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Unter Druck

Millionen Männer in Deutschland leiden unter Impotenz. Oft lösen psychische Daueranspannung und Versagensängste die Erektionsstörungen aus, die meist wiederrum Stress und Unzufriedenheit schaffen. Ein Teufelskreis - aus dem aber in vielen Fällen ein Ausstieg gelingen kann. Von Torben Müller

Ein Impotenter gilt in unserer Leistungsgesellschaft als Versager, der es nicht bringt"© colourbox

Seit Jahren geht Thomas Kürschner* zum Sex immer zu dritt ins Bett: Da sind er und eine Frau - und da ist die Angst. Die Angst davor, dass es wieder nicht klappt; dass die Erektion nicht lange genug anhält und auch dieser Versuch wieder in Scham und Enttäuschung endet. So wie voriges Mal. Und das Mal davor. So wie ungezählte Male in den vergangenen 13 Jahren, seit es bei Kürschner im Bett einfach nicht mehr läuft.

Bei jedem neuen Versuch will er nicht an die Misserfolge der Vergangenheit denken und nur genießen. Doch die Unbeschwertheit und gedankenlose Freude hat der Sex in Kürschners Leben schon vor langer Zeit verloren. "Jedes Mal, wenn ich mit meiner Freundin ins Bett gehe, springt in meinem Kopf die Alarmlampe an", sagt er. Und schon ist alle Leichtigkeit dahin und der Druck erneut da. "Dann merke ich sofort: Das haut wieder nicht hin." In diesen Momenten fühlt sich Kürschner so unendlich klein und gedemütigt, so einsam und trostlos. "Ein absolutes Aschegefühl, da kann man eigentlich nur den Deckel draufmachen."

Und so hat Kürschner seine Potenzprobleme in den vergangenen Jahren auch weitgehend unter Verschluss gehalten. Vor seinen Freunden, vor den Frauen und lange Zeit sogar vor sich selbst. Impotenz und ein Mann wie er - kräftig und jung - das passte für den heute 35-Jährigen einfach nicht zusammen.

Kaum ein Geheimnis wird so gehüttet

Kaum ein Geheimnis wird so gut gehütet wie die erektile Dysfunktion (ED), wie die Impotenz in der Fachsprache heißt. Männer verstummen, wenn sie nicht können. Und das Schweigen ist groß: Auf Basis einer Erhebung der Universität Köln rechnen Wissenschaftler mit rund 4,5 Millionen Betroffenen in Deutsch¬land, die unter chronischen Erektionsstörungen leiden. Das sind fast 20 Prozent aller Männer im Alter von 30 bis 80 Jahren. Darunter fallen jedoch nicht die gelegentlichen Hänger, zum Beispiel nach einem anstrengenden Tag. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie geht erst von einer ED aus, wenn über einen Zeitraum von "mindestens sechs Monaten mindestens 70 Prozent der Versuche, einen Geschlechtsverkehr zu vollziehen, erfolglos sind".

Dass so viele Männer mit der unerwünschten Schlaffheit kämpfen, verwundert kaum. Denn eine kräftige Erektion ist das Ergebnis eines komplizierten biochemischen Zusammenspiels von Gehirn, Nerven und Blutgefäßen. Im schlaffen Zustand sind die Muskelfasern im Penis angespannt. Das klingt widersprüchlich, ist aber sinnvoll. Denn so verhindern sie, dass das Blut in die schwammförmig aufgebauten Schwellkörper fließt und sich das Glied versteift. Wird ein Mann sexuell erregt, sendet sein Gehirn Reize aus, die zur Entspannung der Muskelzellen im Penis führen. Die Folge: Sauerstoffreiches Blut strömt in die Schwellkörper, der Penis richtet sich auf. Gleichzeitig werden die Venen durch die Versteifung abgeschnürt. Das Blut kann nicht abfließen, die Erektion hält an. Erst nach dem Orgasmus sorgt das Enzym PDE-5 dafür, dass sich die Muskeln wieder anspannen und das Blut aus den Schwellkörpern ausströmen kann. Tritt in diesem Vorgang auch nur an einer Stelle eine Störung auf, wird der Penis zum schwächsten Glied in der Kette: Er erschlafft zu früh oder wird erst gar nicht steif.

Viele Ursachen können das System blockieren: körperliche Leiden wie Diabetes, Gefäßerkrankungen oder Hormonstörungen, aber auch psychische Beschwerden. Ein besonders zuverlässiger Erektionstöter ist der Stress. Wenn Anspannung dauerhaft auf der Seele eines Mannes lastet, kann sie auch sein Gemächt buchstäblich niederdrücken. "Psychischer Druck führt zu einem hohen Adrenalinspiegel im Blut und zu einer erhöhten Freisetzung von Noradrenalin an den Nervenenden im Penis", sagt der Hamburger Urologieprofessor Hartmut Porst. "Beide besetzen die Alpha-Rezeptoren in den Blutgefäßen und den Schwellkörpern. Dadurch wird die Blutzufuhr zum Penis gedrosselt, und die Schwellkörper ziehen sich zusammen. So kann keine Erektion eintreten. Zudem bewirkt der Stress, dass der negative Einfluss der Alpha-Rezeptoren den Effekt des Botenstoffes cGMP überwiegt, der die Erektion einleitet und aufrechterhält." Das Phänomen tritt jedoch nicht nur bei Dauergestressten auf, sondern auch bei Männern wie Thomas Kürschner, die sich jedes Mal vor dem Sex unter enormen Druck setzen.

