Braucht die Welt einen Schönheitschirurgen für Schamlippen? David Matlock in Los Angeles ist einer, und er hält sich für so genial, dass man ihn klonen müsse. Seine Patientinnen sind derselben Meinung. Von Jan Christoph Wiechmann und Elena Dorfman (Fotos)

Gynäkologe David Matlock kurz vor einem Eingriff im OP. Der plastische Chirug ist auf Vaginalverschönerungen spezialisiert© Elena Dorfmann
Hoch in den Hügeln von Beverly Hills, dort, wo der Fahrtwind nach Eau de toilette riecht und selbst der Vorgarten zur Maniküre muss, dort, wo die wahren inneren Werte in Silikonbrüsten stecken und Frauen mit zunehmendem Alter immer jünger aussehen, betritt die Krankenschwester Krista Russell eine lachsfarbene Arztpraxis mit Blick auf die smogumhüllte Skyline von Los Angeles.
Sie geht vorbei an einer Arzthelferin, deren große Brüste stolz auf dem Empfangstresen ruhen, und einem ausgehängten Zeitschriftenartikel mit dem Titel: "Leiden Sie auch unter Schamlippen-Neid?" Dann betritt sie das Sprechzimmer jenes Mannes, der die Jugend zurückholen soll in ihr unaufhaltsam fortgeschrittenes Leben: Dr. David Matlock, 46, Frauenarzt und Schönheitschirurg. Gefühltes Alter: 30. Die Nase: gerichtet. Die Muskeln: definiert. Der Körperfettanteil: (nach eigenen Angaben) 6,9 Prozent. In seinem Sprechzimmer steht nichts als ein blank polierter Glastisch und auf dem nichts als eine überdimensionierte Vagina aus Plexiglas. Welcome to L.A.
Frau Russell ist extra aus Florida angereist. Bis zur Ostküste drangen die Geschichten von Dr. M., der sich dem Kampf gegen die Schwerkraft der Natur verschrieben hat und in seinem "Verjüngungszentrum" an der Frau der Zukunft bastelt. Eigentlich ist Krista Russell eine hübsche, schlanke Frau mit langen blonden Haaren. Sie hat die Beine einer 30-Jährigen und das Gesicht einer maximal 35-Jährigen, aber bei genauerem Hinsehen stellte sie mit Entsetzen fest, dass es tatsächlich Körperregionen gibt, die so alt aussehen, wie sie wirklich ist: 46.
Dr. Matlock beruhigt sie und zeigt ihr in seinem ledergebundenen Fotoalbum unzählige Nacktmodelle aus dem "Playboy", junge, straffe Frauen mit "musterhaften Vaginas", wie er findet: clean und symmetrisch und günstig zu erstehen für den Preis eines Kleinwagens (Studentinnen bekommen Ermäßigung). Er spricht mit sanfter Stimme und produziert Zauberwörter wie "Komplettverjüngung" und "Sexualerfüllung". Er zerstöre auch Cellulite, beseitige Oberarmfett und schneidere auf Wunsch Jennifer-Lopez-Hintern. Wenn Arnold Schwarzenegger der Terminator des Bösen ist, dann ist er der Terminator des Alterns.
Als Krista Russell die Praxis verlässt, hat sie sich für den kompletten Umbau entschieden: Laservaginalverjüngung, Schamlippenstraffung, Klitorisfreilegung für 9000 Dollar plus Steuern. Die Hoffnung kehre zurück, sagte sie, die Hoffnung auf ein Leben in Würde. Auf zwei Flachbildschirmen in der Wand verkündet CNN den tragischen Tod zweier US-Soldaten im Irak.
Der Besuch der Krista Russell auf dem Sunset Boulevard 9201, Suite 406, könnte einer Zukunftsutopie Aldous Huxleys entspringen, aber er ist echt. Er ist so echt wie das arabische Mädchen im Vorzimmer, das sich bereits ihre vierte Jungfernhaut einsetzen lassen will. So echt wie die 70-jährige Millionärswitwe in Versace-Lederhosen, die für ihren 28-jährigen Liebhaber noch mal wie 28 aussehen will. Und so echt wie er selbst: der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende, selbst ernannte "Boutique-gynäkologische Schönheitschirurg", der so lachsfarbenwarm ist wie die Räume seiner Praxis: Dr. David L. Matlock aus St. Louis, Missouri.
Man könnte ihn beschreiben als einen narzisstischen, neureichen, publicitygeilen Geschäftsmann, aber er übernimmt das lieber selbst. Er sagt - mit jungenhaftem Grinsen -, er sei so genial, dass man ihn eigentlich klonen müsse. Er sei so reich, dass er einen 136 000-Dollar-Porsche Turbo, einen Mercedes 500 und einen Hummer fahre. Er sei so beliebt, dass Pelé und Hollywood-Stars zu den Partys in seine Villa kämen. "Nehmen Sie das alles auf", befiehlt er, als könne man so viel Selbstbewunderung unerwähnt lassen. "Schauen Sie sich meine Werke an. Seien Sie live dabei. Wir ermöglichen alles."
Man möchte nicht unbedingt live dabei sein, wenn der Doktor seine Patientinnen verjüngt, aber er besteht auf Anwesenheit. An einem Mittwochmorgen liegt Krista Russell mit weit gespreizten Beinen auf seinem OP-Tisch. Vor ihrem Schritt, auf einem Hocker, sitzt Matlock mit Arztkittel und Laserbrille und macht sich an sein Werk. "Ich bin Künstler", sagt er. "Das hier ist 100 Prozent Kunst, verstehen Sie?" Er sticht durch intimste Körperpartien, entfernt Haut, verengt Muskeln und macht Schnitte, die zu beobachten man magenstark sein sollte. Nach einer zweistündigen Operation sagt er triumphierend: "Jetzt sieht sie aus wie ein Teenager und ist eng wie ein Teenager."