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18. März 2010, 14:45 Uhr

Wenn die Nase ausfällt

Wie riecht der Frühling? Wer seinen Geruchssinn verloren hat, muss nicht nur auf den Duft von Hyazinthen und frisch gemähtem Rasen verzichten. Auch Essen und Sex sind bei Anosmie nicht mehr wie früher. Wenn unsere Nase ausfällt, verändert sich unser Leben - und zwar stärker als die meisten annehmen. Von Marie-Luise Braun

Anosmie, Geruchsverlust, Riechsinn, Nase, Depression

Auch den Duft von Blumen nehmen Menschen, die an Anosmie erkrankt sind, nicht mehr wahr© Colourbox

Der Frühling ist da, die Erde bricht auf, Hyazinthen schieben sich aus ihren Zwiebeln an die Sonne, bald blühen die Obstbäume wieder und der Rasen wird das erste Mal gemäht. All das nehmen wir nicht nur mit unseren Augen war. Auch unsere Nase teilt uns mit, was um uns herum passiert. Für den Österreicher Walter Kohl ist der Frühling geruchlos. Der 57-Jährige ist an Anosmie erkrankt, dem Verlust des Geruchsinns.

Auch in Deutschland sind nicht wenige davon betroffen. "Man weiß, dass zwischen einem und fünf Prozent der Menschen an Riechstörungen leidet", sagt Antje Welge-Lüssen, leitende Ärztin an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik am Universitätsspital Basel. Bei 50.000 Menschen pro Jahr treten diese Störungen neu auf, schätzt die Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Was den Betroffenen verloren geht, ist eine eigene Welt: Bis zu mehreren hundert bis tausend Duftqualitäten kann ein riechender Mensch unterscheiden, geschulte Nasen wie die von Parfümeuren bringen es auf mehrere Tausend.

Angeboren ist Anosmie selten

Weder den Duft von Kaffee, noch den von saurer Milch, weder sich, noch andere kann Walter Kohl wahrnehmen. Sein Riechnerv ist unwiederbringlich durchtrennt. Bei einem Unfall mit dem Fahrrad stürzte der Journalist im Sommer 1995 auf seinen Kopf. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis er körperlich wieder hergestellt war. Nach einigen Operationen wurde ihm für seine zerstörte Stirn eine Platte aus Karbonfaser eingesetzt. Sie bildet eine undurchdringliche Wand zwischen den Riechzellen in seiner Nase und dem Bulbus olfactorius, der ersten Schaltstelle im Gehirn, von wo aus Düfte weitergeleitet und verarbeitet werden.

Es muss kein Unfall sein, der zum Verlust der Riechfähigkeit führt, wie bei Walter Kohl. Am häufigsten wird Anosmie durch sogenannte sinunasale Erkrankungen verursacht, also Erkrankungen der Nase und der Nasennebenhöhlen, die entzündlich sein können, wie HNO-Ärztin Welge-Lüssen erklärt. Aber auch nichtentzündliche Veränderungen zum Beispiel durch Polypen in der Nase können dafür verantwortlich sein. Mitunter kommt es auch nach der Einnahme toxischer Substanzen zum Riechverlust, oder nach einem Virus-Infekt. Angeboren ist die Anosmie äußerst selten.

Das Aroma entsteht erst im Gehirn

Da das Aroma einer Speise über den Geruch vermittelt wird, bedeutet der Verlust des Geruchssinns auch den Verlust des Geschmacks. Süß, salzig, sauer, bitter und umami, eine eigene Geschmacksrichtung, die am ehesten vergleichbar mit Fleischbrühengeschmack ist, sind die einzigen Eindrücke, die Speisen und Getränke bei Menschen mit Anosmie hinterlassen. Nur diese fünf werden mit den Geschmackspapillen auf der Zunge erkannt. "Kaffee schmeckt für diese Menschen wie heißes Wasser", berichtet Antje Welge-Lüssen. Denn der Geschmack des Getränkes wird - wie bei anderen Speisen und Getränken auch - vor allem über Duftmoleküle wahrgenommen, die beim Schlucken über den Rachen von hinten in die Nase und zum Riechepithel gelangen, und weniger über die Bitterstoffe. Erst im Gehirn werden die Informationen von Zunge und Nase zu einem Gesamteindruck - dem Aroma - zusammengefügt.

Walter Kohl: Wie riecht Leben? Bericht aus einer Welt ohne Gerüche. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2009, 238 Seiten, 19,90 Euro.

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