Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Medikamente allein nicht dauerhaft aus der Depression heraushelfen. Nur wer seine krank machenden Verhaltens- und Gefühlsmuster verändert, kann dem schweren Seelenleiden entkommen. Dazu bedarf es einer speziell ausgerichteten Psychotherapie. Von Sabine Kartte, Johannes Schweikle, Cornelia Stolze

Immer häufiger entwickeln Menschen die Seelenpein, die sie nicht selten in den Selbstmord führt: Fast jeder sechste schwer an Depression Erkrankte bringt sich um© Picture-Alliance
Es sind nicht nur Einzelne. Es sind Millionen, die die krankhafte Schwermut aus ihrem gewohnten Leben fällt: Männer wie Frauen, Schüler, Studenten, Pensionäre. In einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag von stern GESUND LEBEN durchführte, beantwortete jeder Zweite die Frage: "Haben Sie selbst oder ein Mitglied Ihrer Familie schon einmal unter Depressionen gelitten?" mit Ja. 20 Prozent gaben an, dass sie selbst schon einmal eine depressive Phase durchgemacht hätten, bei 28 Prozent war ein Mitglied der Familie betroffen.
Experten überrascht dieses wuchtige Ergebnis nicht. Ausgerechnet in den modernen Gesellschaften pflanzt sich die Schwermut wie ein Virus fort. "Wir stehen vor einer epidemischen Ausbreitung der depressiven Erkrankungen", sagt Hans-Ulrich Wittchen, Professor für Psychologie an der Universität Dresden. Immer häufiger, immer früher entwickelten Menschen die Seelenpein, die sie nicht selten in den Selbstmord führt: Fast jeder sechste schwer an Depression Erkrankte bringt sich um.
Meistens verläuft die Krankheit in Schüben, die so heftig sein können, dass über Monate der Lebensmut erlischt. Mancher wirkt dabei gar nicht niedergeschlagen, sondern versucht, der Seelenschwere durch Aktivitäten zu entkommen. Mancher ist wie aufgedreht, redet viel und hektisch. Die Symptome entwickeln sich meist schleichend: Appetitmangel, Schlaflosigkeit und der fast zwanghafte Hang zur negativen Weltsicht. Der Verlust des Selbstwertgefühls, die Neigung, sich für alles die Schuld zu geben, alles tiefschwarz zu sehen - sich selbst, das Leben, die Zukunft.
Die modernen Lebensverhältnisse tragen zur Ausbreitung der Krankheit bei. Die wachsende Zahl von Scheidungen, die Arbeitslosigkeit, Vereinsamung und der Verlust klarer Lebensstrategien - das Aufbrechen fester Strukturen birgt Belastungen, denen mancher nicht gewachsen ist. Der Dresdner Depressionsforscher Wittchen und sein Team beobachten, dass vor allem sekundäre ("komorbide") Depressionen zugenommen haben. In diesen Fällen ist die Schwermut eine Folge bereits vorhandener Störungen: Angsterkrankungen, Zwänge, Phobien, Alkoholismus, chronische Schmerzen, Schlaflosigkeit. Mittlerweile, so Professor Jürgen Hoyer, Leiter der Institutsambulanz und Tagesklinik für Psychotherapie der TU Dresden, seien fast 70 Prozent der Depressionen "komorbid".
Längst nicht jeder Depressive erhält die Hilfe, die er braucht. 50 Prozent der Fälle werden vom Hausarzt nicht oder falsch diagnostiziert. Viele Mediziner und Therapeuten kennen die modernen Kriterien der Krankheit nicht, wissen nicht, dass es verschiedene Formen von Depression gibt und dass nicht jeder Depressive dem landläufigen Bild des Schwermütigen entspricht.
Die gängige Behandlung in Deutschland heißt immer noch: Psychopharmaka. Viele Ärzte behandeln ihre depressiven Patienten nach wie vor ausschließlich damit. Allein zwischen 1993 und 2002 hat sich die Zahl der Verschreibungen für Antidepressiva in Deutschland mehr als verdoppelt.
