Erst kommt die Erschöpfung, dann der Zusammenbruch: Burnout. Eine Psychiaterin und ein Psychologe geben Tipps, welche Schutzmechanismen es gegen einen Burnout gibt und wann Hilfe nötig ist. Von Margot und Michael Schmitz
Aufmerksam mit sich sein
Es gibt Anzeichen für den Beginn eines
Burnout-Prozesses: wenn morgens schon
der Turbo zugeschaltet ist und der
Kreislauf immer gleich auf Hochtouren
fährt. Schwierige Tage scheinen dann
nicht mehr zu bewältigen zu sein. Es geht
nur noch ums Überleben. Kritisch wird
es, wenn man nicht mehr sein eigenes
Tempo läuft, sondern ein fremdbestimmtes.
Das merkt man an banalen
Dingen: Ist der Herzschlag häufig erhöht?
Habe ich Zeit, auf die Toilette zu gehen,
wenn sich die Verdauung meldet, oder
unterdrücke ich den Drang? Schwitze
ich grundlos? Habe ich häufig Kopfschmerzen?
Auch Gedanken und Gefühle sagen,
dass etwas nicht stimmt. Gedanken wie:
Das ist alles zu viel für mich. Mir wächst
das über den Kopf. Es bleibt gar keine Zeit
mehr für mich. Der wichtigste Schritt bei
der Prävention ist, rechtzeitig auf sich zu
achten: Welche Faktoren schaffen mir
Stress? Wo mache ich mir selbst Druck?
Die Psychiaterin Margot Schmitz und der Psychologe Michael Schmitz haben viel Erfahrung mit Burnout-Prävention und Therapie. Sie behandeln in ihrer Wiener Praxis immer wieder gemeinsam Menschen mit Burnout-Syndrom und betreiben in einem Krankenhaus eine Burnout-Ambulanz
Wer sich von einer Fülle von Aufgaben
überfordert fühlt, muss Selbst-Management
lernen. Der wichtigste Grundsatz ist
die 80-Prozent-Regel der Manager: Wenn
ich 80 Prozent schaffe, ist das genug! Denn
die Aufgaben werden nach ihrer Wichtigkeit
erledigt. Wer die Prioritäten nicht im
Kopf ordnen kann, schreibt sie sich besser
auf. Manchmal schafft man von zehn
Punkten nur sechs, aber dann ist das
Wichtigste getan.
Aufgaben sollten der persönlichen
Leistungsfähigkeit angepasst werden: Wie
ist mein persönlicher Rhythmus, und wie
kann ich meinen Arbeitstag danach planen?
Wenn Sie fit sind, gehen Sie eine
schwierige Aufgabe an. Wenn Sie müde
sind, erledigen Sie Routinearbeit. Falsche
Ziele sollten Sie aussortieren: Fertig werden
zu wollen ist oft unvereinbar mit modernen
Arbeitsabläufen. Die Idee von
Perfektion funktioniert nicht mal bei der
Raketentechnik, beim Menschen schon
gar nicht. Wer sich niemals von Kollegen
stören lassen will, darf nicht mit Menschen
arbeiten.
Stress empfindet jeder anders. Der Druck,
den der eine gut aushält, macht dem anderen
zu schaffen. Gefährlich wird es,
wenn Stress zum Dauerzustand wird. Das
geschieht, wenn eine Aufgabe nicht als
positive Herausforderung begriffen wird,
sondern als permanente Überforderung.
Ist das der Fall, muss ich prüfen: Was ist
wirklich meine Aufgabe? Welche Handlungsalternativen
habe ich, wenn ich mich unter Druck fühle? Womöglich muss ich nicht immer auf dieselbe frustrierende
Weise auf einen Stressor reagieren. Und
ganz wichtig: Welchen Anspruch stelle ich
selbst an meine Arbeit? Hier helfen
Grundregeln weiter: Ich kann es nicht jedem
recht machen. Und ich kann auch
nicht immer 100 Prozent Leistung erbringen.
Manchmal reicht es auch, "nur" solide
zu arbeiten.
Das berühmte Glas Wein nach der Arbeit
ist beliebt. Das entspannt. Das tut erst mal
gut. Das kann ich auch mal genießen.
Aber ich muss wissen, dann lebe ich auf
Pump. Ich muss wissen, wann ich mich
überfordere und körperlich und seelisch
über meine Kräfte lebe.
Verschieben Sie das, was Ihnen gut tut,
nicht auf den St. Nimmerleinstag. Man
kann Schlaf nicht verschieben! Und man
sollte auch Sport nicht verschieben. Wenn
Sie sich vornehmen, nur im Urlaub Sport
zu treiben, werden Sie es gar nicht tun.
Gerade in stressigen Zeiten braucht man
ein Tages-Highlight. Das kann Sport sein
oder ein Spaziergang.
Burnout beginnt immer mit Kontrollverlust:
Die Abläufe entgleiten mir. Ich habe
das Gefühl, keinen Einfluss auf andere und
meinen Tagesablauf zu haben. Dann bin
ich nur noch Spielball verschiedener Interessen
und Wünsche an mich. Also muss
ich meine Arbeit und meinen Alltag genau
studieren: Was sind Pflichten, die ich erfüllen
muss? Wo ist aber auch Spielraum,
den ich selbst gestalten kann?
Auch mit Stressoren wie Zeitdruck
kann man produktiv umgehen. Wenn die
Margen zu eng gesetzt sind, kann man mit
dem Vorgesetzten durchaus die Frage erörtern:
Wollen Sie Qualität? Unrealistische
Arbeitsvorgaben schaffen mehr Ausschuss.
