenten zu Abhängigen macht und warum Udo Pollmer sagt: "Gesunde Ernährung ist doch wie Sex ohne Orgasmus"

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
gelegenheitsposter (14.02.2007, 20:54 Uhr)
endlich mal ...

Pollmer spricht den Skandal immer mal wieder an ... von anderen habe ich da etwas mehr erwartet.
Wer mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu tun hat kann sich heute kaum noch ernähren weil vieles drin ist was nicht reingehört und so manches wird auch nicht deklariert.
Lustig wird es wenn man sich die auf einer Packung angegebenen Inhalte vom Wochenmarkt beschafft und sie gut verträgt, aber die Kartoffeln und das Salz aus der Industrietüte verursache Pickel und Hautausschlag ....
sternhagel (14.02.2007, 12:46 Uhr)
look who`s talking
Wenn Udo Pollmer was über gesunde ernährung erzählt, dann ist das in etwa so als würde ein Glatzkopf Haarwuchsmittel anpreisen. Der Gute hat geschätzte 30 Kilo zu viel auf den Rippen und er taugt für mich damit als experte nur bedingt. Sicher hat Pollmer in vielen Dingen recht. Die aber sind auch zum großen Teil allgemein bekannt. Wenn er alerdings, wie in früheren Interviews zu lesen war, den Zusammenhang zwischen "zu viel essen" und "zu viel wiegen" bestreitet, dann ist das nicht nur unseriös, sondern liefer all denen Argumente, die einfach nicht Maß halten können oder wollen. Herr Pollmer gibt gern in einschlägigen talkshows den Part, der jedwede Diät, Ernährungsumstellung etc. für sinn- und nutzlos erklärt. Das entlastet die Couchpotatoes vor dem Fernseher und Herr Pollmer lebt auch ncht schlecht davon...
michaelffm (14.02.2007, 12:14 Uhr)
kluges essen
einfache regel, mit 30-45 min "kuechenarbeit"am tag locker einzuhalten:
kaufe fleisch,fisch,eier,obst,gemuese etc als frische zutaten,gutes sauerteigbrot,butter, olivenoel etc.ALLE fertiggerichte incl.fruchtjoghurt etc links liegen lassen...
zucker und suessstoff vermeiden so gruendlich wie moeglich!!
selbst wurst und kaese nur in geringen mengen, weil sie wie alles fertig-haltbargemachte hitzebehandelt und voller SALZ ist: wer sich an allen regalen im superparkt bedient, kommt statt auf 3-4 gr locker auf 12 gramm salz am tag und der bluthochruck dankts ihm jedes lebensjahr ein bisschen mehr...
ein gut gefuelltes gewuerzregal sollte man schon haben und ein bisschen erfahrung sammeln.
dann kann man auf die 100-chemikalien und naturstoffmixe der tueten, dosen und schachteln gut verzichten...
wer sich daran zu 80% haelt faehrt ganz gut,bei zucker und salz zu 90%.
JenFuchs (14.02.2007, 10:45 Uhr)
je älter man wird
Ich finde diesen Artikel wirklich zutreffend und zeigt auch die Unsicherheit der Kunden auf. Je älter ich werde umso mehr mache ich mir Gedanken was ich alles so esse und auch meiner Familie koche. Aber die Unsicherheit bleibt, Bio ist nicht gleich Bio, Flesich hat immer schlechtere Qualität, Reformhäuser wollen auch nu den Profit und der Bauer von nebenan spritzt sein Gemüse mehr als die Industrie , weil er ja weniger anbaut dafür aber ein regionaler Bauer ist. Herrje, wenn man anfängt darafu zu achten was man kauft und wann man kauft und im nächsten Moment springt der Skandal darüber hervor, ist man es bald leid sich für "gesunde" Küche zu interessieren. Dazu kommt noch eine maulende Familie denen das "richtige" Essen nicht schmeckt und lieber von Knorr Tüten und Maggigerichten nach der Tüte lechzen. Ich sehe auch die Gefahr, dass wir irgentwann verlernen richtig zu kochen und nur noch die gepanschten Gerichte zusammenstellen, einer der Gründe ist dafür ist tatsächlich die Geschmacksvertärker !
