So entsteht das Ich

12. Juni 2002, 13:02 Uhr

Aus einem Dickicht von Milliarden Nervenzellen wächst im Wechselspiel von Genen, Erfahrung und Erziehung die Persönlichkeit. Fürsorgend und einfühlsam können Eltern die Biologie im Kopf ihrer Kinder unterstützen.

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Das Drama kann einen ganzen Tag dauern. Die lange so schützenden, warmen Wände ziehen sich plötzlich mit voller Wucht zusammen. Wie ein Rammbock wird der kleine, aber für die bevorstehende Passage noch zu große Kopf immer öfter und immer heftiger nach vorn gestoßen. Jetzt rettet das kurz zuvor vielleicht selig am Daumen nuckelnde Kind nur, dass die Segmente seines Schädels noch nicht zusammengewachsen sind und sich die Knochenplatten sogar zu grotesken Formen übereinander legen können, um den Kopf schließlich ins Freie zu quetschen.

Die Tortur ist der Preis für unser kluges Köpfchen. Denn im Vergleich zum Rest unseres Körpers und zu unseren affigen Verwandten sind das Gehirn und der schützende Schädel drum herum bei uns etwas zu reichlich ausgefallen. Doch »Mutter Natur« hat für unseren Riesenschädel vorgesorgt, so gut es ging. So wirken die Stresshormone, die mit dem Einsetzen der Wehen durch die winzigen Adern des Babys jagen, ganz anders als bei uns Erwachsenen: Das Kleine regt sich nicht auf, wie wir es täten, sondern wird ganz ruhig. Diese genetisch geschenkte Gelassenheit reduziert den Sauerstoffverbrauch und schützt so das Gehirn vor Unterversorgung.

Trotz der biochemischen Beruhigung dösen Neugeborene aber nicht nur vor sich hin. Vielmehr versetzt sie Adrenalin in wache, wohlige Gespanntheit, bereit für das Verlassen von »Raumschiff Mama« und die erste Begegnung mit einem neuen Planeten und seinen seltsamen Bewohnern. Die erweiterten Pupillen verraten den Hormonschub nach der Geburt. Und muss man in diesen Augen nicht versinken? Dazu duftet der kleine Wonneproppen zum Reinbeißen, und die winzige spitze Zunge fährt immer wieder aus dem Mündchen - süß, nicht wahr?