Dieses Argument ist sowohl für
den Arbeitnehmer als auch den Arbeitgeber
wichtig. Zudem gilt: Man muss in einer
Firma nicht alles erdulden, man kann
Kritik gemeinsam mit Kollegen vorbringen.
Unternehmen reagieren häufig erst,
wenn sich Probleme betriebswirtschaftlich
bemerkbar machen. Wenn also viele unter
den Bedingungen leiden, sollte die Firma
wissen: Das ist kein Einzelfall.
Niemand kann jeden Tag 16 Stunden lang
arbeiten! Vermeiden Sie Vorgaben, die Sie
körperlich nicht erfüllen können. Selbst
zwölf Stunden Hochleistung am Stück
sind unmöglich. Ich muss wissen: Wie viel
kann ich aus mir herausholen? Was kostet
mich das? Ein häufiger Irrtum ist, aus einer
Power-Woche zu schließen, dass das jetzt immer so gehen kann. Finden Sie ein
gesundes Maß. Nicht jede Überstunde ist
notwendig!
Bei manchen Jobs sind die Anforderungen
so hoch, dass man sich schon vorher
fragen muss, ob man ihnen gewachsen
ist.
Zum Beispiel: Kann ich als junger Mediziner
in einer Klinik 80 Stunden pro
Woche arbeiten? Bin ich als Unternehmensberater
in meinem Job am richtigen
Platz, wenn ich immer erst nachts zu Hause
bin? Es gibt Menschen, die das können.
Aber es gibt auch solche, die einem solchen
Pensum nicht gewachsen sind.
Freizeit haben Sie nicht, die müssen Sie
sich nehmen! Auch Pausen muss man sich
organisieren. Wenn Sie darauf warten,
dass es irgendwann weniger stressig wird,
brauchen Sie nicht lange darauf zu warten,
bis Sie in den Burnout-Prozess hineinschlittern.
Schaffen Sie sich Bedingungen,
die Entspannung und Ausgleich möglich
machen: Finden Sie eine Laufstrecke in der
Nähe der Wohnung oder des Büros! Nehmen
Sie die Skating-Ausrüstung mit zur
Arbeit, damit sie anschließend gleich loslaufen
können. Fahren Sie mit dem Rad
zur Arbeit! Seien Sie kreativ, um sich geistige
und seelische Nahrung zu verschaffen! Warten ist Gift.
Hochgradig gefährdet sind grundsätzlich
alle, die Anerkennung und Selbstbewusstsein
nur noch aus dem Job schöpfen. Alles
andere erreicht sie kaum noch. Wenn
diese Menschen sich zugleich als Opfer der
Umstände fühlen, dann stimmt etwas
nicht. Kommen Hobbys und Familie auf
Dauer zu kurz, sollten die Alarmglocken
schrillen.
Wichtig ist dann zunächst eine
schonungslose Bestandsaufnahme: Welche
Wünsche und Bedürfnisse habe ich außerhalb
der Arbeit? Welche Lebensbereiche
kommen zu kurz? Was brauche ich, um
mich als kompletter Mensch zu fühlen?
Wie schaffe ich es, Arbeit, Familie, Liebe,
Freunde und Hobbys in eine gesunde Balance
zu bringen? Was muss ich tun? Das
Glück passiert nicht einfach so, es fällt
nicht vom Himmel!
Der gute Therapeut braucht Autorität. Er
muss eine wirkliche Auseinandersetzung
über die Wahrnehmung in Gang setzen.
Denn in der Regel kommen die Patienten
ja, um alles genauso weiterzumachen - nur
besser. Das ist nicht die Aufgabe des
Coachs. Vielmehr ist er dazu da, die Kognition
zu schärfen: Ziele infrage zu stellen,
Wege als unvereinbar mit Zielen herauszuarbeiten.
Am Anfang steht aber eine
grundlegende Bestandsaufnahme.
Wer mit körperlichen Symptomen
kommt, muss unbedingt vor einer Therapie
von einem Arzt medizinisch untersucht
werden! Therapeuten können
großen Schaden anrichten, wenn sie ohne
medizinische Expertise therapieren.
Ein Beispiel: Wer beim Burnout bereits in eine Depression geglitten ist, kann seine Probleme
nicht allein mit Kognition in den
Griff kriegen. Der muss in der Regel ein
Medikament nehmen, um den Stoffwechsel
zu regulieren. Macht er das nicht, treibt
ihn die Verzweiflung womöglich gar in
den Suizid. Also: erst der Arzt, dann Therapie
mit Kognition und schließlich Verhaltenstraining.
Der Prozess muss handlungsorientiert
sein: Was kann ich tun? Was sind die Fallen
und Hindernisse? Jeder Patient muss
bei einer Therapie wissen, was genau er in
einem überschaubaren Zeitrahmen erreichen
und verändern kann! Bei guter Therapie
geht es um praktische Verbesserungen,
um messbaren Erfolg. Jede Stunde
sollte praktischen Nutzen bringen.
Der schlechte Therapeut vereinbart mit
Ihnen keine Ziele für die Therapie. Bei einer
schlechten Therapie wissen Sie auch nicht,
was Sie in der Therapie gerade tun und wo
Sie stehen. Es wird herumgeschwätzt und
in einer diffusen Tiefe nach Ursachen geforscht,
um nach einigen Jahren auf Erkenntnisse
aus früher Kindheit zu stoßen.
Wenn ich aus den Therapiesitzungen gehe
und nicht weiß, was sie mir bringen, sollte
ich den Therapeuten wechseln. Für faulen
Zauber und Psycho-Gebabbel sind die Zeit
und das Geld zu kostbar!
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