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Der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist abgewählt. Beim
Bürgerentscheid habe eine ausreichende Mehrheit für die Abwahl des
CDU-Politikers gestimmt, erfuhr die Nachrichtenagentur DPA aus
Rathauskreisen.
26. November 2008, 17:16 Uhr
Philosophie:
Zehn Denker kompakt
Von Platon bis Wittgenstein: ein kleiner Überblick über die wichtigsten Philosophen, ihre Biografie, Kernthese und die Bedeutung für den Menschen von heute. Von Stephan Maus
Biografie
Manchmal schneiderte die Antike
ihren Helden die Tragödien
passgenau auf den Leib: Als Platons großer
Lehrer Sokrates vom Athener Gericht zum
Tode verurteilt wurde, verlor der Philosoph
auch noch den letzten Glauben an das Staatswesen.
Von nun an sollte er nach den unumstößlichen
Prinzipien der Gerechtigkeit suchen.
So war Sokrates' Tod immerhin dazu gut,
seinen Schüler zu seinem Lebensthema zu führen.
Zwölf Jahre nach dem Tod seines Lehrmeisters
gründete Platon in Athen eine eigene
philosophische Akademie, der er fast 40 Jahre
vorstand. Platon goss seine Gedanken in die
Form fiktiver Dialoge, in denen Sokrates als
Verkünder der platonischen Lehre auftritt.
Kernthese
Im Kern des platonischen Gedankenmassivs
leuchtet das Höhlengleichnis: In einer Höhle
sitzen gefesselte Menschen. In ihrem Rücken
werden Gegenstände vorbeigetragen, die von
einem Feuer beleuchtet werden. Die Menschen
sehen nur die Schatten der Gegenstände an
der Wand vor sich. Philosophieren bedeutet,
die Wahrheit hinter den Erscheinungen zu entdecken.
Die Urbilder hinter den Erscheinungen
sind die Ideen, an die wir uns erinnern. Die
höchste Idee ist das "Schöne und Gute". Die
unsterbliche Seele war besonders vertraut mit
der Ideenwelt, bevor sie in den Körper abkommandiert
wurde. Sie bleibt auch auf Erden für
die Wiedererinnerung zuständig.
Was sagt uns das heute?
Niemals ähnelten die Menschen Platons Höhleninsassen
mehr als heute. Wenn wir in unserer
Medienkaverne sitzen und die zitternden
Schatten der Wirklichkeit über die Bildschirme
zucken sehen, kann es nicht schaden, wenn wir
uns von Platon daran erinnern lassen, dass die
Wahrheit irgendwo hinter dieser Truman-Show
schlummert. Und dass es vor allem die gute
alte Seele ist, die uns bei der Wahrheitsschau
beste Dienste leistet.
Biografie
Sein Vater war Leibarzt des
Königs von Makedonien, Aristoteles
selbst wurde Erzieher Alexander des
Großen. Nie war ein Philosoph näher an der
Weltmacht. Er war Schüler des Idealisten Platon,
verachtete aber nicht wie dieser die Welt
der Erscheinungen: Er ließ es an Fingerringen
und Haarpflege nicht fehlen und lebte eine
Zeit lang mit einer Hetäre zusammen. Seine
wahre Leidenschaft aber war allumfassendes
Wissen: Aristoteles legte eine Bibliothek und
naturwissenschaftliche Sammlungen an.
Kernthese
Dieser Sohn eines "Pillendrehers" verschreibt
der Philosophie eine Extradosis Realismus. Er
wendet sich gegen die abgehobene Ideenlehre
seines Lehrer Platon. Für ihn ist die Wahrheit
konkret in der Wirklichkeit erfahrbar. Keine
Höhle, keine Schatten, sondern Fakten, Fakten,
Fakten, und zwar draußen an der frischen Luft.
Als Erster unterteilt er alle Erfahrung in unterschiedliche
Sachgebiete. Mit 445 270 Zeilen
Gesamtwerk legte er das Grundgerüst der modernen
Wissenschaft - dieser Systematiker
war der erste Universalgelehrte. Bei ihm hat
alles ein sehr ambitioniertes Ziel: größtmögliche
Glückseligkeit für alle. Im Urtext klingt
das fast schon nach sehr sozialer Marktwirtschaft:
"Der wahrhafte Demokrat muss darauf
schauen, dass das Volk nicht gar zu arm werde.
Denn dies ist die Ursache, wenn eine Demokratie
schlecht wird. Man sollte den Ertrag der
Staatseinkünfte an die Armen verteilen."
