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16. September 2009, 11:40 Uhr

Auch Gewalt ist leider menschlich

Solln, Gewalt, Kopfwelten S-Bahnhof München-Solln

Kerzen und Blumen für den zu Tode geprügelten Münchner Geschäftsmann© Oliver Lang/DDP

Nein. Wir können auch fliegen, ohne Flügel zu haben. Trotzdem gelten die Gesetze der Physik. Nicht anders hier: Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir von den wirklichen psychologischen Verhältnissen ausgehen und nicht von verlockenden Wunschbildern. Darum wird es nötig sein, vertrackte Situationen wie die beschriebene "soziale Lähmung" weiter eingehend zu untersuchen und danach Strategien zu entwickeln, die sie überwinden helfen. Erste Ansätze gibt es, weitere werden hoffentlich folgen. Bei der öffentlichen Sicherheit mehr auf Zivilcourage zu setzen als auf polizeiliche Präsenz und Abschreckung wird aber wohl immer ein gewagtes Unterfangen bleiben. Mindestens ein Grund also, Polizeietats zu prüfen und vielleicht auch Rationalisierungsbeschlüsse, mit denen vor allem im Nahverkehr fast alle leibhaftigen Mitarbeiter durch Kameras und schicke Digitalanzeigen ersetzt wurden.

Als müsse institutioneller Schutz dann aber wenigstens im Nachhinein ins Feld geführt werden, mussten wir auch diesmal nicht lange warten, bis aus der Politik der Ruf nach schärferen Strafgesetzen erschallte. Und wen oder wie sollen die abschrecken? Ein gefährlicher Irrtum hinter solchen Vorschlägen ist die Vorstellung, Verbrechen wie die von München würden von Menschen begangen, bei denen die Vernunft noch irgendwie das Sagen hat und die sich darum durch "vernünftige" Drohungen im Zaum halten ließen.

Für viele gilt das ja auch wirklich. Allerdings würden die selbst ohne jegliche Strafgesetze vermutlich keinen anderen umbringen. Unter gewöhnlichen Umständen jedenfalls. Diese Umstände aber können eine ungeheure Macht hervorbringen. Und treffen sie dann auch noch auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, kann es ganz schnell vorbei sein mit der Vernunft. Die fordern wir wie selbstverständlich auch von Jugendlichen. Und auch da gilt, dass die allermeisten ja tatsächlich wissen, welche Regeln unverzichtbar sind und sich daran halten. Es ist völlig unangemessen, in das nie verstummende Klagelied von der zu nichts zu gebrauchenden, aber zu allem fähigen Jugend einzustimmen.

Die Pubertät ist die gefährlichste Zeit im Leben

Und trotzdem kann es eine Überforderung sein, sie mit Vernunftmaßstäben zu messen wie alle Älteren. Hier soll nichts entschuldigt werden, was in München und zuvor auch anderswo passiert ist. Aber wir dürfen uns nicht davor drücken, alle Umstände anzusehen. Dazu gehört die Beobachtung, dass es kein Zufall ist, wenn die Zeit der Reifung geprägt ist von "suboptimalen Entscheidungen und Handlungen, in deren Folge es zu einer erhöhten Zahl von unbeabsichtigten Verletzungen, von Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch, ungewollten Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten kommt". So charakterisieren New Yorker Psychologen diese Phase unseres Lebens, die den aktuellen Forschungsstand über das "adoleszente Gehirn" zusammenfassen.

Bei dem Überblick kommt vor allem heraus: Es braucht viel Zeit, bis sich unsere Fähigkeit, langfristige und möglicherweise negative Folgen unseres Verhaltens ins rechte Verhältnis zu einem kurzfristigen Lustgewinn oder "Kick" zu setzen, einigermaßen verlässlich ausgebildet hat. Normalerweise sind die entsprechenden Systeme unseres Gehirns erst weit in den Zwanzigern voll entwickelt. Es ist darum kein Zufall, dass die Zeit der Pubertät und Adoleszenz wenigstens statistisch gesehen die weitaus gefährlichste in unserem Leben ist - und auch die gefährlichste für das Leben der anderen. Männlich zu sein erhöht das Risiko noch einmal dramatisch.

No risk, no fun - das kann da fatal enden, wo das Risiko nicht realistisch eingeschätzt werden kann, weil das betreffende Gehirn noch nicht so weit ist. Oder weil es das überhaupt nie schaffen wird. Auch das kommt vor. Die nicht erst mit den 68-ern aufgekommene Ideologie, wir seien bei der Geburt eigentlich alle gleich und kämen psychisch wie hübsche weiße Blätter zur Welt, auf die dann nur noch schön geschrieben werden müsse, ist für manche sicher eine verlockende Vorstellung. Wissenschaftlich betrachtet ist sie nichts als blanker Unfug. Wir sind nicht alle gleich, weder körperlich noch psychisch. Und wir werden es auch nicht durch noch so intensive Pflege. Am Ende will auch das bedacht werden.

Literatur:

Blair, J. et al. 2005: The Psychopath - Emotion and the Brain, Malden, MA: Blackwell Publishing

Bundeskriminalamt (Hg.) 2009: Polizeiliche Kriminalstatistik Bundesrepublik Deutschland, Berichtsjahr 2008, Wiesbaden: Bundeskriminalamt

Casey, B. J. et al. 2008: The adolescent brain, Developmental Review 28, 62-77

Darley, J. M. & Latané, B. 1968: Bystander Intervention in Emergencies: Diffusion of Responsibility, Journal of Personality and Social Psychology 8, 377-383

Hoff, K. E. et al. 2009: The association between high status positions and aggressive behavior in early adolescence, Journal of School Psychology (im Druck, online vorab unter doi:10.1016/j.jsp.2009.07.003)

Loeber, R. et al. 2005: The Prediction of Violence and Homicide in Young Men, Journal of Consulting and Clinical Psychology 73, 1074-1088

Scott, C. 1999: Juvenile Violence, Forensic Psychiatry 22, 71-83

Van den Bos, K. et al. 2009: Helping to overcome intervention inertia in bystander's dilemmas: Behavioral disinhibition can improve the greater good, Journal of Experimental Social Psychology 45, 873-878

Von Frank Ochmann
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Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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