"Ich war gleich stark", "Ich trauere in gewisser Weise um ihn" - mit diesen Aussagen erstaunt die 18-Jährige Natascha, die acht Jahre in der Hand eines Entführers war. stern.de sprach mit dem Hamburger Psychotherapeuten Till Niewisch.
Acht Jahre in der Gewalt ihres Entführers: Natascha Kampusch© Österreichische Polizei/DPA
Wir würden das "Identifikation mit dem Aggressor" nennen. Es gibt Situationen, in die sich Menschen unterwerfen und erst dadurch groß fühlen. Sie rennen nicht weg wie das Karnickel vor der Schlange, sondern spielen mit der Schlange - und sind von der Schlange fasziniert.
Natürlich ist über die Jahre hinweg eine Beziehung entstanden, ihr Entführer war ja der einzige Mensch, mit dem sie Kontakt hatte. Diese Beziehung folgte vermutlich einem Muster: Liebe kann loslassen, Kälte bindet.
Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich mit dieser Größenfantasie über die Jahre gerettet hat. Es war hilfreich für sie, so zu denken. Übrigens gibt es diese Wechselwirkung - real unterlegen zu sein, aber sich für überlegen halten - in sehr abgeschwächter Form in jeder Beziehung.
Er hatte sicherlich Allmachtsfantasien und sadistische Impulse. Interessant ist, dass er das Mädchen im Alter von zehn Jahren kidnappte, und damit ihren ganzen Entwicklungsprozess beobachten konnte. Vielleicht hatte er die Vorstellung, dass seine eigene Entwicklung gründlich missglückt sei und wollte dies nun mit der "Erziehung" von Natascha korrigieren.
Natascha, sein vermutlich emotionaler Lebensmittelpunkt, war seiner Kontrolle entflohen. Damit brach auch sein Selbstbild als "Gebieter" zusammen. Dazu tritt die Angst, polizeilich verfolgt zu werden und damit seine bürgerliche Fassade zu verlieren.
Praktiker im Strafvollzug würden sagen, dass es einen hohen Prozentsatz dieser Männer gibt. Meiner Auffassung nach sind Männer mit dieser destruktiv-psychopathischen Struktur aber eher selten.
Till Niewisch arbeitet als Psychotherapeut in Hamburg und hat über das Phänomen "Identifikation mit dem Aggressor" publiziert. Seine Homepage findet sich unter
www.scena.de