Gleichzeitig wirken chronische Erektionsstörungen häufig selbst als Stressor. "Die Folgen können bis zu schweren psychischen, psychosomatischen oder auch körperlichen Problemen reichen", sagt Uwe Hartmann, Leiter des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Er beschreibt die typische Impotenz-Abwärtsspirale: Wenn es mehrmals hintereinander nicht klappt, fürchtet der Mann beim nächsten Sex, dass er wieder versagt - und prompt bleibt die Erektion erneut aus. "Das ist ein Selbstverstärkungsmechanismus. Der Mann beschäftigt sich immer mehr mit dem Thema, redet aber meist noch nicht mit seiner Frau darüber. Er fängt an zu vermeiden, bekommt seine 'Migräne' oder guckt fern, bis die Frau im Bett liegt. Er fühlt sich immer mehr als Versager, und das färbt oft auch auf den Beruf ab. Da ist er nicht mehr so leistungsfähig und nimmt eine Egal-Haltung ein. Wenn es dumm läuft, ist für diesen Mann nach einem Jahr Erektionsstörungen die Welt eine ganz andere geworden."

Potenz und Psyche wirken aufeinander

Wie stark Potenz und Psyche aufeinander einwirken, hat Herbert Rosenau* immer wieder schmerzvoll erfahren. "Vor rund zehn Jahren habe ich Depressionen bekommen", erzählt der 54-Jährige. "Und dann ging es auch mit der Potenz bergab, bis vor sieben Jahren gar nichts mehr lief." Jeder Tiefpunkt im Bett versetzte Rosenau einen Schlag. "Ein Misserfolg konnte damals einen Depressionsschub auslösen."

Rosenau gehörte früher zu den Männern, die im Bett nach einem missglückten Versuch regelrecht versteinern. "Ich konnte dann einfach nichts mehr sagen." Nur weil seine Frau das Thema immer wieder behutsam ansprach, lernte er langsam, darüber zu reden, und ging schließlich zum Arzt - ein Ausnahmefall in Deutschland.

"Viele Männer schämen sich zum Arzt zu gehen, denn Erektionsstörungen sind immer noch ein Tabuthema", sagt der Psychologe Uwe Hartmann. "Ein Impotenter gilt in unserer Leistungsgesellschaft als Versager, als einer, der es nicht bringt." Und so warten Hartmanns Patienten im Schnitt vier Jahre, bis sie zu ihm kommen. Das sind oft vier Jahre voller Selbstzweifel und Unzufriedenheit - nicht nur für die Männer. Denn Impotenz ist meist nicht allein ihr Problem, sondern auch das ihrer Frauen.

Am Anfang hat sich Susanne Völker* keine Gedanken gemacht, als ihr neuer Freund beim Sex öfter keine Erektion bekam. "Er ist aus der Übung, habe ich gedacht und die Initiative ergriffen", sagt sie. Beide waren damals um die 30. Seine Zurückhaltung gefiel ihr sogar, bis sie merkte, dass ihre Taktik, ihn langsam aus der Reserve zu locken, nicht aufging. "Nach einem Dreivierteljahr spürte ich den Wunsch, dass mehr von ihm kommen muss. Doch ich konnte mit ihm kaum über das Thema reden."

In dieser Phase wird der Sex für beide allmählich zur Qual. Sie schlafen nicht mehr miteinander, weil beide Lust haben, sondern weil es bei ihm gerade ein¬mal funktioniert. Ein Vorspiel würde zu lange dauern, verschiedene Stellungen sind zu kompliziert, zweimal hinterei-nander ist undenkbar. Susanne Völker fühlt sich wie eine Dienstleisterin. Und je mehr sie über die Probleme sprechen will, desto schlimmer werden sie.

Susanne Völker liebt ihren Freund und heiratet ihn, weil sie glaubt, dass es im Leben noch etwas Wichtigeres als Sex gibt. Auf der Hochzeitsreise schlafen sie kein einziges Mal miteinander. Sie hofft immer noch, dass es nur eine vorübergehende Phase ist. Im Laufe der Zeit richten sich beide in einem Leben ohne Erotik ein. Sie stürzen sich in Hobbys, die sie verbinden, spielen Tennis und Golf. "Aber wenn schlechtes Wetter war, sind wir nicht einfach im Bett geblieben, sondern haben gedacht: Mist, was machen wir jetzt?"

Die Unzufriedenheit wächst

Mit der Zeit wächst in Susanne Völker die Unzufriedenheit. Sie fühlt sich von ihm als Frau abgelehnt und ärgert sich über seine Ignoranz. Dass er nicht mit ihr spricht. Und dass ihre Bedürfnisse für ihn offenbar keine Rolle spielen. Denn ihr fehlt der Sex. "An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, als müsste ich vor Lust platzen", sagt sie. Die Beziehung wird immer angespannter.

Gefunden in ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 1/2008

Information und Beratung In der Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion klären Betroffene interessierte Männer und Frauen über Formen, Ursachen und Behandlungsmöglich-keiten von Potenzstörungen auf und tauschen Erfahrungen aus. Entweder direkt bei Gruppentreffen in München oder am Telefon, per Post oder das Internet. Kontakt: www.impotenz-selbsthilfe.de, Tel.: 030/76 68 95 21 und 08142/59 70 99.

Das Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit (ISG) unterstützt Erektionsstörungs-Selbsthilfegruppen in Berlin, Köln, Stuttgart, Mannheim und Essen. Es informiert aber auch am Telefon oder über das Internet: www.isg-info.de, Tel.: 0180/555 84 84 (14 ct/min). Außerdem können Betroffene in folgenden Internetforen mehr zum Thema erfahren und anonym diskutieren: www.impodoc.de
www.medizin-forum.de
www.erektion.de

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