Monatelang merkte niemand, dass Helene Beitler an Schizophrenie erkrankt war. Eine Geschichte von Wahn und Halluzinationen - und einem Paar, dessen Liebe stärker ist als die Krankheit. Von Anika Geisler und Anatol Kotte (Fotos)

Helene und Hubert Beitler sind seit 23 Jahren zusammen. Bei Helenes erstem Krankheitsausbruch wäre die Beziehung fast zerbrochen© Anatol Kotte
An dem Tag, als die schwarzen Pfeile sie durchbohrten, hatte Helene Beitler eine weiße Bluse an. Weiß, seit Wochen die einzige Farbe, die sie noch ertrug. Blaue, braune und schwarze Stoffe lasteten wie Blei auf ihrer Haut und erdrückten sie.
Helene Beitler kam etwas zu spät in ihre Kunstschule in Stuttgart. Plötzlich spürte sie einen stechenden Schmerz in ihrem Herzen, guckte an sich herunter und sah Pfeile in ihrem Brustkorb stecken. Sie rannte auf die Straße, versuchte, die Pfeile herauszuziehen. Keiner bemerkte ihre Qualen, niemand half. Sie fuhr nach Hause zu ihrem Mann. "Ich bin schwer krank", sagte sie und meinte die Verletzungen. Aber er verstand sie nicht. Weil er nichts sehen konnte. Die Pfeile in ihrer Brust - sie existierten nur in Helene Beitlers Kopf.
Hubert Beitler ist ein pragmatischer Mann. Heute 50 Jahre alt. Asketisch, sehnig und zäh. Seine Haare sind früh grau geworden. Beim Denken reibt er seine langen Finger, blickt zum Himmel und wägt seine Worte bedächtig, bevor er spricht. Er arbeitet als Ingenieur bei Daimler-Chrysler, beschäftigt sich mit Zahlen und Fakten. Nach Feierabend übt er sich in chinesischer Kampfkunst, steigert seine Reaktionsgeschwindigkeit, Kraft und Geschicklichkeit. Wing Tsun heißt die Disziplin, in der er den dritten Lehrergrad erworben hat: Der Angriff des anderen wird umgewandelt in eigene Energie, mit der man sich verteidigt. "Vielleicht habe ich das alles mit Helenes Krankheit nur geschafft, weil ich Kampfsportler bin", sagt Hubert Beitler. "Gebt mir eine Herausforderung, und ich nehme sie an."
Als er Helene 1981 im Studentenwohnheim in München kennen lernt, ist Beitler noch Maschinenbaustudent und ahnt nicht, dass diese Frau die Herausforderung seines Lebens werden wird. Er, 27, bodenständig, aus Oberbayern, trifft sie, 22, aus Dortmund, Kunststudentin, die riesige, bunte Bilder malt.