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20. Januar 2009, 10:39 Uhr

Wir fühlen uns schon viel besser

Ein Aufatmen geht durch Amerika und erfasst auch uns in Europa: Nach Bush kommt Obama. "Yes, we can!", rufen alle mit dem charismatischen neuen Präsidenten der USA. Aber was "können" wir jetzt? Wohin uns der neue Star am internationalen Polithimmel führen wird, wissen wir erst, wenn wir am Ende seiner Amtszeit angekommen sind. Bis dahin bleibt uns die Hoffnung. Von Frank Ochmann

 

Strahlt das Besondere aus - der neue US-Präsident Barack Obama© AP

Es ist vorbei. Fast konnte man noch Mitleid bekommen mit der müden, aber trotzig nach Worten suchenden Gestalt am Rednerpult im Weißen Haus. Wenn er sich morgens im Spiegel sehe, sagte George W. Bush, sei er stolz auf das Erreichte. Doch verrieten seine krampfige Mimik und der starre Blick aus den bei Karikaturisten so beliebten, etwas zu eng liegenden Augen, dass er zumindest schon ahnt, welchen Platz ihm "die Geschichte" zuweisen wird.

Vor dieser düster-traurigen Kulisse lässt es sich leicht glänzen. Aber die vergangene Zeit des Niedergangs allein erklärt noch nicht, warum sich die Augen so vieler mit Tränen der Hoffnung füllen, wenn sie zum neuen Präsidenten der USA aufblicken oder sogar seine Hand berühren dürfen, als sei es die eines Heiligen.

Natürlich wirkt es tief im dunklen Tal besonders eindrucksvoll, wenn ein strahlender Gipfelstürmer wie Barack Obama das Kommando übernimmt und dabei verspricht, den steilen Weg hinauf ins Licht zu kennen. Das kann nicht jeder. Und nicht jedem, der es von sich behauptete, würden wir das auch glauben. Darum ziehen sich einem ja die Eingeweide zusammen, wenn einer wie SPD-Generalsekretär Hubertus Heil versucht, seine Genossen zu "Yes, we can"- Sprechchören zu animieren. Kollege Roland Pofalla von der CDU versucht das bei den Seinen erfreulicherweise erst gar nicht.

"Charisma" braucht es, damit einer unser Herz ergreifen kann. "Begnadet" und "begabt" muss er also sein, wenn es nach dem griechischen Wortstamm und dem christlichen Rahmen geht, in dem der Begriff ursprünglich verwendet wurde. Den hat er natürlich längst verlassen. Von Charismatikern ist seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts auch in Politik, Soziologie oder auch der Ökonomie die Rede. Überall dort geht es um Führung und um die Autorität derer, die führen sollen oder wollen.

Aber was zeichnet einen Charismatiker denn aus im Vergleich zu den Langeweilern, mit denen wir uns in der Politik oder auch bei der Arbeit gewöhnlich zufrieden geben müssen (und die wir gewöhnlich intuitiv ebenso schnell als solche erkennen wie echte Hoffnungsträger)?

Vor allem das, wie etliche Untersuchungen zeigen: Charismatiker schaffen positive Gefühle. Oder genauer gesagt: Sie übertragen positive Gefühle und Stimmungen. Das ist insofern wichtig, weil es etwas über den Charismatiker sagt. Gefühle sind ansteckend. Wir lachen mit anderen und trauern mit anderen, selbst wenn wir nicht so genau wissen, was diese Gefühle ausgelöst hat.

Wer in eine Party gerät, auf der die Post abgeht, wird von der guten Laune überschwemmt. Und welches Gefühl wird einen beherrschen, der dabei ist, wenn Obama seine Hand auf die Bibel legt, auf der beim Amtseid auch schon die Hand Abraham Lincolns ruhte? Der Stimmung wird er sich auch dann kaum entziehen können, wenn er am anderen Ende der National Mall steht und nur noch ahnt, wo die Stufen des Capitols sind, auf denen Geschichte gemacht wird.

Gute Gefühle, die Mut und Hoffnung machen

Ja, es sind gute Gefühle, die jetzt auf der anderen Seite des Atlantiks und auch bei uns reichlich sprudeln. Gefühle, die anspornen, den Trübsinn der Bushs und Cheneys vertreiben und Mut und Hoffnung machen, Lust auf die Zukunft. Aber wohin das führen wird, weiß heute schlicht noch keiner. Und auch das ist eine Eigenschaft des Charismas, mag es uns noch so erfassen und mitreißen: Es kommt nicht mit einer Garantie daher, dass auf die Finsternis tatsächlich das Licht folgt.

Charismatiker sind nicht weniger Mensch als Langeweiler. Und auch Charismatiker können irren, sie können sogar schlechte Absichten haben. So wohltuend es ist, Barack Obama den Amtseid ablegen zu sehen. Wie immer es sich jetzt anfühlt, das Urteil über die Ära Obama werden wir nicht fällen können, bevor auch er zu seiner letzten Pressekonferenz ins Weiße Haus ruft.

Literatur:

Bono, J. E. & Ilies, R. 2006: Charisma, positive emotions and mood contagion, The Leadership Quarterly 17, 317-334 Cardon, M. S. 2008: Is passion contagious? The transference of entrepreneurial passion to employees, Human Resource Management Review 18, 77-86 Erez, A. et al. 2008: Stirring the Hearts of Followers: Charismatic Leadership as the Transferal of Affect, Journal of Applied Psychology 93, 602-615 Haidt, J. et al. 2008: Hive Psychology, Happiness, and Public Policy, The Journal of Legal Studies 37, S133-S156 Pastor, J. C. et al. 2007: Adding Fuel to Fire: The Impact of Followers' Arousal on Ratings of Charisma, Journal of Applied Psychology 92, 1584-1596

Frank Ochmann

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes-
­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. 2008 erschien sein Buch "Die gefühlte Moral: Warum wir Gut und Böse unterscheiden können".

Von Frank Ochmann
 
 
Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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