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3. August 2010, 10:12 Uhr

Unsere Suche nach Gut und Böse

Seit März ebbt das Medieninteresse am Fall Kachelmann nicht ab. Jede Wendung im Drama um den Vergewaltigungsvorwurf wird mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Aber was hat die Öffentlichkeit davon? Von Frank Ochmann

 
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Jörg Kachelmann wurde am Donnerstag aus der U-Haft entlassen© Sascha Schuermann/DDP

Hat Ihnen Herr Kachelmann persönlich etwas getan? Haben oder hatten Sie mit ihm ein Verhältnis der einen oder anderen Art? Kennen Sie vielleicht die Menschen, die ihn verklagt haben und ihm schlimme Verfehlungen wie Vergewaltigung oder Körperverletzung vorwerfen? Bei den allermeisten von uns wird das nicht so sein. Wir sind weder dem vermeintlichen Täter noch den vermeintlichen Opfern je begegnet, haben mit ihnen weder telefoniert noch korrespondiert. Was aber fasziniert uns dann so am strafrechtlichen Fall um den Fernsehwettermann Jörg Kachelmann? Jahrelang haben wir uns von ihm erzählen lassen, ob am nächsten Tag Blumenkohlwolken drohen, Pladderregen oder Blitzeis. Wir haben zwischendurch vielleicht gedacht, er sollte mal wieder zum Frisör oder die Hose ein wenig gefälliger über den Bauch ziehen, wenn er vor eine Kamera tritt. Persönlicher ist es zwischen ihm und uns nie geworden. Doch dann plötzlich interessiert sich die halbe Republik für Kachelmanns Sexleben, für wirkliche oder erfundene Geliebte, für echte oder vorgetäuschte Gewalt. Was daran ist so aufregend, was so faszinierend?

Schadenfreude als Motiv

Sind wir alle schamlose Voyeure? Wer sich für Sex oder speziell dessen sado-masochistische Variante interessiert, braucht sich in Zeiten fast uneingeschränkter pornografischer Produktion auf allen medialen Kanälen nun wirklich nicht mit den vagen Vermutungen über die mehr oder minder ausgefallenen Praktiken eines Wettermannes zu begnügen. Anschauungsmaterial ist in Wort, Bild und Ton und dazu noch kostenlos über unzählige Internetseiten zu beziehen. Jetzt und in beinahe beliebigen Mengen. Übrigens auch "Celebrity Sex", falls es jemanden besonders anmacht, einem berühmten Menschen bei der - so gut wie immer gefakten - geschlechtlichen Betätigung zuzuschauen. Kachelmanns Bekanntheitsgrad als sexuelles Stimulans kann nicht der entscheidende Grund für das starke Interesse an seinem Fall sein.

Schadenfreude ist da schon eher ein Motiv. Mancher empfindet es sicher als persönliche Genugtuung, wenn einer der "Großen" tief fällt, möglichst noch am eigenen bescheidenen Sozialstatus vorbei. Solches Gefallen am Missgeschick anderer hat auch etwas mit Gruppengrenzen zu tun, haben Psychologen beobachtet. Schadenfreude empfinden wir nämlich da besonders stark, wo die Gräben zwischen Menschen auch vor dem auslösenden Ereignis tief waren. Durch Neid zum Beispiel. Trifft das auf Kachelmann zu? Wäre er bei den Fernsehzuschauern immer schon unbeliebt gewesen und hätte vielleicht sogar allein durch sein Erscheinen auf dem Bildschirm die Quoten der folgenden Sendungen in den Abgrund gedrückt, wäre er längst verbannt worden. So war es aber nicht. Mag Schadenfreude aus irgendeiner alten Abneigung heraus also beim einen oder anderen Beobachter heute eine Rolle spielen, so erklärt sie für sich auch noch nicht das beachtliche Interesse der Öffentlichkeit am juristischen Fall von Jörg Kachelmann.

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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