Wie stark hat die Entführung Natascha Kampusch traumatisiert? Im stern-Interview spricht der Traumatologe Eberhard Schulz über die erstaunliche Stärke, die manche Kinder nach Jahren des Missbrauch und der Gefangenschaft zeigen.

Der Freiburger Psychiater Eberhard Schulz über die erstaunliche Stärke, die manche Kinder auch nach Jahren von schlimmstem Missbrauch und Gefangenschaft zeigen
Die Forschung der letzten Jahre spricht dafür. Es gab ja lange Zeit den Mythos vom frühen Trauma, das man nie mehr loswird. Das stimmt so nicht. Kinder, je nach Alter und Entwicklung, haben Mechanismen, extreme Belastungen auch ohne lang anhaltende Störungen bewältigen zu können.
Das Interview wurde ja relativ rasch nach ihrer Flucht aufgezeichnet und war natürlich gut vorbereitet. Aus ihrem Auftritt kann man noch keine Rückschlüsse ziehen.
Je größer das Gefühl der erlebten Hilflosigkeit, desto größer das Risiko, dass es zu psychischen Störungen kommt und das Kind wie gelähmt bleibt. Es hängt davon ab, wie das Kind sein eigenes Trauma bewertet.
Gut ist, wenn das Opfer das Gefühl hatte, die Situation wenigstens teilweise zu kontrollieren. Hatte es Hoffnung, da wieder hinauszukommen? Etwa zwei Drittel solcher Kinder und Jugendlicher haben nicht mit psychischen Folgeschäden zu kämpfen. Selbst bei Patienten mit massiven Gewalterfahrungen entwickeln rund 60 Prozent keine Störungen. Fatal ist allerdings, wenn ein Kind sich eine Mitschuld gibt.
Absolut. Je nach Intelligenz und Persönlichkeit kann es Kindern oder Jugendlichen gelingen, eine lange Gefangenschaft zu bewältigen.
Intelligente, stabile Kinder merken, ob ein Erwachsener labil ist, wie viel Selbstbewusstsein jemand hat. Daraufhin entwickelt ein Kind Strategien, die eigene Situation erträglicher zu machen.
Genauso geht es Kindern, die in ihrem Elternhaus Gewalt erfahren. Sie bekommen heftigste Angstanfälle, die so stark lähmen, dass ein Weglaufen schon rein körperlich gar nicht mehr möglich ist.
Kinder können so manipuliert werden, dass sie in Loyalitätskonflikte geraten. Es entstehen Angstbindungen, die so weit gehen können, dass Kinder sich sogar für das Leben von demjenigen verantwortlich fühlen, der ihnen so Schlimmes antut.
Möglich. Schon innerhalb von Familien gibt es gewisse Analogien: Wenn Eltern ihre Sorgepflicht missbrauchen und ihr Kind instrumentalisieren. Bei paranoiden Vätern und Müttern ist das oft der Fall, oder wenn ein Kind bei Konflikten um das Sorgerecht in die Schusslinie gerät. So etwas kann das Selbstwertgefühl von Kindern zerstören. Letztendlich kommt es ganz darauf an, wie gefestigt ein Kind ist. Unter Umständen weiß es sogar das Verhalten der erwachsenen Bezugsperson für sich zu nutzen, um sich das eigene Leben erträglicher zu machen.
Wenn es keine schwersten körperlichen Misshandlungen gegeben hat, sind Probleme wie Nahrungsmangel oder fehlendes Sonnenlicht behandelbar.
Es kommt auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Opfers an. Ist es in der Lage, seine lange Isolation zu kompensieren? Eine Therapie muss dafür sorgen, dass Betroffene wieder lernen, sich in ein soziales Umfeld einzugliedern.
Sie müssen lernen, neue Beziehungen einzugehen, Nähe, Distanz, aber auch unvertraute Situationen auszuhalten. Ebenso wichtig ist, dass die Betroffenen üben, auch mit solchen Momenten umzugehen, die sie an die Entführung erinnern. Oft bringt so ein Training viel mehr, als immer wieder im Trauma selbst herumzustochern.
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Stern
Ausgabe 38/2006
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