Was sagt uns das heute?
Laut Aristoteles erlangt der Mensch die höchste
Erfüllung, wenn er sein Leben der Erkenntnis
widmet. Dabei sollte er nicht nach dem Nutzen
fragen. Das Denken genügt sich selbst. Wäre
dieser Philosoph nicht der ideale Pate einer
wirklich humanistischen Bildungspolitik? Aristoteles,
diese gut frisierte Wikipedia auf zwei
Beinen, würde uns sicheren Schrittes durch die
nächste Pisa-Studie führen.
Biografie
Manchmal hört auch der
strengste Rationalist auf die
Gaukeleien seines Unterbewusstseins: Durch
drei Träume ließ sich der mathematisch hoch
begabte Descartes in der Nacht des 10. November
1619 dazu inspirieren, eine radikal neue
Philosophie zu wagen. Sein streng analytisches
Gedankengebäude errichtete er erst nach
einem bewegten Leben voller Reisen, die er
zuvor unternommen und auf denen er das
"Buch der Welt" studiert hatte. Kein Wunder,
dass ein so unruhiger Geist nach einem verbindlichen
System suchte, in das er seine
vielfältigen Erfahrungen einordnen konnte:
Als Mathematiker gründete Descartes die
analytische Geometrie. Sein Denken fühlte sich
im präzise definierten Raum des kartesischen
Koordinatensystems am wohlsten. Jede Form
inspirierte ihn zu Formeln.
Kernthese
Dieser Vater der modernen Philosophie nahm
sich die mathematische Methode als Vorbild
für sein Denken. Sein Gedankensystem sollte
nur aus einfachsten Begriffen zusammengesetzt
sein, die sich als klar und deutlich erweisen
mussten. Der Motor dieses analytischen
Denkens war der systematische Zweifel, mit
dem Descartes die gesamte philosophische
Tradition infrage stellte. Wenn alles in Zweifel
gezogen werden kann, bleibt nur noch der Vorgang
des Zweifelns selbst als letzte Gewissheit.
Von nun an war nicht mehr Gott Drehund
Angelpunkt aller Philosophie, sondern das
denkende und zweifelnde Ich: "Ich denke, also
bin ich."
Was sagt uns das heute?
Bei Descartes sieht man die unermüdlich zergliedernde
Vernunft an der Arbeit. Die Lektüre
seines "Berichtes über die Methode" ist eine
Schule im analytischen Denken. Bewundernswert
dieser Mut einer stolzen Vernunft, die
alles radikal infrage stellt und noch einmal
systematisch ganz von vorn anfängt. Viel-
leicht ist diese Methode nicht die schlechteste
für unsere Epoche voller Zweifel. Wer zweifelt,
ist auf einem guten Weg.
Biografie
Kant, das ist reine Vernunft
made in Germany, das ist Philosophie
nach urpreußischem Reinheitsgebot.
Von morgens fünf bis abends zehn dachte der
Königsberger Professor wie von einer inneren
Stechuhr beherrscht. Der lebenslange Single
war ebenso verschroben wie gesellig: Jeden
Nachmittag kam er in kleinem Freundeskreis
zu Nickerchen und anschließendem Plausch
zusammen. Diesem Provinzgelehrten war sein
Kopf Welt genug: Seine Heimatstadt Königsberg
verließ er bis zu seinem Tod kaum. So
wurde der Professor zum größten deutschen
Denker. All das wusste der liebe Gott schon
von Anbeginn aller Zeiten und erfand am
sechsten Tag, gleich nach einem Nickerchen
unter Hilfsengeln, den unendlichen Schachtelsatz.
Extra für Kant.
Kernthese
Kants Hauptwerk "Kritik der reinen Vernunft"
gilt als kopernikanische Wende in der Philosophiegeschichte.
Nicht einen einzigen Gegenstand,
nicht eine Idee nimmt Kant als gegeben
hin. Als Erster dringt er vor zu den Strukturen
unseres Denkapparates selbst, die all unsere
Erkenntnisse bedingen. Die Dinge präsentieren
sich uns nicht etwa "an sich" - als Apfel, iPod
oder Tod. Sondern sie sind Erscheinungen
unserer Verstandesformen und werden nach
unseren Anschauungskategorien zusammengesetzt:
Einheit, Vielheit, Ursache, Wirkung.
Kant suchte nach den unumstößlichen Gesetzen,
die unser Handeln und Denken bestimmen.
So fand er eine Art Grundgesetz für
sämtliche philosophischen Bereiche.
Was sagt uns das heute?
