21. September 2005, 16:56 Uhr

Rebirthing

Würden Sie Ihren Körper bei jemandem unters Messer legen, der nicht Medizin studiert hat? Sondern aus Wochenendseminaren oder spiritueller Eingebung zu wissen glaubt, wo er schneiden muss? Wohl kaum.

Eine fragwürdige Psycho-Methode: Eine Rebirthing-Therapie birgt eine hohes seelisches Risiko für den Patienten©

Aber Zehntausende Menschen in Deutschland tun Vergleichbares mit ihrer Seele: Sie suchen Hilfe bei selbst ernannten Psycho-Heilern. Oft enttäuscht von den herkömmlichen Psychotherapien, sind sie bereit, sich auf "unkonventionelle" Methoden einzulassen - zumal, wenn diese sich mit Beschreibungen wie "ganzheitlich" oder "sanft" schmücken. Schaden kann's ja nicht? Das ist leider ein Irrtum: Die Seele gehört zum Verletzlichsten, das der Mensch hat. Pfusch daran kann gravierende, manchmal sogar tödliche Folgen haben.

Natürlich kann auch ein Therapeut einer anerkannten psychologischen Methode Fehler machen. Aber bei vielen esoterischen Psycho-Techniken liegt der Fehler bereits in der Methode. Etwa, wenn sie körperlich riskant ist, wenn massive Grenzüberschreitungen als notwendig dargestellt werden oder "Therapeuten" es sich zur Aufgabe machen, einem Patienten eine fertige Lösung seiner Probleme vorzugeben. Und wenn Anbieter schlicht keine Ausbildung haben, um seelische Notfälle aufzufangen. Der erste Teil unserer Serie beschreibt die Rebirthing-Methode.

Ursprung:

Erfunden wurde Rebirthing 1974 von dem US-Amerikaner Leonard Orr, der zuvor als Verkäufer gearbeitet hatte.

Methode:

Rebirthing basiert auf der Theorie, die Geburt sei ein traumatisches Ereignis. Die Enge im Geburtskanal, so die Vorstellung, macht dem Baby Angst, es wird wütend über seine Verdrängung aus dem Paradies Mutterleib. Dieses "Wurzeltrauma" werde ins Unbewusste verdrängt. Es führe zu körperlichen wie seelischen Störungen und Krankheiten. Nach Ansicht der Rebirther kann man es nur auflösen, indem man die "blockierten Erinnerungen" an die Geburt wieder an die Oberfläche holt.

Erreicht werden soll das mit einer speziellen Atemtechnik. Dazu liegt der Patient zugedeckt auf dem Rücken, der Rebirther sitzt neben ihm. Der Patient wird angewiesen, durch die Nase zu atmen, und das tiefer als gewöhnlich. Dann soll er die natürliche Pause zwischen dem Aus- und Einatmen weglassen - "Kreisatmung" nennen das die Rebirther. Viele "Therapeuten" versprechen, dadurch werde mehr Sauerstoff aufgenommen.

"Die Atemtechnik bringt die Person in eine Tiefenentspannung", sagt die Vorsitzende der deutschen Sektion des Dachverbandes Rebirthing International, Heike Strombach. "Ganz wundersam" lösten sich so verschüttete Erinnerungen und Gefühle. Rebirthing-Teilnehmer berichten, dass sie Bilder von ihrer Geburt, ja sogar ihrer Zeugung gesehen hätten. Nach der Atemübung spricht der "Therapeut" mit dem Klienten kurz über dessen Erfahrungen - "wobei es jedoch nie darum gehen wird, das Erlebte ausgiebig zu analysieren", betont Rebirther Rüdiger Stellberg in einem Einführungsbuch. Gesprächstermine seien später nötig, etwa bei "schwierigeren Lebensgeschichten".

Es gibt Einzel-, Paar- und Gruppensitzungen, Warmwasser-, Kaltwasser- und Selbst-Rebirthing. Eine sehr ähnliche Technik ist die Primärtherapie, die ebenfalls die Geburt nachstellt und manchmal auch Rebirthing genannt wird. Manche Anbieter verwenden abgewandelte Formen oder alternative Bezeichnungen wie "Integrative Atemtherapie", "Atemreise", "Der große Atem" oder "Vivation". Rebirthing wird auch bei Methoden wie Reinkarnation oder Tantra eingesetzt, ohne eigens benannt zu werden.

Heilsversprechen:

In der Frage, für welche Störungen sich die Methode eignet, ist die Rebirthing-Szene völlig uneinheitlich: Einige "Therapeuten" warnen, Rebirthing sei nur als Selbsterfahrung für Gesunde zu empfehlen. Andere preisen es als "eine der wirkungsvollsten und fundiertesten Therapieformen der heutigen Zeit" und bieten Rebirthing für viele verschiedene Störungen und Krankheiten an: Depressionen, Panikattacken, Traumatisierungen durch sexuelle Gewalt, Selbstmordgefährdung, Herzprobleme, Asthma, Epilepsie oder Krebs. Einzelne "Therapeuten" halten es ernsthaft für möglich, durch Rebirthing unsterblich zu werden.

Ausbildung:

Es gibt keine einheitliche Qualifizierung. Eine "dreijährige Ausbildung" besteht aus Wochenendkursen bei anderen Rebirthern oder Rebirthing-Instituten, die über drei Jahre verteilt werden. Auch der Titel "Qualified Rebirther" ist eine rein Szene-interne Bezeichnung und in keiner Weise staatlich anerkannt. Manche Anbieter sind Heilpraktiker, Psychologen oder Ärzte. Rechtlich bewegen sich Rebirther, die nicht zumindest einen Heilpraktikerschein haben, in einer Grauzone: Wenden sie die Technik als Therapie für Krankheiten an, verstoßen sie gegen das Heilpraktikergesetz.

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 5/2005

Mehr Information Forum Kritische Psychologie e. V., Tel.: 08764/949707, www.fkpsych.de.
Sekten-Info Essen e. V., Beratung u.a. zu Psycho-Gruppen. Tel.: 0201/234646, www.sekten-info-essen.de.
Beide Einrichtungen beraten bundesweit telefonisch und vor Ort persönlich.
Patientenberatungen der Verbraucherzentralen, www.vzbv.de.
Colin Goldner: Die Psycho-Szene, Alibri Verlag, 2000, 642 Seiten, 32 Euro

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