Die meisten suchen es im Hehren und Weiten, in ewiger Liebe, Reichtum und Ruhm. Und glauben, dass ihnen ein gnädiges Schicksal dazu verhelfen muss. Dabei lässt sich das höchste der Gefühle viel leichter erreichen: mit einfachen Freuden, mit dem täglichen kleinen Kick.

Von Frank Ochmann
Was Glück ist? Dumm sein und Arbeit haben, hat der Arzt und Dichter Gottfried Benn gesagt, das ist das Glück. Mal ehrlich. Wie war das beim letzten Mal Glücklichsein? Abends auf dem Sofa mit leerem Kopf und dem Wollknäuel auf dem Bauch, das wohlig schnurrte, wenn die Finger durch sein Fell pflügten? Fliegenfischen, Gitarre spielen, ein Rausch von Rosen - war das schon Glück?
Uns fallen bestenfalls Minuten ein, die uns Fortuna ab und zu aus ihrem Füllhorn schenkt. Und einem anderen zu sagen, was uns in solchen Momenten von der Sohle bis zum Scheitel durchströmt, uns jubeln und jauchzen oder einfach nur still werden lässt und ein paar Tränen in die Augenwinkel treibt, das ist so schwer, wie einen Orgasmus zu beschreiben - nur wer Glück spürt, kennt es wirklich.
Ob Gefühl oder Gedankenkonstrukt - glücklich sein will offenbar jeder. 288 Vorschläge für den Pfad zum Paradies auf Erden zählte angeblich bereits der gelehrte Marcus Terentius Varro im antiken Rom.
Augustinus, der drei Jahrhunderte und einen Messias später davon berichtete, hatte für solche Glücksucher nur Verachtung, bestenfalls Mitleid übrig. "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir", bekennt er seinem Christengott, verwirft alles irdische Glück und wird später dafür heilig gesprochen. Das wiederum hätte den heiteren Genussgriechen Epikur sehr amüsiert. Denn was nützt schon das Glück als Verheißung nach einem freudlosen Erdenleben? "Wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr", stellt der von Zeitgenossen als Schwein und Lüstling beschimpfte Philosoph lapidar fest. Also rein ins pralle Leben: "Ich weiß nicht, was ich mir als das Gute vorstellen soll, wenn ich die Lust des Geschmacks, die Lust der Liebe, die Lust des Hörens und den lustvollen Anblick einer schönen Gestalt beiseite lasse."
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Stern
Ausgabe 05/2003