Kant hat die ethische Grundausrüstung geliefert,
mit der man noch heute anständig durchs
Leben kommt. Viel mehr als die goldene preußische
Handlungsmaxime des kategorischen
Imperativs braucht man eigentlich nicht: "Handele
so, dass die Maxime deines Willens jederzeit
zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung
gelten könne."
Biografie
Die Universitäten des 19. Jahrhunderts hatten
es gut. Da hockte der absolute Weltgeist noch
persönlich am Vorlesungspult: Mürrisch, in
tiefsten Gedanken wühlend und sich stotternd
und hustend in windige Höhen hoch schwäbelnd
- so wird Professor Hegel beschrieben.
Etwas kauzig wirkte er wohl schon in jungen
Jahren. Noch während des Studiums verpasste
man ihm den Spitznamen "der alte Mann". Von
1818 bis zu seinem Tod lehrte er in Berlin, wo
er zum "preußischen Staatsphilosophen" ausgerufen
wurde.
Kernthese
D er "alte Mann" näherte sich in geschmeidigem
Dreisprung dem Göttlichen: Er suchte
das Gesetz, das die Welt im Innersten zusammenhält,
und fand die Dialektik - These, Antithese,
Synthese. Vom kindlichen Geist bis zur
göttlichen Vernunft entwickelt sich alles nach
demselben Muster: Unvollkommen liegt etwas
vor (These), wird mit seinem Gegenpol konfrontiert
(Antithese), um schließlich auf einer
höheren Stufe zu sich selbst zu finden (Synthese).
Schwäbelnd und Viertele schlotzend
machte sich Hegel daran, "die Gedanken Gottes
vor der Schöpfung" zu denken. Hier der
Dreisatz der hegelianischen Metaphysik auf
einem Bierdeckel: Träumend ruht der göttliche
Geist in sich selbst, entäußert sich in Natur
und Ding, um sich in ihnen zu spiegeln, bis er
schließlich im menschlichen Denken, in der
Philosophie, ganz zu sich selbst findet.
Was sagt uns das heute?
Man darf Hegels Weltgeist ruhig als fantastisches
Nachtgespenst in romantischer Tradition
begreifen. Trotzdem zeigt sich in diesem
Denken ein unverbrüchlicher Glaube an die
Kraft des Geistes, der nichts anderes ist als
Gott, der zu sich selbst findet. Als Meister der
Dialektik zeigt Hegel, dass sich noch die größten
Gegensätze zusammenführen lassen. Der
Geist kennt keine Grenzen, er sorgt dafür, dass
wir auf und davon können, auch wenn wir in
der Wirklichkeit noch festsitzen.
Biografie
Sein einziger Freund war ein
Pudel. Der Rest der Welt war ihm unerträglich.
Irgendwann konnte selbst seine eigene Mutter
das Geschimpfe nicht mehr ertragen. Wie ein
Redneck hatte er immer eine Waffe in seinem
Schlafzimmer. Niemals ging er zum Barbier,
aus Angst vor dem Messer an der Kehle. Am
meisten hasste Schopenhauer die Philosophieprofessoren.
In Berlin hielt er seine Vorlesung
zur selben Stunde wie sein Erzfeind Hegel,
um ihm die Studenten abspenstig zu machen -
doch Schopenhauer blieb allein. Einen wie
Schopenhauer hat man lieber im Bücherregal
als zum Sitznachbarn im Zugabteil.
Kernthese
Dieser Wüterich verteilt nur bittere Pillen.
Alles ist Leiden. Wir leben in der schlechtesten
aller möglichen Welten. Alles ist Schein. Doch
was liegt dahinter? Laut Schopenhauer der
Urwille. Er lässt Pflanzen und Kristalle wachsen
und die Erde um die Sonne kreisen. Doch
dieses ewige Prinzip ist natürlich kein guter
Wille. Gut im Kern ist schließlich nur der
Pudel. Alles Leiden entsteht im Wüten des zerrissenen
Urwillens gegen sich selbst: Kriege,
Naturkatastrophen, Paartherapie. Erst wenn
der Mensch sich vom Urwillen löst, tritt er
aus dem Leiden heraus. In willenloser Askese
kommt er in den Genuss der reinen Anschauung.
So entpuppt sich Schopenhauer als einer
der ersten westlichen Buddha-Jünger.
Was sagt uns das heute?
Von Schopenhauer lernen, heißt zuallererst
schimpfen lernen. Was konnte dieses Rumpelstilzchen
toben! Hegels Philosophie? Ein "Zusammenschmieren
sinnloser, rasender Wortgeflechte,
wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern
vernommen hatte". Bei der Lektüre Schopenhauers
verliert man jeden Respekt vor Autoritäten.
