Soll am Supervirus weiter geforscht werden?

21. Januar 2013, 15:06 Uhr

Ein Jahr ruhte die Forschung am gefährlichen Vogelgrippe-Virus. Nun soll das Moratorium aufgehoben werden. Eine gute Idee? Ja, meint Lea Wolz, unverantwortlich Gernot Kramper.

Der Nutzen überwiegt

Superkiller! Anleitung zum Bau für Biowaffen! Gefahr aus dem Labor! Was für Befürchtungen gab es nicht alle, nachdem bekannt wurde, dass Forscher um Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam das Vogelgrippevirus angeblich so verändert haben, dass es nicht nur extrem gefährlich, sondern auch hoch ansteckend ist. Fouchier ruderte selbst zwar nach einiger Zeit zurück: Der im Labor entstandene Erreger sei gar nicht so aggressiv. Doch die Frage blieb: War das verantwortungslos? Dürfen Forscher das? Und ist gefährliches Wissen, einmal gedacht, unter Verschluss zu halten?

Ein Jahr ruhte die Forschung, nun berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", dass die Wissenschaftler ihre Experimente wieder aufnehmen wollen. Ein Ende des Moratoriums soll in den nächsten Tagen verkündet werden. Und das ist gut so.

Denn tödliche Grippeviren können jederzeit auf natürlichem Weg entstehen - nicht nur im Labor. Viren sind wahre Wandlungskünstler, sie tauschen ihr Erbgut aus und erwerben so neue Fähigkeiten. Um herauszufinden, welche Gefahr von den Winzlingen ausgeht, haben Fouchier und seine Kollegen die Experimente mit H5N1-Viren durchgeführt. Das ist sinnvoll: Nur so lässt sich das Prinzip, wie ein todbringendes und sich epidemiartig verbreitendes Supervirus entstehen könnte, verstehen.

Unberechenbare Natur

Denn die Natur ist unberechenbarer als ein Biobastler im Labor. Was passiert, wenn ein solcher Erreger plötzlich auftaucht? Und niemand weiß, wie er darauf reagieren soll? Wenn es kein Gegenmittel gibt und Impfstoffe nicht ausreichend schnell zur Verfügung stehen. Wäre das nicht ein größeres Problem?

Nur wer vorbereitet ist, kann sich im Ernstfall schützen. Solche todbringenden Viren zu schaffen, ist zwar brisant, der Nutzen überwiegt aber den möglichen Schaden. Allerdings braucht es verbindliche Richtlinien, wie mit solcher Forschung umgegangen wird. Welche Wissenschaftler dürfen mit solchen Viren experimentieren? Wie sind die Sicherheitsstandards in den Laboratorien? Und sollen die Ergebnisse im Nachhinein öffentlich publiziert werden oder nur solchen Forschern zur Verfügung stehen, die an ähnlichen Projekten arbeiten?

Nicht zuletzt muss die Kommunikation angemessen sein: "Killer-Viren", die "Millionen Menschen dahinraffen" und die ein "Frankenstein im Labor" erschafft, sind falsche Begrifflichkeiten. Solche Horrorszenarien an die Wand zu malen, sorgt in erster Linie für Angst und Verunsicherung. Und sie gehen an der Wirklichkeit vorbei. Der Erreger den Fouchier und Kollegen im Labor gebastelt haben, ist zwar leicht über die Luft übertragbar, doch die Erkrankungen damit verliefen mild. Von Superkiller keine Spur.

Noch weiß zudem niemand, ob die Ergebnisse, die in den Experimenten mit Frettchen gewonnen wurden, eins zu eins auf den Menschen zu übertragen sind. Und ob ein solch todbringendes Virus sich überhaupt lange ausbreiten könnte, ist ebenfalls unklar. Denn indem es die Menschen tötet, beraubt es sich seiner eigenen Wirte - und schafft sich damit selbst schlechte Überlebenschancen. Würde eine solche Pandemie daher nicht nach einiger Zeit von selbst gestoppt? Auch dies zeigt: Weitere verantwortungsvolle Forschung ist nötig - nicht blanke Panikmache.

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