Dem Untergang geweiht

25. Februar 2007, 10:00 Uhr

Hochkulturen wie die Maya hatten eigentlich alles Nötige, um auch mit widrigen Umständen fertig zu werden - und gingen trotzdem zugrunde. Was unterschied diese Völker von anderen, die trotz schlechterer Bedingungen gediehen? Forscher finden erste Antworten.

Die Tempel der Maya sind beeindruckend - doch von zwei aufeinanderfolgenden Tiefschlägen konnte sich die Hochkultur nie erholen©

Sie hatten extrem genaue Kalender, ausgeklügelte Schriftsysteme, beeindruckende Bauwerke und eine blühende Landwirtschaft: Doch trotzdem gingen sie unter - Hochkulturen wie die der Maya oder die der Anasazi in Nord- und Mittelamerika. Andere Völker wiederum gediehen trotz deutlich schlechterer Ausgangsbedingungen.

Warum das so ist, versuchen Wissenschaftler bereits seit vielen Jahren zu ergründen. Vollständig erklären können sie den Kollaps der Hochkulturen zwar immer noch nicht. Doch einiges kristallisiert sich so langsam heraus, berichtet das Magazin "Bild der Wissenschaft": Fast immer bringen ein extremes Bevölkerungswachstum und der damit verbundene Raubbau an natürlichen Ressourcen die Gesellschaften an den Rand des Abgrunds - und dem kann nur entgehen, wer es durch Innovationen schafft, die Versorgung seiner Bevölkerung trotzdem zu sichern.

Machtverlust und Dürre - eine unglückliche Verkettung

Beispiel Maya: Zwischen 300 vor und 900 nach Christus bevölkerten bis zu 14 Millionen Angehörige dieses Volkes ein Gebiet, das heute Südmexiko, Guatemala und Belize umfasst. Danach ging die Bevölkerungszahl plötzlich stark zurück und es entstanden keine neuen Bauwerke mehr. Schuld daran ist eine unglückliche Verkettung von Umständen, glauben Forscher heute. "Es gab nicht den einen Kollaps, sondern zwei aufeinanderfolgende Tiefschläge, von denen sich die Kultur nie ganz erholte", erklärt der Maya-Experte Nikolai Grube von der Universität Bonn.

Der erste Schlag war - wie so oft bei frühen Hochkulturen - politisch-gesellschaftlicher Natur. Hauptakteure in diesem Fall: die mächtigen Herrscher der beiden rivalisierenden Stadtstaaten Tikal und Calakmul. "Lange Zeit herrschte im Tiefland der Halbinsel Yucatán ein Gleichgewicht des Schreckens, vergleichbar mit dem Warschauer Pakt und der Nato", sagt Grube. Doch dann kippte das Gleichgewicht: Tikal tötete nacheinander zwei Könige von Calakmul, war aber mit der Übernahme deren Herrschaftsbereichs überfordert. Es folgte ein praktisch totaler Machtverlust der Gottkönige und ein politisches Chaos mit kleinen Staaten und lokalen Herrschern.

Mitten in dieses politische Durcheinander traf der zweite Schlag: drei aufeinanderfolgende Dürreperioden. Dem konnte die Landwirtschaft nicht standhalten, denn durch die starke Bevölkerungsexplosion in den Jahren zuvor waren die Böden ausgelaugt und viele Wälder gerodet, und es gab keinen Herrscher, der für eine vernünftige Verteilung der verbliebenen Ressourcen sorgte. Die Folge war ein Nahrungsmangel - noch heute sichtbar an Mangelerscheinungen bei den menschlichen Überresten aus jener Zeit - der in manchen Gebieten zwischen 90 und 99 Prozent der Bevölkerung das Leben kostete.

Landwirtschaft kam zum Erliegen

Ein ähnliches Schicksal traf etwas später auch die Anasazi-Indianer im Südwesten der USA, die heute hauptsächlich wegen ihrer beeindruckenden mehrstöckigen Gebäude bekannt sind. Auch bei ihnen florierte die Landwirtschaft dank ausgeklügelter Bewässerungssysteme, sie hatten eine komplexe Gesellschaftshierarchie, ein hervorragendes Transportnetz - und auch bei ihnen nahm die Bevölkerungsdichte ab 800 nach Christus rapide zu.

Und als die Anasazi um 1130 von einer extremen Dürre heimgesucht werden, konnten sie damit ebenso wenig fertig werden wie die Maya. "Sie ließ den Grundwasserspiegel so weit sinken, dass die Pflanzenwurzeln ihn nicht mehr erreichten, und damit kam die Landwirtschaft zum Erliegen", erklärt der US-Biogeograf Jared Diamond. Die Folge auch hier: Viele Menschen starben, die meisten anderen wanderten ab. Damit endete die Anasazi-Ära.

Die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit

Doch es geht auch anders: Mit den richtigen Strategien und einer guten Portion Innovationswillen können Krisen erfolgreich überwunden werden. Das haben beispielsweise die Bewohner der nur 4,7 Quadratkilometer großen Pazifikinsel Tikopia geschafft. Ihre Bevölkerung ist seit knapp 3000 Jahren stabil, dank einer strikten Geburtenkontrolle und einer guten Nahrungsmittelversorgung durch effektive Landwirtschaft sowie geregelten Fischfang. Die wohl ungewöhnlichste Strategie dabei: Um 1600 töteten die Menschen alle Schweine auf der Insel, denn deren Versorgung kostete mehr Ressourcen, als ihr Fleisch später wert war.

Und es gibt noch weitere positive Beispiele: In Neuguinea begegneten die Menschen der drohenden Abholzung ihrer Wälder mit dem Anbau anderer, schneller wachsender Baumarten, und in Japan waren es die Einführung einer fortschrittlichen Fortwirtschaft und ein radikales politisches Umdenken, die die Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert vor dem drohenden Kollaps retteten. Die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit sind es also, die Kulturen vor dem Untergang bewahren - und diese Chance hat Diamonds Ansicht nach jede Gesellschaft, egal, wie problematisch ihre Ausgangssituation gerade ist.

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