Viele klassische Abnehmprogramme zielen allein auf die Ernährung - und sind damit meist zum Scheitern verurteilt. Denn sie lassen die effektivste Methode zum Erreichen des Wunschgewichts außer Acht: die Bewegung. Von Torben Müller

Jana Wallenberg, 28, Kauffrau: Mutter-Spezialprogramm nach der Geburt des Kindes, und Stephan Bartels, 38, Journalist: die übliche Jo-Jo-Karriere© Christian Schmid
Tief in den Köpfen vieler Übergewichtiger steckt ein großer Irrtum. Der Weg zur idealen Kilozahl, glauben sie, führe allein über die richtige Diät. Und so kauen sie wochenlang massenweise Ananas, schlucken Apfelessig oder essen plötzlich einfach nur noch halbe Mahlzeiten. Wenn dann tatsächlich die Pfunde schwinden, ist der Erfolg meist nur von kurzer Dauer: Spätestens nach wenigen Monaten schleppen sie die ungeliebten Begleiter wieder mit sich herum. Frustriert steigen sie von der Waage und starten den nächsten Versuch, diesmal mit Kartoffeln oder Reis - bis sie wieder scheitern.
Der Misserfolg ist oft absehbar, weil die Abnehmwilligen nach der Formel "Ernährung ändern = weniger Gewicht" rechnen und sich dabei verkalkulieren. Denn in dieser Gleichung fehlt das entscheidende Element: die Bewegung. Das verwundert nicht, denn zum einen spielt in vielen halbseidenen Blitzdiäten Sport überhaupt keine Rolle. Zum anderen fehlt zahlreichen Betroffenen eine entscheidende Voraussetzung für das Gelingen: das Bewusstsein, dass sie aktiv etwas tun müssen, um ihre Situation zu ändern.
"Viele hangeln sich von Diät zu Diät und warten darauf, dass etwas mit ihnen passiert", sagt Mona Laqué von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln. Seit 2004 arbeitet die Sportwissenschaftlerin im Expertenteam von Mobilis, einem Projekt der Universität Freiburg und der DSHS, das Adipositas-Patienten vor allem durch Sport zu weniger Kilo verhelfen soll. Laqué: "Zuerst machen wir den Teilnehmern deshalb klar, dass wir ihnen zwar Tipps geben, aber nicht die Arbeit abnehmen können. Sie müssen bereit sein, ihren Lebensstil tiefgreifend und dauerhaft zu ändern." Und das bedeutet: sich aufraffen und Sport treiben, denn Abwarten verbrennt keine Kalorien.
Die Folgen der Trägheit zeigen die Zahlen des Robert-Koch-Instituts: Rund 55 Prozent der Frauen und sogar 68 Prozent der Männer in Deutschland sind zu dick. Und die Statistik belegt, dass das Problem mit dem Alter wächst: So bringen unter den Frauen ab 40 rund 68 Prozent zu viel Masse auf die Waage, unter den Männern derselben Altersklasse sind es sogar fast 80 Prozent. Gleichzeitig lässt die Lust an der Bewegung kontinuierlich nach. Während noch 73 Prozent der Männer zwischen 18 und 29 Jahren regelmäßig Sport treiben, sind es bei den über 70-Jährigen nur noch 35 Prozent. Bei den Frauen sieht es noch finsterer aus: Hier sinkt der Anteil von 65 auf 31 Prozent.
Aber warum ist körperliches Training so wichtig? Was bewirkt es in uns? "Bewegung erfordert Energie, die im Körper in Form von Zucker und Fett gespeichert ist", erklärt Hans-Georg Predel, einer der beiden Projektleiter von Mobilis und Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der DSHS. "Durch regelmäßigen Sport lernt der Organismus, zunehmend auf seine Fettspeicher zurückzugreifen und diese abzubauen. Gleichzeitig nimmt die Muskelmasse durch die Belastung zu - so findet allmählich ein Umbau im Körper statt." Der Erfolg einer Diät, schätzt Predel, "hängt zu 50 bis 70 Prozent von der Bewegung ab, und zu 30 bis 50 Prozent von der Ernährung".
Wer auf eine Diät ohne Sport setzt und womöglich einfach nur noch die Hälfte isst, nimmt zwar auch ab, verliert das Gewicht jedoch an den falschen Stellen. Denn statt Fett baut der Körper zunächst Muskeln ab - ausgerechnet die Fettkiller Nummer eins im Organismus.

Jana Wallenberg: "Als Letizia 2005 zur Welt kam, hatte ich fast 30 Kilo zugenommen. Ich dachte das gibt sich nach der Geburt automatisch wieder - aber so war es nicht© Christian Schmid
Der Umbau des Körpers passiert jedoch nicht von heute auf morgen. Allein schon deshalb, weil Körperfett so ein energiereicher Kraftstoff ist: Birgt doch allein ein Kilogramm davon rund 7000 Kilokalorien. Um diese zu verbrennen, muss ein 85 Kilogramm schwerer Mensch etwa zehn Stunden bei einem Tempo von rund zehn Kilometern pro Stunde laufen. "Wie schnell der Umbau verläuft, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt von mehreren Faktoren ab ", sagt Predel. Zum Beispiel davon, wie oft und wie intensiv trainiert wird oder wie leistungsfähig der Organismus bereits ist. "Allgemein kann man aber nach zwölf Wochen nennenswerte Veränderungen feststellen: Die ersten Fettpolster verschwinden, der Körper wird straffer."
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GesundLeben
Ausgabe 5/2006