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12. November 2008, 13:55 Uhr

Ein Schatz fürs ganze Leben

Barbara Abdelilah-Bauer hat in Paris ein Cafe gegründet, in dem sich mehrsprachige Familien treffen können. Sie erzählt, wieso Mehrsprachigkeit so wertvoll ist - und mit was für Problemen die Familien zu kämpfen haben.

Wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen, ist die Sprachentwicklung nicht zwingend verzögert© Colourbox

Frau Abdelilah-Bauer, Sie haben in Paris ein Sprachencafé gegründet. Wer trifft sich dort?

Zu uns kommen zum Beispiel französische Familien, die lange im Ausland gelebt haben oder Paare verschiedener Nationalitäten, viele Deutsche und Spanier, Lateinamerikaner und Italiener. Besonders in stark einsprachig geprägten Ländern wie Frankreich oder auch Deutschland erhält so ein internationales Netzwerk eine besondere Bedeutung für mehrsprachige Familien.

Warum ist das so wichtig?

In unserem Café wie in unserem Online-Forum können sich Eltern kontinuierlich über ihre persönlichen Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit austauschen, auch Deutsche haben dort eine eigene Gruppe gegründet. Einmal im Monat treffen sich dann 30 bis 50 der 500 registrierten Familien, um sich vor Ort persönlich kennen zu lernen und sich gegenseitig zu informieren. Auch halten wir regelmäßig Vorträge oder laden Spezialisten ein, die über Sprachentwicklung reden. So stehen die Familien mit ihren Konflikten und Sorgen nicht allein da.

Welche Streitpunkte beobachten Sie bei den Familien?

Sehr häufig kommt es zu Problemen, wenn zum Beispiel die Mutter mit dem Kind in einer Sprache redet, die der Vater nicht beherrscht. Der fühlt sich ausgeschlossen und möchte der Mutter dann oft verbieten, mit dem Nachwuchs in ihrer Muttersprache zu kommunizieren. Oft spielen dabei auch noch andere Ängste eine Rolle.

Welche sind das?

Eltern sind sehr besorgt, wenn das zweisprachig aufwachsende Kind im Alter von drei Jahren nur ein paar Wörter spricht - während das einsprachige Nachbarskind sich bereits in ganzen Sätzen verständigt. Dann heißt es schnell, das liege an der Mehrsprachigkeit. Obwohl es keine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt, dass die Sprachentwicklung verzögert sein muss. Auch zwischen monolingualen Kindern gibt es große individuelle Unterschiede.

Was bekümmert die Eltern noch?

Wenn der Vater mit dem Kind zum Beispiel Deutsch spricht, die Mutter Französisch, die Sprache zwischen den Ehepartnern aber Englisch ist. Sie haben dann Angst, dass sich das Kind vielleicht ausgeschlossen fühlt, wenn sie untereinander in einer anderen Sprache reden. Oder dass es durch die dritte Sprache überfordert wird. Auch machen sich Eltern Sorgen, wenn der dreisprachige Nachwuchs in der Schule nicht das gleiche Vokabular zeigt wie einsprachige Kinder. Dann empfehlen die Lehrer nämlich schnell einen Besuch beim Logopäden. Dabei brauchen die Eltern nur ein wenig Geduld, weil die Kleinen die Lücken bei guter Förderung schnell auffüllen. Und wenn die Familien durchhalten, geben sie den Kindern einen großen Schatz mit auf den Lebensweg.

Was macht die Mehrsprachigkeit so kostbar?

Die Kinder können sofort mit vielen Menschen problemlos in Kontakt treten - im Heimatland oder wenn sie ins Ausland verreisen. Sprache ist aber noch viel mehr als nur Kommunikation: Die Kleinen tauchen von Geburt an in mehrere Kulturen gleichzeitig ein und lernen, dass viele verschiedene Weltbilder nebeneinander existieren können. Das macht sie zu weltoffenen und toleranten Menschen.

Zur Person

Zur Person Barbara Abdelilah-Bauer, 58, ist Linguistin, Sozialpsychologin und Autorin des Buchs "Zweisprachig aufwachsen", das in diesem Jahr im Verlag C. H. Beck erschienen ist

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema lesen Sie im stern Nr. 47/08. Sprachen lernen: Warum es Spaß macht und ungeheuer nützlich ist. Dazu: neue Methoden und Erkenntnisse von Hirnforschern.

Interview: Astrid Viciano
 
 
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