Sie nennen sich Skeptiker und engagieren sich gegen Mutmaßungen und Parawissenschaften. Auf ihrem Kongress in Hamburg präsentierten die Wissenschaftler einen nicht ganz ernstgemeinten Hirnverstärker und klärten eine spannende Frage: Warum blieb die Uhr stehen, als Opa starb? Von Björn Erichsen

Wissenschaftlich zu belegen ist der Zusammenhang zwischen der stehengebliebenen Uhr und Opas tot nicht© Colourbox
Martin Mahner ist ein fröhlicher Mensch, zumindest für einen hauptberuflichen Skeptiker. Der promovierte Biologe und Wissenschaftstheoretiker lacht viel, zum Beispiel, wenn er erzählt, dass er die eine Person bei den 1,3 festangestellten Mitarbeiten der "Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften", kurz GWUP, darstellt. Die 970 Mitglieder des Vereins haben hohe Ziele: Mit kritischem Denken, mit Argumenten und wissenschaftlichen Beweisen gegen das vermeintlich Übersinnliche angehen. Echte Aufklärungsarbeit also.
Für Mahner, den Leiter der Informationsstelle, ist heute ein wichtiger Tag. Gut 150 Leute sind zu der Konferenz des kleinen Vereins im Hamburger Völkermuseum gekommen. Trotz Christi Himmelfahrt haben sie sich für den schwülwarmen Hörsaal entschieden. Es sind die Schwergewichte des Vereins, Dr. Martin Lambeck etwa, oder Dr. Rainer Wolf, ein Wahrnehmungsforscher, die sich in einer Podiumsdiskussion an den natürlichen Feinden der Skeptiker abarbeiten: Astrologen, Parapsychologen, Wünschelrutengänger. Dem Bereich "alternative" Medizin widmen die Skeptiker am nächsten Tag sogar das gesamte Hauptprogramm.
Am Publikumstag werden populärere Fragen erörtert. Etwa: "Warum blieb die Uhr stehen, als Opa starb?" Die Frage ist geschickt gewählt, dürfte doch jeder schon einmal eine solche oder ähnliche Geschichte gehört haben, viele sie vielleicht sogar glauben. Die Argumentation eines Skeptikers ist von bestechender Einfachheit: "Bis jetzt ist kein Beweis erbracht worden, dass ein Mensch allein durch Denken Wirkungen außerhalb seines eigenen Körpers hervorbringen kann. Wer etwas anderes sagt, muss den Gegenbeweis erbringen."
Auf dem Podium einigt man sich rasch noch, dass so ein bisschen Aberglaube gar nicht schlimm sein muss. "Wenn es im Alltag hilft, warum nicht?", meint einer der Professoren. "Wer fünfmal in Folge beim Skat verliert, kann ruhig mal aufstehen und einmal um den Stuhl laufen. Hilft nicht, tut aber auch nicht weh." Schädlich werde es da, wo Behandlungen aufgrund falscher Versprechungen hinausgezögert werden oder der Partner per Horoskop gewählt wird.
Es ist die Leichtgläubigkeit so vieler Menschen, die Martin Mahner oft enttäuscht. "Wir bekommen rund 200 Anrufe pro Jahr von Privatleuten, die Fragen zu Parawissenschaften haben", sagt er. "Manches davon spielt sich bereits in einem psychisch bedenklichen Bereich ab. Andere wollen etwas über Feng Shui wissen, oder ob sie für eine Magnetkernmatratze 3000 Euro ausgeben sollen." Mahner ist seit 22 Jahren bei der GWUP und hat gelernt, dass der Strom der Vernunft nur langsam durch unsere Zeit fließt.
Bei einer populärwissenschaftlichen Veranstaltung darf natürlich eine Demonatage des Illuminaten-Mythos nicht fehlen. Wirklich amüsant ist aber ein Theaterstück: In "Ein ironisch wissenschaftliches Dings über die scheiß Esoterik" bringen Anne Frütel und Jörg Wipplinger eine bitterbös-beschwingte Satire auf die Bühne. Anschaffungen aus dem Esoterik-Shop werden den Besuchern dabei dringend empfohlen: "Schwindeltropfen, Dreamcatcher, oder aber am besten gleich einen Gehirnverstärker."
Am Merchandising-Stand des GWUP-Kongresses drängeln sich in der Pause die Besucher. Hier gibt es bedruckte T-Shirts ("Ich bin dann mal skeptisch") und vor allem Bücher: "Darwinisch Leben"; "Richtig argumentieren", sogar ein Kinderbuch: "Susi Neumalklug erklärt die Evolution". Das hier so ziemlich alle Akademiker sind, hört man nach ein paar Satzfetzen: "Ich erinnere mich da an die Studie von..."; "Davon verstehe ich sicher mehr als der Durchschnitt, aber..." oder, sehr beliebt, "Die großen Weltreligionen haben...".
Die Biologie-Studentin Hannae und ihre Kommilitonen fallen mit ihren Frühlingskleidern auf im Reigen der Anzugträger und Hemden in gedeckten Farben der GWUP"-Mitglieder. Von Skeptikern wusste die 23-Jährige bis heute nichts, sie ist vor allem wegen Mark Bennecke da. Der ist Kriminalbiologe und so eine Art Star in der Szene, weil er so oft im Fernsehen ist und schon ein paar Bücher geschrieben hat. Bennecke sieht auch anders aus als die anderen hier: blaue Trainingsjacke, den Kopf rasiert, ein gut sichtbares Tattoo am Hals.
Er erzählt heute von einem seiner Lieblingsthemen: die "Spontane menschliche Selbstentzündung." Weltweit seien rund 300 Brandleichen in unberührter Umgebung gefunden worden, sagt er während er mit dem grünen Laserpointer über die Bilder verbrannter Körper tanzt. "Meist blieben nur die Stümpfe übrig." Seine Suche nach einer Erklärung verpackt er als hübsche Lach- und Sachgeschichte, zügig vorgetragen, schneller Bilderwechsel auf der Leinwand, ein bisschen wie Fernsehen.
In den kommenden Tagen stehen härtere Themen auf dem Skeptiker-Programm. Bei der Frage um "alternative" Medizin fordert die GWUP: "Keine Aufweichung wissenschaftlicher Standards der homöopathischen Medizin." Am Samstag darf auch Mahner seine Rede halten, in der es um Intelligent Design geht. Das wird Hannae sich zwar nicht mehr anschauen, doch die Biologiestudentin überlegt, ob sie der kürzlich gegründeten Regionalgruppe der Skeptiker beitreten soll. "Natürlich ist kritisches Denken wichtig, ich bin zu rational, um an Übersinnliches zu glauben. Aber ich bin ehrlich: Es gab einen Teil in mir, der hofft, dass es manches zumindest geben könnte." Und so fließt er langsam, der Strom der Vernunft.