
Der Meditierende erfährt sich selbst und seine Umwelt auf neue Weise© Colourbox
In Deutschland vermisst Ott eine gewisse, wie er es nennt, spirituelle Dimension im Alltag. Bei anderen Völkern, in denen die Religion eine größere Rolle spielt, sei dies viel selbstverständlicher. Er selbst hat so eine Dimension Anfang der 1990er Jahre kennen gelernt, während seiner Yogalehrer-Ausbildung. Zwei Jahre lang trainierte der damalige Psychologiestudent Ott in Frankfurt am Main im Mahindra-Yoga-Zentrum. Als Mystiker sieht er sich zwar nicht, dennoch habe ihn sein indischer Yogameister sehr geprägt: "Er war der erste, der mich mit einem anderen Seinszustand konfrontiert hat." Manchmal klingt Ott esoterisch, doch er forscht nach wissenschaftlichen Kriterien.
Die Meditation dient nicht nur der Erleuchtung, sagt Ott. Auch ohne solch eine Grenzerfahrung fördere das Konzentrationstraining die seelische Gesundheit, wie der Psychologe in seinen Studien zeigen konnte. Mit seinem Team an der Universität Gießen erforscht er vor allem Übungen der Achtsamkeitsmeditation. Die Versuchspersonen richten dabei ihre volle Aufmerksamkeit auf spontan auftretende Empfindungen und lernen, diesen Gefühlen wohlwollend zu begegnen. Anfangs wandert die Wahrnehmung immer wieder ab in Erinnerungen und Grübeleien. Doch schließlich verändert sich etwas: Der Meditierende erfährt sich selbst und seine Umwelt auf neue Weise. Das Körperempfinden wird sensibler, Emotionen lassen sich souveräner kontrollieren.
Solche Phänomene werden an Universitäten in der ganzen Welt untersucht. Studien zufolge kann Achtsamkeitsmeditation bei der Behandlung von Angstsymptomen, chronischem Stress und Schmerzen helfen. "Bei Depressionen verringerte sich die Rückfallquote um bis zu 50 Prozent", berichtet Ott. Auch das Immunsystem scheint von der Meditation zu profitieren: "Forscher vermuten, dass dies über eine positive Grundeinstellung erreicht wird." Angenehme Gefühle aktivieren die linke Gehirnhälfte, deren elektrische Ströme im EEG gemessen werden können. "Es zeigt sich ein auffälliger Zusammenhang zwischen linksseitiger Hirnaktivität und verbesserter Immunreaktion."
Bleibt die Frage, warum die Achtsamkeit so wirksam ist. Ott liefert folgende Erklärung: Normalerweise reagiert der Mensch unmittelbar auf einen Reiz. Wer zum Beispiel im Stau steht, ärgert sich. Die Achtsamkeit aber schiebt sich wie ein Puffer zwischen Reiz und Reaktion. Das schafft eine Lücke, die helfen kann, eingefahrene Reaktionsmuster aufzulockern und schließlich zu verändern. "Wir sind dann nicht mehr wie Roboter bestimmten Geschehnissen ausgeliefert", sagt er, "sondern können als bewusste Wesen angemessen auf eine Situation reagieren."
Dieses Gegenwärtigsein ist in unserer Kultur nicht selbstverständlich. "Unser Alltag ist oft ein Hin und Her zwischen maschinengleichem Aufgabenerledigen und passiver Zerstreuung, etwa vor dem Fernseher", sagt Ott. "Um aus dieser Halbautomatik herauszukommen in eine Spontaneität, in einen Wachzustand, dazu bedarf es Anstrengung."
Doch die Mühe lohnt sich. "Spiritualität kann als Ressource verstanden werden, um sich zu regenerieren und seelische Ausgeglichenheit zu finden", sagt Ott. Spirituelle Abstinenz hingegen sieht er als Gesundheitsrisiko. In Deutschland bezeichnen sich nur etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung als "spirituelle Menschen" oder "spirituelle Sinnsucher", ergab eine repräsentative Umfrage von 2006.
Ott ist aber auch Forscher genug, um zu wissen, dass Meditation kein Patentrezept für ein glückliches Leben liefert. Spiritualität wirke diskreter, sagt er, hintergründiger: "Vor allem jenen Menschen, die sich tagtäglich Leistungsvergleiche liefern, kann die Meditation helfen, das Leben mit mehr Wohlwollen, Liebe und Humor zu betrachten."
Ulrich Ott Der Diplom-Psychologe arbeitet am Bender Institute of Neuroimaging (Bion) der Universität Gießen und erforscht dort seit Jahren die Meditation.