
Können die Liegestühle bald in Grönland aufgeklappt werden?© Colourbox
Palmenpollen wurden in der Arktis entdeckt. Können wir die Liegestühle also bald an Grönlands Küste schieben oder auf Spitzbergen schwitzen, während der Wind durch Palmenhaine weht? Glaubt man den lautesten Klimawarnern, dürfte es bis dahin gar nicht mehr so lange dauern. Vorerst allerdings liegt die geografische Sommer-Sonne-Räkel-Zone noch etliche Breitengrade südlich der Heimat von Eisbären und Walrossen.
Was Wissenschaftler aus den Niederlanden und Deutschland in Bohrproben aus dem Jahr 2004 an spektakulären Pflanzenresten entdeckt haben, stammt aus einer Warmzeit, die vor rund 53 Millionen Jahren – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – tropische Verhältnisse in die Arktis brachte. Pollen von Pinien, Eichen, Haselnussbäumen und eben auch Palmen fanden die Forscher im Meeresboden, nur fünf Breitengrade südlich des geographischen Nordpols in Ablagerungen des Lomonossow-Rückens. Ungefähr an derselben Stelle und nicht etwa am Äquator lag dieser heute ozeanische Gebirgszug auch schon damals. Bislang waren Palmen nur bis zu einer nördlichen Breite von 60 Grad nachgewiesen worden. Das entspricht der Südspitze Grönlands oder der Lage der norwegischen Stadt Bergen. Das jetzt untersuchte frühere Palmengebiet liegt dagegen sogar noch ein ganzes Stück nördlich von Grönland.
Was aber vielleicht noch bemerkenswerter ist, sind die Schlussfolgerungen, die aus diesem überraschenden Fund gezogen werden können. Selbst in den kältesten Monaten, so die Autoren der Studie um den Paläo-Ökologen Appy Sluijs von der Universität Utrecht, kann nämlich die Durchschnittstemperatur in der vermeintlich ewigen Eisregion acht Grad Celsius nicht unterschritten haben. Anderenfalls hätte nicht lange überlebt, was dort oben offenbar blühte und gedieh und sich schließlich als Sediment ansammelte. Und es war sicher nicht nur eine Palme, die sich in den hohen Norden verirrt hatte. Bis zu vier Prozent der jetzt in verschiedenen Proben entdeckten Pollen stammen von Palmen, die demnach ein verbreiteter Teil nordischer Flora gewesen sein müssen.
Besonders spannend ist der nächste Schritt. Was sagen denn gängige Klimamodelle über diese Zeit? Mit aufwendigen Computersimulationen blicken Forscher bekanntlich weltweit in unsere atmosphärische Zukunft. Im Prinzip ist das so wie bei den Wettervorhersagen. Doch gehen die Prognosen der Klimaforscher weit darüber hinaus. Und so beschreiben sie nicht nur, ob es übermorgen in Hamburg regnet oder in München der Fön bläst, sondern sie nehmen sich das globale Geschehen in der Atmosphäre vor, um Vorhersagen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte zu gewinnen. Weil diese die Grundlage für praktisch alle klimapolitischen Entscheidungen sind, ist die Genauigkeit der Computermodelle ein Knackpunkt der Klimaforschung.
Die atmosphärische Entwicklung hängt von vielen untereinander oft wieder verknüpften Variablen ab. Von der Landverteilung zum Beispiel und auch vom Kohlendioxidgehalt der Luft darüber. Denn Kohlendioxid - das weiß inzwischen jedes Kind - ist ein so genanntes Treibhausgas: Viel CO2 macht viel Wärme, zuviel CO2 macht zuviel Wärme. So die kinderleichte Regel. Aber wie viel ist zuviel? Das prognostizieren die Klimamodelle. Falls sie verlässlich sind, heißt das.
Da nun ein greifbarer und nicht nur errechenbarer Beleg für die arktischen Klimaverhältnisse und die ungefähre Temperatur vor rund 53 Millionen Jahren existiert, lässt sich testen, wie die Funde zu dem passen, was die Computer für die entsprechenden Bedingungen errechnen. Die dafür ebenfalls noch nötige Kohlendioxid-Konzentration kann für so weit entfernte Zeiträume auf etwas verschlungenem physikalisch-chemischem Weg zum Beispiel aus der Analyse von Plankton-Schalen bestimmt werden. So ungefähr jedenfalls.
Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geisteswissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.