Wie erfrischend, dieser Eigensinn;
und wie herrlich, wenn einer die Welt als durch
und durch schlecht betrachtet. Denn so
schlecht, wie Schopenhauer unsere Welt sieht,
kann es keinem Leser gehen - schließlich hat
er immer noch das Glück, sich an Schopenhauers
brillantem, geistreichem Wüten erfreuen
zu dürfen. Dieser pessimistische Meister-Stilist
ist ein großer Trost in Zeiten des floskelhaften
Stammtischgejammers.
Biografie
Kierkegaard hatte ein nervöses
Gemüt und war damit ganz ein Denker
der Moderne. Zum Philosophieren kam er über
die unglückliche Liebe. Er verliebte sich in ein
15-jähriges Bürgermädchen und verlobte sich
mit ihr. Dann kamen ihm Zweifel: Kann er wirklich
offen sein? Diese scheinbar mimosenhafte
Frage brachte die leistungsstärkste skandinavische
Philosophiemaschine in Gang. Seine
Schwermut versuchte Kierkegaard mit gesellschaftlicher
Zerstreuung zu betäuben: Er kleidete
sich extravagant, frequentierte Theater,
Salons und Boulevards, ein echter Großstadt-
Philosoph. Doch alle Zerstreuung wollte nicht
fruchten, er blieb depressiv: "Ich komme jetzt
eben aus einer Gesellschaft, wo ich Seele war,
die Witze strömten aus meinem Munde,
alle lachten, alle bewunderten mich - aber ich,
ja, der Gedankenstrich müsste genauso lang
sein wie die Radien der Erde - - - ging fort und
wollte mich erschießen." Allein das Schreiben
und Denken verschaffte ihm etwas Ruhe.
Kernthese
Niemand bringt die Existenzphilosophie Kierkegaards
so genau auf den Punkt wie Humphrey
Bogart in "Casablanca": "Du musst dich
entscheiden, Kleines!" Kierkegaard forschte
der Existenz aus radikal subjektiver Sicht nach.
Bei dem Dänen fand die Moderne zum ersten
Mal zu ihrer Bauchnabelperspektive. Trotz
aller Verzweiflung über die Fremdheit gegenüber
Welt und dem eigenen Ich definiert sich
der Mensch über die Freiheit. Will er ganz zu
sich selbst kommen, darf er nicht darin verharren,
all die ihm offen stehenden Möglichkeiten
nur zu betrachten. Er muss sich für
einen Weg entscheiden.
Was sagt uns das heute?
"Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" Kierkegaard
gibt darüber genau Auskunft: Der Mensch
ist exakt derjenige, zu dem er sich macht. Aus
der modernen multiplen Persönlichkeit wird
erst ein Wesen aus einem Guss, wenn sie eine
Wahl trifft. Diese Existenzphilosophie ist mit
ihrem messianischen Plädoyer für ein leidenschaftliches
Leben ein willkommener Tritt in
den Hintern unserer zaudernden Epoche.
Biografie
Ein windiger Geselle! Als Jurastudent
ging er wegen Ruhestörung
und Trunkenheit in den Karzer. Sein
erster Protest gegen die Macht des Kapitals
bestand in der Anhäufung von Schulden.
In London verfasste er 1847 das "Kommunistische
Manifest" und später sein Hauptwerk
"Das Kapital". Das Kapital rächte sich stehenden
Zinsfußes: Marx lebte bettelarm, seine
Kleidung verstaubte im Pfandhaus.
Kernthese
Marx nimmt Hegel und stellt ihn auf den Kopf:
Nicht ein mystischer Weltgeist bestimmt den
Lauf der Geschichte, sondern das, was Marx
am meisten bedrückte: die ökonomischen Verhältnisse.
Sie sind Basis allen Daseins. Staat,
Kunst und Religion sind nur ihr ideologischer
Überbau. Da Marx Hegels dialektisches Denken
übernahm, verstand er den Lauf der Geschichte
als Kampf zwischen der besitzenden
und der ausgebeuteten Klasse. Durch die kommunistische
Revolution sollte der Mensch in
den Genuss seines Arbeitsproduktes kommen
und damit auch zu sich selbst.
Was sagt uns das heute?
Jubelte der Kapitalist über den Zusammenbruch
des Kommunismus, freut sich der Kommunist
jetzt über den Finanz-Crash. Die Geschichte
des Kapitalismus ist die Geschichte
seiner Krisen, sagte Marx und behielt recht.
