Kleinen Kindern Handzeichen beibringen, bevor sie sprechen lernen - der neueste Trend im Frühförder-Bemühen eifriger Eltern. Immer mehr Mütter und Väter besuchen mit ihrem Nachwuchs Kurse, um die Babyzeichensprache zu lernen. Angeblich fördert das die Entwicklung und stärkt die Eltern-Kind-Beziehung. Doch Studien gibt es dazu kaum, und Experten sind skeptisch. Von Ulrike Klode

In den Kursen lernen die Eltern die Handzeichen, die sie dann im Alltag einsetzen, wenn sie mit ihrem Baby reden© Janek Skarzynski/AFP
Emma liegt auf dem Bauch und lutscht an einem braunen Pferd aus Plastik, Alvinia lugt hinter einem gelben Vorhang hervor und grinst. Die Mütter der beiden Kleinkinder sitzen nebeneinander auf einer roten Matte, singen: "Häschen in der Grube, saß und schlief" - und bewegen dabei ihre Hände. Wenn sie "Häschen" singen, formt eine Hand hinter dem Kopf Hasenohren, bei "saß" drücken sie beide Hände mit den Handflächen in Richtung Boden, beim Wörtchen "schlief" legen sie die Hände an die rechte Wange und neigen den Kopf zur Seite. Insgesamt vier Mütter mit ihren Kindern sind es, die an diesem Donnerstagmorgen im Mütterzentrum Hamburg-Hohenfelde gemeinsam singen und gebärden. Auch die Kursleiterin Michaela Ashton-Braun hat ihre Tochter dabei. Mit 16 Monaten ist Molly fast doppelt so alt wie die anderen vier und kann das schon, was die anderen lernen sollen: Babyzeichensprache.
Die Idee stammt aus den USA, wo "Baby Signing"-Kurse so selbstverständlich sind wie in Deutschland Babyschwimmstunden: Amerikanische Eltern wollen mit ihren kleinen Kindern über Gebärden kommunizieren, bevor der Nachwuchs sprechen lernt, und erhoffen sich davon entscheidende Vorteile für die Entwicklung der Kleinen. Dieses Frühförder-Konzept ist seit vier Jahren auch in Deutschland angekommen und reiht sich ein in Angebote wie "Helen Doron Early English"-Sprachkurse für Babys ab drei Monaten, die "Kumon"-Mathematikschule für Kleinkinder - oder aber das gute alte Babyturnen.
Emma und Alvinia nehmen mit ihren Müttern an einem Anfängerkurs "Zwergensprache" teil - in mittlerweile mehr als 90 Städten in Deutschland werden solche Kurse angeboten. Das von Vivian König entwickelte deutsche Konzept ist einfach: In zwölf Wochen lernen die Eltern etwa 75 der wichtigsten Zeichen, die auf der Gebärdensprache basieren. Und zwar spielerisch mit Liedern und Anschauungsobjekten. Die Mütter in Hamburg singen gemeinsam und machen die dazu passenden Handzeichen, in der Kreismitte liegen Plastikpferd und Kuschelhase. Alvinia ist neun Monate alt und findet Versteckspielen hinter dem Vorhang viel spannender als das, was ihre Mama Susanne von der Ahe gerade macht. Doch das ist nicht schlimm: Hier im Kurs sind die Eltern gefordert. Sie sollen die Gebärden lernen, damit sie später, zu Hause, die Zeichen einsetzen, wenn sie mit ihren Kindern reden.
Alvinias Vater ist Australier, die Kleine soll zweisprachig aufwachsen. "Wir hatten die Sorge, dass sie durch die Zweisprachigkeit erst später mit dem Reden anfängt", sagt ihre Mutter. Die Ankündigungen der Kursanbieter sind vollmundig: Die Forschung habe gezeigt, die Babyzeichensprache bei hörenden Kindern die Gehirnentwicklung fördere und die Kinder häufig früher mit dem Sprechen begännen, schreibt Vivian König auf ihrer Website, und in ihren Büchern verspricht sie noch viel mehr.
Doch das bezweifeln Experten: "Oft wird in der Werbung der Eindruck erweckt, als gäbe es gesicherte Forschungserkenntnisse. Aber bisher gibt es nur erste Hinweise, mehr nicht", sagt Mechthild Kiegelmann, Vertretungsprofessorin für Pädagogische Psychologie und Angewandte Entwicklungspsychologie. Im Grunde gebe es bisher keine umfassenden wissenschaftlichen Studien zur Gebärdensprache für hörende Babys - also auch keine, die positive Effekte belegen könnten. Die kanadische Wissenschaftlerin J. Cyne Topshee Johnston hat im Auftrag des Canadian Language and Literacy Research Network die bestehenden Studien ausgewertet und festgestellt, dass die meisten kaum empirische Aussagekraft besitzen.
Literatur zum Thema König, Vivian: Das große Buch der Babyzeichen - mit Babys kommunzieren, bevor sie sprechen lernen. Verlag Karin Kestner. ISBN 3981070976.
Acredolo, Linda und Goodwyn, Susan: Baby-Sprache - wie Sie sich mit Ihrem Baby unterhalten können, bevor es sprechen lernt. Rowohlt. ISBN 3499609762