Homöopathie

10. Februar 2004, 15:52 Uhr

Vor gut 200 Jahren entwickelte Samuel Hahnemann die Homöopathie. Heute schwören Millionen auf seine Lehre, obwohl ihre Wirkung wissenschaftlich kaum nachzuweisen ist.

Tröpfchen für Tröpfchen: Eine Mitarbeiterin des Homöopathie-Marktführers DHU beträufelt Zuckerkügelchen ("Globuli") mit einem flüssigen Heilmittel©

Sie hilft. Wenn Tobias hingefallen ist und sich eine Beule bildet. Wenn Antje eine Erkältung hat und der Kopf dröhnt. Wenn Stefan wieder so starke Rückenschmerzen hat, dass er sich nicht konzentrieren kann. Dann hilft sie.

Sie: Das ist die Homöopathie. Mit ihren hochverdünnten Wirkstoffen in Kügelchen, Lösungen und Tabletten. Fast jeder kennt Geschichten, in denen die Heilkunde Schmerzen, Allergien oder chronische Krankheiten vertrieben hat. Sogar Krebs und Multiple Sklerose soll sie heilen können. Und das auf ganz sanfte Weise. Individuell und ohne Nebenwirkungen.

So eine Methode fasziniert die Menschen. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern haben 38 Prozent der Deutschen die Kügelchen-Kunde schon angewendet, weitere 20 Prozent interessieren sich dafür. Heilpraktiker und Ärzte lassen sich zu Homöopathen ausbilden.

Ist Homöopathie das sanfte Verfahren, die ganzheitliche Medizin, verblüffend wirksam und der Schulmedizin überlegen, wie es ihre Anhänger behaupten? Oder ist sie Hokuspokus, Quacksalberei und einzig und allein eine Glaubenssache - wie ihre Kritiker oft in drastischen Worten dagegenhalten?

Es gibt nur wenige alternative Medizinverfahren, über die so heftig gestritten wird. Das ist schon seit ihren Anfängen so. Und sicher ist: Seither hat sich nicht viel verändert in der Homöopathie. Noch immer wird behandelt wie im 18. Jahrhundert, als das Heilverfahren von Samuel Hahnemann erfunden wurde. Noch immer soll Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden, wie es Hahnemann damals formulierte. Noch immer bilden die Erkenntnisse des Meißener Arztes die Basis für die homöopathische Therapie.

Hahnemanns Selbstversuch

Hahnemann wurde 1755 in ein armes Elternhaus geboren. Trotzdem konnte er Medizin studieren: Er beherrschte mehrere Sprachen und verdiente sich mit Übersetzungen Geld. Das Sprachtalent verhalf ihm 1790 auch zu seiner folgenreichen Entdeckung. Bei der Übersetzung eines medizinischen Buches aus dem Englischen las er etwas über die Wirkung der Chinarinde gegen die Malaria. Die Meinung des Autors William Cullen, die Rinde wirke über die Stärkung des Verdauungssystems, überzeugte Hahnemann nicht. Er entschloss sich, Cullens These im Selbstversuch zu überprüfen. Nachdem er Chinarinde eingenommen hatte, entwickelten sich fieberhafte Symptome, ähnlich denen der Malaria. Sollte die Wirkung der Chinarinde gegen die Malaria also darauf beruhen, dass sie am Gesunden ähnliche Erscheinungen hervorruft wie die Malaria am Kranken?

Sechs Jahre später, nach weiteren Experimenten, veröffentlichte der Sachse in einer angesehenen medizinischen Fachzeitschrift sein Ähnlichkeitsprinzip. 1810 erschien dann die Bibel der Homöopathie: Hahnemanns "Organon der rationellen Heilkunde". Dort taucht zum ersten Mal der Lehrsatz auf, der auch heute noch die Basis jeder homöopathischen Behandlung bildet: "Similia similibus curentur" - Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden.

Vor dem Heilen aber stand die Suche nach den richtigen Medikamenten, die Arzneimittelprüfung. Hahnemann verabreichte Gesunden bestimmte Mittel und beobachtete, welche Symptome sie auslösten. Er notierte sie und hatte damit das Einsatzgebiet für die Substanzen in der Hand: Die an Gesunden beobachteten Symptome mussten denen der Krankheit ähnlich sein, um die beste Wirkung erzielen zu können. Das Schwermetall Thallium etwa lichtet Gesunden das Haupt, also hilft es nach homöopathischer Auffassung auch gegen Haarausfall. Verbrennungen versorgte Hahnemann mit erwärmtem Weingeist oder Terpentin, nicht mit kaltem Wasser. Die Chinarinde, die ja bei Hahnemann fieberhafte Erscheinungen ausgelöst hatte, sollte gegen Wechselfieber helfen. Der Chinarinde-Versuch von Hahnemann bildet bis heute das Fundament der Homöopathie. Eine wacklige Basis. Denn Hahnemann war einem Irrtum aufgesessen: Chinin, der Hauptwirkstoff der Rinde, bewirkt normalerweise das genaue Gegenteil der von ihm beschriebenen Symptome - es senkt das Fieber. Bei Hahnemann hatte die Chinarinde also eine außergewöhnliche und seltene Reaktion zur Folge. Doch die von ihm aufgezeichneten Symptome stehen noch immer in den Lehrbüchern der homöopathischen Heilkunde.