Die modernen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) können zunächst ein Segen für die aus der Bahn geworfene Seele sein, denn sie schützen das Gehirn wie ein Puffer vor den Auswirkungen negativer Emotionen. Doch etliche Wissenschaftler bezweifeln inzwischen, dass die Behandlung allein mit Antidepressiva die richtige Methode ist, um der Krankheit Herr zu werden. Denn von Heilung kann keine Rede sein. Innerhalb von zwei Jahren, so haben Studien zur Langzeitwirkung von Antidepressiva gezeigt, erleiden rund 80 Prozent der zunächst wirksam mit Psychopharmaka Behandelten einen Rückfall. "Depressive nur medikamentös zu behandeln ist streng genommen unverantwortlich", meint deshalb der Berner Psychologieprofessor und Depressionsexperte Klaus Grawe.
Dank der Erkenntnisse der modernen Hirnforschung zeichnet sich immer deutlicher ab, warum Tabletten als Therapie nicht ausreichen.
Noch bis vor kurzem glaubten Wissenschaftler und Mediziner, Depressionen seien - ähnlich wie die Zuckerkrankheit - lediglich die Folge eines zu niedrigen Spiegels bestimmter Botenstoffe. Vor allem ein Mangel an Serotonin im Gehirn, so die Idee, sei schuld an der krankhaften Schwermut. "Heute wissen wir, dass das naiv war", gesteht der Psychiater Eric Nestler von der University of Texas in Dallas inzwischen offen ein.
Umfrage Fragebogen: Ihre Erfahrung kann helfen
Hilfsangebote Testen Sie Ihr Risiko
Das Institut für Psychologie der Universität Bern bietet einen Online-Check an - zur Früherkennung und zur Einschätzung des persönlichen Risikos. Im Rahmen eines Forschungsprojekts werden die Teilnehmer viermal im Abstand von zwei Wochen befragt und bekommen eine individuelle Rückmeldung. www.emoforsch.info
Stärker werden per SMS
Emotionale Kompetenzen per SMS zu trainieren ist ein weiteres Projekt der Uni Bern. Die kurzen aufs Handy der Teilnehmer geschickten Übungen sollen die Fähigkeiten stärken, mit Stress und negativen Gefühlen umzugehen.
www.sms-coaching.org
Expertenrat
Auf dem Internetangebot des Kompetenznetzes Depression finden Betroffene und Angehörige umfangreiche Information, Adressen von Krisendiensten und Kliniken, u.a. einen Selbsttest sowie ein Forum zum Austausch untereinander.
www.kompetenznetzdepression.de
Die Website nennt auch Adressen von Bündnissen gegen Depression - lokalen Zusammenschlüssen von Experten - in Lübeck, Hamburg, Ingolstadt, Regensburg, Nürnberg, Erlangen, Cham und Kempten. Kontakt:
Bündnis gegen Depression e.V., Psychiatrische Klinik der LMU Nußbaumstraße 7 80336 München
Forschung an Nerven und Seele
Klaus Grawe: "Neuropsychotherapie", Hogrefe Verlag, 2004, 509 Seiten, 39,95 Euro
Der Autor ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Bern. In seinem Buch verknüpft er Erkennnisse der Neurobiologie mit denen der Psychotherapieforschung und beschreibt damit neue Wege für die Behandlung seelischer Störungen. Schwerpunkte sind Angststörungen und Depression. Das Buch ist für Fachleute geschrieben, aber auch für interessierte Laien lohnt sich die Mühe.
Rat zu Antidepressiva
Handbuch Medikamente der Stiftung Warentest
Rund 6000 Medikamente im Test, darunter auch die wichtigsten Antidepressiva, Berlin 2004, 1239 Seiten, 39 Euro
www.medikamente-im-test.de
Ratgeber der Stiftung Warentest zu rund 9000 Arzneimitteln. Das Angebot ist teilweise kostenpflichtig