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11. August 2006, 13:52 Uhr

Hunger nach Schönheit

Aus dem Kreißsaal auf den Laufsteg - oft präsentieren sich weibliche Promis schon kurz nach der Entbindung schlank wie eh und je. Daran nehmen sich viele Frauen ein Beispiel: Postnatale Ess-Störungen nehmen zu. Sie gefährden Mutter und Kind.

Top-Model Heidi Klum: Kein Gramm Fett zuviel - nur zwei Monate nach der Entbindung© Bryan Bedder/Getty Images

Im Herbst 2005 brachte Top-Model Heidi Klum ihr zweites Kind zur Welt. Kaum zwei Monate später präsentierte sie sich in Unterwäsche praktisch ohne Babyspeck. "Models sind von Berufs wegen auf die Figur fixiert", sagt der Psychologe Andreas Schnebel. "Problematisch wird es, wenn andere Frauen denken, dass sie das 1:1 übernehmen und auch so aussehen müssten." Denn inzwischen leiden immer mehr junge Mütter unter Magersucht oder Bulimie - bei ihnen bedeutet der Schlankheitswahn Gefahr für zwei Menschen gleichzeitig.

Das Krankheitsbild der postnatalen Anorexie, also der nachgeburtlichen Magersucht, ist dem Experten zufolge nicht neu, aber auf dem Vormarsch, sagt der Experte. Er unterscheidet zwei Gruppen von Betroffenen: Ein Teil habe schon vor der Schwangerschaft Erfahrungen mit Essstörungen gemacht und rutsche nun wieder in das Problem hinein. Die zweite Gruppe gerate erst während oder nach der Schwangerschaft in eine Anorexie.

Angst vor Kontrollverlust

Mit Essen, Hungern oder Erbrechen würden psychische Bedürfnisse gestillt, sagt Andreas Schnebel, Vorsitzender des Bundesfachverbandes Essstörungen und Therapeutischer Leiter von Anad-Pathways, der nach eigenen Angaben größten deutschen Beratungsstelle für Essstörungen. Für die postnatale Anorexie kommen drei Auslöser in Frage: Zum einen die Schlankheitsideale der Gesellschaft und der damit einhergehende Druck. Hinzu kämen persönliche Erfahrungen in Familien, Schulen oder Freundeskreisen, in denen nur über das Essen oder die Figur geredet werde.

Schließlich könnten Diäten wie Einstiegsdrogen wirken. "Ein ganz wesentlicher psychologischer Hintergrund für eine Essstörung ist, die Kontrolle zu bewahren - das geht normalerweise aber nicht in einer Schwangerschaft", sagt Schnebel. Ein vorher flacher Bauch werde nun unwillkürlich dick. Auch sei das Leben mit einem Baby eine gewaltige Umstellung.

Hungernde Mutter gefährdet das Kind

Schwerwiegende Folgen kann das extreme Hungern laut Schnebel dabei nicht nur für die Frauen, sondern auch für ihre Kinder haben. Erhalten Babys in der Schwangerschaft keine ausgewogene Ernährung, bedeutet dies ein erhöhtes Gesundheitsrisiko. "Untersuchungen zufolge haben Kinder von Müttern mit Essstörungen einen geringeren Kopfumfang", sagt der Psychologe. Auch schauen sich die Kleinen das Hungern unter Umständen ab: "Mütter haben Modellfunktion."

Wenn Freunde von Schwangeren oder junge Mütter selbst ahnen, dass sie in eine Essstörung hineinrutschen, sollten sie dringend etwas unternehmen: "Hier werden ja potenziell zwei Menschen gefährdet." Eine erste Anlaufstelle könnten dabei kompetente Beratungsstellen sein, sagt Schnebel.

Ess-Störungen Schätzungsweise eine halbe Million 14- bis 35-jährige Frauen in Deutschland leiden an Magersucht oder Bulimie, also Ess-Brech-Sucht. Nach außen am auffälligsten ist dabei die Anorexie: Betroffene haben oft ein Untergewicht von 25 Prozent oder mehr unter dem Normalgewicht.

Das Gewicht Erwachsener wird mit Hilfe des Body Mass Index (BMI) ermittelt, der aus Körpergewicht und -größe errechnet wird. Ein BMI von unter 18,5 steht für Untergewicht, unter 17,5 spricht man von extremem Untergewicht.

10 bis 15 Prozent der Betroffenen überleben eine so dramatische Magersucht nicht.

Imke Zimmermann/AP
 
 
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