Ob man daraus den Kommunismus ableiten
muss, ist eine andere Frage. Sicher ist: Wer die
Gesellschaft verstehen will, muss die Wirtschaft
neu denken. Der Rest ist mehr denn je
Überbau. Das wusste schon Bill Clinton, auch
Obama profitierte davon. Wahrscheinlich murmelte
Marx auf dem Weg ins Londoner Pfandhaus:
It's the economy, stupid!
Biografie
Als ihm schließlich die Vernunft
durchging, küsste er aus Mitleid ein
misshandeltes Pferd. Der Erfinder des unbedingten
Machtwillens war ein sensibler Charakter.
Im Bordell spielte er den Prostituierten
auf dem Klavier vor. Von seiner Schwester ließ
er sich durch Intrigen beherrschen und lebte
nach seinem psychischen Zusammenbruch
1889 noch bis zum Tod bei ihr.
Kernthese
Nietzsche nimmt sich die Umwertung aller
Werte vor. Alle klassischen Fundamente sind
ins Nichts abgesackt. "Gott ist tot", lautet
der Befund. Wahrheit, Moral und Religion -
nur noch provisorisch über den Abgrund gespannt.
Nach seiner unerbittlichen Bestandsaufnahme
erfindet Nietzsche eine lebensbejahende
Philosophie. An Gottes Stelle tritt
der Übermensch, der seinen Machtwillen verwirklicht.
Was sagt uns das heute?
Nachdem sich die Nazis seine nihilistische
Machtphilosophie auf die Fahnen geschrieben
haben, sind seine Visionen vom Übermenschen
ungenießbar. Der scharfsinnige Psychologe
und stilistisch brillante Aphoristiker hat eine
größere Zukunft als der Machtphilosoph
Nietzsche.
Biografie
Schon als Kind konstruierte er
neuartige Nähmaschinen. Auch sein späteres
Denken schnurrte wie eine gut geölte
Mechanik. Sein Millionenvermögen schenkte
der Wiener Industriellensohn hinweg, teils
an Rilke und Trakl, teils an seine Geschwister.
Nach dem Studium zog er auf einen einsamen
Bauernhof in Norwegen. Er war Dorfschullehrer
in Österreich, wo er in einem winzigen
Zimmerchen wohnte; und er war Hilfsgärtner
in einem Kloster, wo er in einem Geräteschuppen
schlief. Selbst als Professor in
Cambridge lebte er nur in einem kahlen Zimmer.
Am Ende seines Lebens zog er denkend
und kränkelnd durch irische Bauernhöfe
und Hotels. "Wir machen uns Bilder der Tatsachen",
schrieb er. Will man sich ein Bild
von Wittgenstein machen, stellt man sich am
besten eine präzise arbeitende Nähmaschine
auf einem einfachen Stuhl im Zentrum einer
gekalkten Mönchszelle vor.
Kernthese
Beherzt entrümpelt Wittgenstein die Philosophiegeschichte.
Er denkt die Welt als
"Gesamtheit der Tatsachen". Das soll reichen.
Mit abgehobener Metaphysik hält er sich
nicht auf. Die Frage, ob der Stuhl in seinem
Schuppen nun die Inkarnation einer platonischen
Idee ist oder gar in den Abgrund des
gottlosen Nichts geworfen ist, stellt sich für
ihn nicht - wie so viele Scheinprobleme:
"Die meisten Sätze und Fragen, welche über
philosophische Dinge geschrieben worden
sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig."
Wittgenstein stützt sich auf präzise Sprachanalyse
und traut nur klaren Kernaussagen
über Sachverhalte: Die Nähmaschine ist
schwarz. Punkt. Aus solchen Elementarsätzen
setzt sich das Räderwerk seines Denkens
zusammen. So kommt er zu dem Schluss:
"Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muss man schweigen."
Was sagt uns das heute?
Unser Lieblingsphilosoph. Nun kommt die
Ära der Entrümpelung! Unser Vermögen?
Investieren wir in Lehman-Zertifikate. Alles
muss raus! Auch in unserer Gedankenrumpelkammer
wird aufgeräumt. Nur, was sich eindeutig
formulieren lässt, bleibt: Tisch, Stuhl,
Bett. Wenn Heidegger heideggert "Das
Nichts nichtet", nichtet uns das aus wabernden
Schwarzwaldnebeln entgegen. Wir
möchten mit Wittgenstein eine klare Sprache
lernen. Und dabei jede Mystik aus unserem
Denken ausklammern.