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18. Oktober 2008, 13:09 Uhr

Wenn Männer depressiv werden

Männer greifen, wenn sie leiden, häufig zur Flasche, sagt Professor Markus Gastpar. Zum Europäischen Depressionstag erklärt er im stern.de-Interview, wieso es ein Mythos ist, dass Männer seltener depressiv sind als Frauen und wieso Depressionen für sie besonders gefährlich sind.

Sind Männer depressiv, greifen sie häufig zum Alkohol© Colourbox

Männer leiden statistisch gesehen nur halb so oft an Depressionen wie Frauen. Haben Männer weniger Gemütsprobleme?

Nein, das würde ich nicht sagen. Depressionen werden bei Frauen nur häufiger diagnostiziert. Das liegt auch daran, dass sie ihre Depressionen ausleben. Sie werden schwermütig, eines der häufigsten Symptome einer Depression. Männer dagegen neigen dazu, Probleme zu verbergen und zu maskieren. Typische Symptome einer Depression bei ihnen sind Zorn und Feindseligkeit. Männer greifen dann häufig zum Alkohol. So versuchen sie, die lästigen Gedanken auszuschalten, lockerer zu werden, ihre Ängste zu betäuben.

Schwäche gilt als unmännlich, darüber zu reden erst recht. Das haben viele Männer schon in ihrer Kindheit gelernt. So fällt es ihnen im Allgemeinen schwerer, sich Hilfe zu suchen. Gehen sie doch zum Arzt, wird häufig nur das Symptom diagnostiziert, etwa der Alkoholmissbrauch. Ihre Depression, die vielleicht zu diesem Verhalten geführt hat, wird nicht erkannt. Werden die psychischen Probleme nicht behandelt, kann das in einem Suizidversuch oder Suizid enden. Entsprechend nehmen sich Männer dreimal häufiger das Leben als Frauen.

Ist Alkohol das Antidepressivum des Mannes?

Ja und Nein. Alkohol baut Spannungen ab, lenkt ab und beruhigt. Nach einem schlechten Tag oder zu Beginn einer Depression scheint daher Alkohol eine positive Wirkung zu zeigen. Der ehemalige Bundestagspräsident Rainer Barzel sagte einmal in einem Interview, dass er sich nach einem harten Tag abends einen doppelten Cognac genehmigt. Das ist eine typische Antwort von Männern auf Stress. Wenn es hier und da bei einem Glas in Gesellschaft bleibt, ist das meist noch nicht gefährlich.

Aber es führt auf Dauer zu Problemen.

Irgendwann dreht sich das Bild: Ab einem gewissen Konsum gerät man nicht nur in eine Abhängigkeit, dann führt der Alkohol auch selbst zu einer depressiven Stimmungslage. Versucht man später, davon loszukommen, verstärkt der Entzug die depressiven Symptome noch.

Was verursacht bei Männern Depressionen?

Männer leiden besonders unter finanziellen Problemen oder einem beruflichen Abstieg. Für Frauen sind häufiger der Verlust eines Partners oder Probleme in der Familie die Auslöser für eine Depression. Schaut man sich jedoch in Foren für Alkoholabhängigkeit und Depressionen um, ist das vorherrschende Thema dort soziale Vereinzelung. Die Menschen fühlen sich allein. Mit Alkohol versuchen sie das zu verdrängen.

Brauchen Männer eine andere Therapieform?

Das Ziel einer Behandlung ist bei Männern und Frauen das Gleiche. Der Weg dorthin sollte jedoch immer von den Bedürfnissen des Patienten abhängen. Frauen haben häufig ein gestörtes Selbstwertgefühl. Die Therapie der Frauen ist daher meist darauf ausgerichtet, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Männer dagegen sollten sich meist mehr auf die Fähigkeit konzentrieren, die eigenen Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Sie müssen lernen, Leid nicht durch Alkohol zu verdrängen.

Sind Depressionen eine Frage der Umwelt oder der Veranlagung?

Bei psychischen Erkrankungen spielt natürlich auch immer die Veranlagung - also die Gene - eine Rolle. Zwillingstudien zeigen: Leidet einer von den zwei eineiigen Zwillingen an Depressionen, so liegt das Risiko einer Depression für den anderen Zwilling bei 40 bis 50 Prozent. Bei zweieiigen sind es noch etwa 25 Prozent. Das ist viel, zeigt aber auch, dass die äußeren Bedingungen, das soziale Umfeld, Erziehung und die Kindheit einen großen Einfluss haben. Zudem lassen sich Umwelt- und genetische Faktoren nur schwer trennen. Manche Menschen haben eine Veranlagung zur Risikobereitschaft. Bei ihnen ist die Gefahr größer, in schwierige Situationen zu geraten. Und von den genetischen Faktoren wiederum kann es abhängen, ob ein Mensch die Situation bewältigt oder depressiv wird. Wer günstige Vorraussetzungen hat, wird wahrscheinlich nie an einer Depression erkranken.

Wie sieht die Zukunft aus, wird es weniger Depressive und Alkoholiker geben?

In den industrialisierten Ländern ist der Lebensstandard in den letzten Jahrzehnten gestiegen, mit ihm die Rate an Depressionen. Das mag paradox klingen, doch gerade die junge Generation hat mit den vielen Möglichkeiten, die sich ihr bieten, zu kämpfen. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Ganz im Gegenteil: Wahrscheinlich wird es in der nächsten Generation mehr Depressive geben. Hinzu kommen könnte ein Phänomen, das man Suchtverlagerung nennt. Um sich von einer Sucht zulösen, greift man zu Dingen, die den Verlust wieder mindern. Im Zuge des Rauchverbots könnten so einige Menschen von der Nikotinsucht zur Alkoholsucht gelangen, ganz besonders Männer.

Zur Person

Zur Person Professor Markus Gastpar ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Während der verschiedenen Stationen seiner Laufbahn hat er sich schwerpunkmäßig mit Depressionen und Suchtforschung beschäftigt. Heute leitet er die Fliedner Klinik in Berlin, eine psychotherapeutisch-psychiatrische Tagesklinik und Ambulanz

Depressionen Häufigkeit Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass vier Millionen Deutsche von einer Depression betroffen sind. Weitere zehn Millionen Menschen werden bis zu ihrem 65. Lebensjahr eine Depression erlitten haben. UrsachenWissenschaftler gehen von einem Zusammenwirken mehrer Ursachen aus: genetische Faktoren, frühkindliche Entwicklung sowie aktuelle schwierige Situationen. Behandlung Die wichtigsten Behandlungsmethoden bei einer Depression sind die Psychotherapie und die Behandlung mit Antidepressiva. Meist werden beide Behandlungsformen kombiniert.

Interview: Nicole Simon
 
 
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