Homöopathie

10. Februar 2004, 15:52 Uhr

Vor gut 200 Jahren entwickelte Samuel Hahnemann die Homöopathie. Heute schwören Millionen auf seine Lehre, obwohl ihre Wirkung wissenschaftlich kaum nachzuweisen ist.

1 Bewertungen

Samuel Hahnemann besaß die erste homöopathische Reiseapotheke in Buchform. Darin sind 70 Präparate enthalten©

Manche der von Hahnemann erprobten Mittel, etwa die Tollkirsche, hatten gefährliche Folgen für seine Patienten - es kam zu Vergiftungen. Er reagierte darauf und verminderte vom Jahr 1801 an in langen Versuchsreihen die Dosis seiner Medikamente, mitunter so weit, dass der Ausgangsstoff nicht mehr nachweisbar gewesen wäre. So schuf er jenes Grundprinzip der homöopathischen Doktrin, das bis heute die heftigste Kritik auslöst: die Dynamisierung oder Potenzierung. Je geringer die Dosis von giftigen Stoffen, so meinte Hahnemann beobachtet zu haben, desto größer ihre heilende Wirkung.

Für die Patienten kam das einer sanften Revolution gleich. Denn damals war ein Arztbesuch nicht das Beste für die Gesundheit. Das Behandlungsrepertoire der Mediziner umfasste Einläufe, Schröpfkuren, Brechmittelgaben und Aderlässe, manchmal bis zur Ausblutung. Beliebt waren auch Haarseile, die in die Haut eingelegt wurden, um Eiterherde entstehen zu lassen. Hahnemanns verdünnte Medizin war schon deswegen ein gewaltiger Fortschritt für die Patienten, weil sie geringe bis keine Nebenwirkungen hatte. Verdünnt werden konnte aber nicht einfach so - Hahnemann entwickelte eine aufwendige Technik: das Verschütteln. Es wird noch heute von vielen Herstellern so angewendet wie von ihm vorgeschrieben.

Zunächst stellt man "Urtinkturen" (Flüssigkeiten) und "Ursubstanzen" (feste Stoffe) her, meist aus Pflanzen, doch auch aus Tieren, Metallen oder menschlichen Sekreten. Davon existieren etwa 2000. Die werden in zahlreichen Schritten in verschiedenen Verhältnissen verdünnt: Es gibt D-, C- und Q- (LM-)Potenzen. D-Potenzen werden bei jedem Schritt im Verhältnis 1:10 verdünnt, C-Potenzen 1:100 und Q-Potenzen 1:50 000. Bei C200 etwa wird im ersten Akt ein Teil Ursubstanz mit 99 Teilen Alkohol verdünnt. Dann wird geschüttelt: Das Gemisch muss zehnmal mit kräftigen Schlägen abwärts geführt werden. Man erhält C1. Es folgt der zweite Schritt. Der gewonnenen C1-Lösung wird ein Teil entnommen und in ein neues Gefäß gefüllt. Dem werden wiederum 99 Teile Alkohol-Tinktur hinzugegeben. Es folgen: zehn Schüttelschläge. Und als Ergebnis C2. So fährt man fort, bis nach insgesamt 200 Schritten C200 entstanden ist. Je höher die Potenz, desto geringer also die Wirkstoffkonzentration. Geschüttelt wird von Hand, Maschinenhilfe ist nicht zulässig, achtet man Hahnemanns Vermächtnis.

Die Deutsche Homöopathie-Union (DHU) tut das. Die Firma in Karlsruhe ist größter deutscher Hersteller von Homöopathika. Dort schütteln Mitarbeiter, was das Zeug hält. Manche sitzen und schütteln kleine Gläschen, andere stehen und schütteln große Wannen. Bis zu 400-mal am Tag. Jeden Schüttelschlag bremst ein Kissen mit abgewetztem schwarzen Lederbezug: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Verdünnen. 1, 2, 3, 5? Wer sich verzählt, fängt von vorne an. Natürlich kippt er vorher die Flüssigkeit fort.

Geschüttelt, nicht gerührt

Die DHU-Fabrikation verlässt nur genau Verschütteltes. Wie hier auch sonst viel Wert gelegt wird auf Genauigkeit und Qualität. Verschüttler ist aber nicht gerade der begehrteste Job im Werk. "Man wird irre, wenn man das monatelang macht", sagt ein Mitarbeiter. Deswegen rotieren die DHUler regelmäßig an andere, weniger eintönige Arbeitsplätze.

"420 000 verschiedene Mittel können hier hergestellt werden", sagt Geschäftsführer Franz Stempfle voll Stolz. "Wir haben die größte Apotheke der Welt",sagt er und schwärmt von der "Volksbewegung" Homöopathie. Erkältungen, Schmerzen und Magen-Darm-Erkrankungen seien besonders häufige Anwendungsgebiete der Homöopathie. Wie sie wirkt - diese Frage stellt sich Stempfle nicht. Dass sie wirkt, steht für ihn außer Frage. Das bestätigten ihm die vielen zufriedenen Kunden. Und natürlich seine eigenen Erfahrungen.

Doch schon bei der vergleichsweise geringen Potenz D20 bedarf es einer gewissen Fantasie, um sich die Wirkungsweise vorzustellen. Die Wirkstoffkonzentration ist vergleichbar mit der Menge an Aspirin im Atlantik, wenn darüber eine Tablette zerbröselt wurde. Besteht bei einem Becher Atlantikwasser zumindest noch die theoretische Möglichkeit, dass es ein Atom der Substanz enthält, werden die Vorstellungskräfte ab D24 arg strapaziert: In einer solchen Verdünnungsstufe ist sehr wahrscheinlich kein Wirkstoff mehr enthalten. Bei C200 stößt man an die Grenzen des Raums: In solch einer Flüssigkeit beträgt die Verdünnung 1:10400 - eine Eins mit 400 Nullen. Im Universum gibt es hochgerechnet gerade mal 1078 Atome.

Auch eingefleischten Homöopathen sind diese Dimensionen klar: In hochverdünnten Lösungen kann kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz enthalten sein. Es muss also etwas anderes geben, das die Flüssigkeiten nach Meinung der Homöopathen wirken lässt. Nur was?

Homöopathen sprechen oft von einer Art Energie, die der Wirkstoff dem Wasser mitgibt. So könne er noch wirken, obwohl er nicht mehr vorhanden ist. Diesem Gedächtnis des Wassers haben schon etliche Wissenschaftler auf der ganzen Welt nachgespürt. Der Populärste unter ihnen dürfte Jacques Benveniste sein.