28. Januar 2009, 00:00 Uhr

"Mit Yoga sperre ich den Alltag aus"

Er war rastlos vom Stress, alles tat ihm weh, und nichts half - bis er auf den Rat einer Freundin hörte und es mit "esoterischem Verknoten" versuchte. Wie ein Skeptiker zum Fan der indischen Lehre wurde. Von Nicolas Büchse

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Yoga ist längst zu einem Massensport geworden©

Barfuss sitzt Christian-Johannes May auf einer blauen Matte. Seine Augen sind geschlossen, die Beine zum Schneidersitz verschränkt, er dreht die Handflächen nach oben vor das Brustbein. Um ihn herum im weiß getünchten Raum sitzen fünf Frauen und zwei Männer. Eine ruhige Stimme sagt: "Bringe alle Sinne nach innen und achte auf die Stille in deinem Körper." May genießt die Zeit. "Yoga ist so herrlich uneitel, das gefällt mir", sagt er. Hier, zwischen Gleichgesinnten, muss er sich nicht um sein Auftreten kümmern, hier zählen nicht wie in seinem Job in der PR-Branche Oberflächlichkeit und Exklusivität: "Lifestyle habe ich in meinem Leben schon genug."

Yoga ist auch für Pragmatiker geeignet

Bereitwillig turnt der 28-jährige Hamburger die Übungen unter den wachsamen Augen der Yogalehrerin Ute Marek. Und staunt noch immer ein bisschen über sich selbst. Ausgerechnet er macht Yoga, der Pragmatiker, für den das alles überdrehter Esoterikquatsch von Alt-Hippies war. Bis an jenem Abend vor einem Jahr. Zwei wichtige Fachmessen in zwei Wochen hatte er hinter sich, kein Wochenende zur Regeneration; stattdessen Telefonate, Termine, Meetings. Und jeden Tag: Schmerzen, die die Stunden zur Qual machten. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Gliederschmerzen.

"Ich kam von der zweiten Messe nach Hause, habe meine Tasche in die Ecke geworfen und geschrien: 'Jetzt reicht's'", erzählt May. "Ich hielt es nicht mehr aus, mit den Kopfschmerzen aufzuwachen, mit denen ich eingeschlafen war." Christian May wusste, dass er Entspannung brauchte, doch er wusste nicht, wie das geht: abschalten. Spätabends rief er noch einmal die E-Mails auf, aus Angst, etwas zu verpassen, und weil er schon einmal dabei war, natürlich auch noch seine Seiten in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Xing. Ständig klingelte, brummte oder piepte es in seiner Umgebung. Wenn er sich ins Bett legte, dachte er schon an die Aufgaben des nächsten Tages, daran, wen er für ein Projekt noch anrufen sollte, wo er Freunde am Wochenende treffen konnte und wann er vielleicht noch Zeit zum Einkaufen hatte. Die Gedanken rasten auch nachts durch seinen Kopf. Sie machten ihn rastlos, sein Körper war ständig unter Strom, sein Nacken permanent verspannt.

Der Stress steckt in den Muskeln

"Ich habe ein starkes Temperament und eine Sensibilität, die mich empfänglich für Reize machen, auch negativer Art", sagt er heute. "Der Stress steckte mir monatelang buchstäblich im Rücken." May hatte schon vieles probiert: Zweimal in der Woche war er zum Rückentraining gegangen, dreimal ins Fitnessstudio. Er hatte gelernt, den Rücken im Alltag zu entlasten, Massagen genommen, sogar einen Sitzball an den Schreibtisch gerollt. Die Schmerzen blieben, sie zogen weiterhin vom Nacken in die Stirn. Yoga hatte er nicht probiert. Es war für ihn gar nicht infrage gekommen, das war Ökokram, esoterisches Verknoten von Menschen in Sackkleidern, die sich an Räucherstäbchen berauschen und "Ommm" murmeln.

Aber an jenem Abend nach der Messe, an dem er erkannte, dass es so nicht weitergehen konnte, schien ihm der Rat einer Freundin nicht mehr völlig abwegig, es vielleicht doch mal mit Yoga zu versuchen. "Du brauchst nicht nur Sport", hatte sie ihm gesagt. "Du brauchst etwas für Körper und Geist, etwas Ganzheitliches." May meldete sich zu einer Probestunde an. Aus dem Versuch sind schon mehr als 100 Yogastunden, aus dem Yogaskeptiker ist ein Fan geworden.

Seine Beine sind nach hinten gestreckt, der Hintern nach oben, die Arme nach vorn, mit den Händen drückt er sich auf zwei Holzklötzen ab, Christian Mays Gesicht läuft rot an. Nur das Gurgeln der Heizung und leises Ächzen der Yogaschüler unterbricht die Stille im Übungsraum. Der Kurs versucht sich am "nach unten schauenden Hund". Ute Marek geht durch den Raum, prüft die Körperspannung ihrer Schüler, korrigiert und lobt. "Diese Stellung streckt die ganze Wirbelsäule und beruhigt das Gehirn", sagt sie, geht auf Christian May zu, setzt die Hände auf seinen unteren Rücken, schiebt sie nach vorn und hilft so, die Wirbelsäule zu verlängern. "Yoga ist ein anstrengender Sport", sagt er gepresst, "ich schwitze wie nach einem Tennisspiel, und nach den ersten Stunden hatte ich einen höllischen Muskelkater." Ute Marek lächelt. Egal, wie verspannt und belastet die Teilnehmer in ihre Kurse kämen, sagt sie, schon nach wenigen Übungseinheiten blühten sie auf. "Die Leute sind auf einmal viel ausgeglichener und fröhlicher", versichert sie. Seit zwölf Jahren unterrichtet die 46-Jährige Iyengar- Yoga.

Diese Variante der indischen Lehre wurde von dem Yogi B. K. S. Iyengar begründet, er ist heute einer der bekanntesten Yogameister mit der größten Anhängerschaft. Obwohl er vor Kurzem 90 Jahre alt geworden ist, begeistert er seine Anhänger noch immer mit körperlichen Höchstleistungen und schafft es locker, 15 Minuten lang im Kopfstand auszuharren. "Alter ist nichts, was uns am Üben hindern könnte. Man muss einen starken Willen haben", lautet ein Lehrspruch des Meisters. Meditative oder philosophische Aspekte nehmen bei seiner Yogarichtung während des Unterrichts etwas weniger Raum ein als bei anderen, es geht vor allem um die Ausführung der Yogahaltungen, der Asanas. Durch sie soll im Laufe der Zeit ein inneres Gleichgewicht erreicht werden.

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 1/2009

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