berlinchen (14.02.2007, 09:11 Uhr)
ich finds gar nicht so schlecht
hallo,
ich habe koch gelernt und lebensmitteltechnologie studiert und finde den artikel gar nicht so schlecht.
ich koche jeden abend fuer unsere familie. meine faru arbeitet den ganzen tag ,meine tochter bekommt in der schule nichts und opa,der bei uns lebt, freut sich auch.
ich mache auch meine wurst selber. zb. salamie und leberwurst und schinken.
ich find auch, dass das ganz gut schmeckt. aber meine familie nimmt lieber die abgepackte industrielle ware.die ist noch nach tagen im anschnitt so schoen rot und frisch. da passiert es nicht, dass sie mal etwas grau im anschnitt ist. dass das nur mit viel chemie zu erreichen ist, schockt sie nicht.
wenn ich bruehe koche,ruempfen alle die nase,das stinckt ja und sieht auch nicht appetietlich aus, diese knochen und die sehnen.
wenn ich mal nicht da bin,wird lieber zur fertigware gegriffen und moehren aus der buechse schmecken ja auch,sagen sie.
auch wenn ich mich so umsehe in der verwandschaft und unter freunden ,muss ich feststellen, dass dieser fertigmist immer mehr um sich greift und die freude am selbstgekochten abhandenkommt.
ich find das sehr schade. und finde es gut, dass mal jemand was gegen diese verlogenheit der lebensmittelindustrie gesagt hat.
aber wenn wir mal ehrlich sind zu us selbst: warum sollte es auf diesem gebiet des lebens anders sein als auf allen anderen. heutzutage weiss doch jeder eigentlich alles.wie koruppt unsere gesellschaft ist, wie unfaehig unsere politiker sind usw. usw.
das eizige mittel sich vor all diesen wahrheiten zu schuetzen ist doch dass verdraengen. und dass macht jeder auf dem gebiet, dass ihm am liebsten ist.
S-achte (13.02.2007, 23:43 Uhr)
So ein dummes Blechgeschwafel!
Selten so blöde Aussagen gelesen!
Ich bin kein Anhänger der reinen Bio-, Vegetarier-, sonstwie einseitigen Kultur!
Aber das Geschwafel ist ja wohl Blech der untersten Ebene!!!
Je weniger Industriemüll auf unseren Tellern landet, desto höher wird auch immer der Genuß der Speisen sein, die man daraus zu bereitet!
Und irgendwelche Chips mit Bioburgern zu vergleichen, ist wirklich völlig daneben und nie zielführend!
Was für ein Geschwafel!
Klar braucht Essen Freude, klar muß Essen Genuß sein! Klar aber auch, daß das mit Chemie nicht zu machen ist, klar auch, daß das immer auch mit hochwertigen Zutaten und entsprechender Zubereitung hinzubekommen ist!! Und wenn der Interviewte auch nur den Hauch einer Ahnung vom Kochen hätte, hätte er der geneigten Leserschaft nahegelegt, sich auf das weite Feld des selber kochens zu wagen anstatt so dämliches Geschwafel über Zutaten, die er wohl überhaupt nicht kennt, abzulassen!
Entsetzt
Gruß
Roland
RomanTicker (13.02.2007, 16:54 Uhr)
Gesundes Essen wie Sex ohne Orgasmus
Der Vergleich hat eindeutig beste Stammtischqualitäten.
Aber ein Körnchen Wahrheit steckt trotzdem darin. Man sollte keine Lebensmittel grundsätzlich verteufeln. Wenn es schmeckt darf man sie auch ab und an genießen. Es kommt nur darauf an, dass man sich ausgewogen ernährt und nicht jeden Tag Salami-Tiefkühl-Pizza. Außerdem muss man für die eigene Gesundheit die Energiebilanz im Auge behalten. Wer sich sportlich betätigt, darf nun mal ein wenig mehr schlemmen.
Gesunde Ernährung kann aber auch wie Sex mit multiplen Orgasmen sein. Denn wenn ein Gericht aus wirklich guten und natürlichen Zutaten von geübter Hand hergestellt wird, dann schmeckt es besser als Fertiggerichte.
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