Kinder hassen Clowns?

7. Februar 2008, 08:57 Uhr

Dass Kinder Clowns als Deko in Krankenhäusern nicht leiden können, sondern sich vor den Bildern sogar fürchten, ermittelte vor kurzem britische Forscher. Klinikclowns wollen jetzt klarstellen: Beim Spaßmacher-Besuch greift diese Abneigung nicht.

Lustig oder gruselig: Clowns werden ganz unterschiedlich wahrgenommen©

Michael schaut skeptisch. Was macht der Kerl mit dem weißen Kittel und der roten Nase da vorne an seinem Krankenbett eigentlich? Er wuselt mit den Händen in der Luft herum und spielt auf einer Mini-Trompete. Michael ist fast vier Jahre alt und liegt seit ein paar Tagen im Kinderkrankenhaus im Münchner Stadtteil Harlaching. So etwas Seltsames wie diesen Clown im Arztkostüm hat er bisher noch nicht gesehen. "Clowns, das sind Erwachsene, die komisch aussehen und sich komisch verhalten - da kann man als Kind schon mal ins Grübeln kommen", sagt Thomas Holzer alias "Doktor Steffo".

Holzer arbeitet als Klinikclown und geht mehrmals pro Woche durch die Krankenzimmer, um den kleinen Patienten Ablenkung vom oft schmerzlichen Alltag zu bringen und sie durch ein Lachen vielleicht ein bisschen schneller gesund werden zu lassen. Seit Jahren macht der freiberufliche Künstler diesen Job - derzeit aber verfolgt er damit noch ein anderes Ziel. Zusammen mit Hunderten Kollegen in ganz Deutschland will er eine These widerlegen, die in den vergangenen Wochen die Runde gemacht hat: Die Behauptung, dass Kinder Clowns eigentlich doof finden, Angst vor ihnen haben und sie in manchen Fällen sogar regelrecht hassen.

Es ging um Dekoration

"In einer Studie der Universität Sheffield wurde festgestellt, dass Kinder in Krankenhäusern oft Angst vor Clownbildern an den Wänden haben", sagt Karin Platzer vom Verein KlinikClowns Bayern. "Daraus wurde dann im Fernsehen und in Zeitungen die These abgeleitet: Kinder hassen Clowns." Die Aussage habe sich dann wie ein Lauffeuer verbreitet. Doch das war eine falsche Interpretation der Studie. Die Forscher der britischen Universität hatten rund 260 Kinder im Alter von 4 bis 16 Jahren über die optische Gestaltung von Kinderstationen befragt. Keiner - wirklich keiner - der Befragten mochte Clownbilder. Viele hatten Angst vor den Darstellungen, sogar manch Jugendlicher gruselte sich vor den gemalten oder fotografierten Spaßmachern. Die Kinder wollten lieber Comicbilder, zum Beispiel vom sprechenden Schwamm Sponge-Bob, Bilder von Fußballspielern, bunt bemalte Wände oder Mobiles sehen.

Klinikclown Holzer und seine Partnerin Yueh Weber-Lu schminken sich bewusst dezent©

"Clown ist ja nicht gleich Clown", sagt Holzer, der absichtlich dezent geschminkt vor die Kinder tritt. "Oft sind Bilder von Clowns total penetrant - da hätte ich auch Angst vor." Wie in München sind deutschlandweit zahlreiche Vereine aktiv, um mit Spendengeldern Clownbesuche in Kinderkrankenhäusern zu organisieren und zu finanzieren. Die Studie hat für reichlich Aufruhr unter ihnen gesorgt.

Klinikclown darf keinesfalls jeder werden. Die Komiker brauchen eine spezielle Ausbildung, denn sie müssen sehr spontan und behutsam auf die jungen Patienten reagieren können. "Bei den Roten Nasen werden die Künstler sorgfältig für die sensible Arbeit in Krankenhäusern geschult", sagt Reinhard Horstkotte vom Klinikclown-Verein Rote Nasen Deutschland. Die Roten Nasen sind weltweit organisiert und in Deutschland unter anderem in Berlin aktiv.

Lachen wirkt schmerzlindernd

"Die Schauspieler, Musiker, Mimen und Artisten lernen in der Figur des Clowns mit den Kindern in Beziehung zu treten. Sie geben ihnen das Gefühl, nicht allein zu sein", sagt Horstkotte. "Wenn wirklich ein Kind mal nicht will, wird das von den Clowns respektiert", sagt Beatrix Schmidt, Chefärztin am Berliner St. Joseph Krankenhaus. Die Clowns könnten beim Gesundwerden durchaus helfen. Die Kinder würden zumindest eine Zeitlang von ihren Schmerzen abgelenkt. "Die Kinder lachen und Lachen ist gesund."

Das bestätigt auch Kabarettist und Mediziner Eckart von Hirschhausen, der die deutsche Abteilung der Roten Nasen gegründet hat. "Lachen wirkt nachweislich schmerzlindernd", sagt Hirschhausen. "Wäre es nicht toll, wie bereits in Österreich und in der Schweiz, in allen Kinderkliniken Deutschlands Humor therapeutisch einzusetzen?"

Michael blickt mit seinen leicht fiebrig glänzenden Augen in die Richtung von Steffo und dessen Partnerin Yueh Weber-Lu. Als die beiden versuchen, den Kleiderschrank neben seinem Bett zu erklimmen, fängt er erstmals an zu lachen - erst nur ganz vorsichtig, dann sprudelt es aus ihm heraus. Da packen die beiden Clowns einen Luftballon aus und stupsen ihn in Richtung Krankenbett. Michael springt aus den Kissen. Seine Mutter hält schnell den Infusionsschlauch an seiner kleinen Hand fest, damit er nicht rausrutscht. Die Clown-Visite ist vorbei, als Michael zum ersten Mal einen Ton herausbringt: "Kommt ihr morgen wieder?"

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