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12. Juli 2007, 14:39 Uhr

Eine Frau ansprechen? Nie im Leben!

Selbst der Gang in die Kantine wird zur Mutprobe: Wer an sozialer Phobie erkrankt ist, zieht sich zurück und leidet Höllenqualen. Doch woher kommt die Angst vor anderen Menschen? stern.de traf zwei Betroffene zum Gespräch. Von Sylvie-Sophie Schindler

Zoom

Werde ich akzeptiert? Mache ich was falsch? Solche Gedanken quälen viele Sozialphobiker© Colourbox

Ob wohl einer guckt? Sarah (Name geändert) sitzt in der Kantine, an einem Tisch mit Arbeitskollegen. Das Schnitzel und die Kartoffeln, die auf ihrem Teller liegen, hat sie seit Minuten nicht angerührt. Gabel und Messer liegen in ihren Händen. Sarah weiß nicht richtig wohin damit. Was, wenn das Messer beim Schneiden quietscht? Was, wenn Soße über den Tellerrand schwappt? Was, wenn sie sich verschluckt? "Hast wohl keinen Hunger heute?", fragt ein Kollege. Sarahs Wangen laufen rot an, ihr Herz rast, sie hat das Gefühl, schneller atmen zu müssen, ihr Mund ist trocken. "Bloß weg hier", denkt Sarah, bleibt aber sitzen und stochert mit der Gabel in den Kartoffeln herum, so lange, bis sie in viele kleine Stückchen zerfallen.

Ob wohl einer guckt? Heute denkt Sarah das nicht mehr. Heute kann die Münchnerin sogar über sich selbst lachen, während sie an der Isar entlang spaziert, jeden Hund streichelt, der vorbei kommt und erzählt, wie es damals war. Damals, vor knapp zweieinhalb Jahren, litt Sarah an sozialer Phobie. Als "Angst vor anderen Menschen" wurde die soziale Phobie erstmals vor über 2000 Jahren beschrieben und gilt heute als eine der häufigsten Angststörungen - in Deutschland zählen Angststörungen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen

Wie sehe ich aus? Wie komme ich an? Bin ich gut genug?

Wie viele Menschen deutschlandweit an sozialer Phobie erkrankt sind, können Experten nur schätzen. Die Zahlen schwanken zwischen zwei und vierzehn Millionen Betroffenen. Genaue Aussagen sind deshalb so schwer zu treffen, weil sich Menschen mit sozialer Phobie im Hintergrund halten. "Eine soziale Phobie wird oft erst Jahre oder Jahrzehnte später diagnostiziert, oft auch überhaupt nicht", sagt Carolin Nothdurfter, Ärztin in der Angstambulanz an der Münchner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Doch wann spricht man von sozialer Phobie? Fast jeder kennt das typische Magengrummeln vor einer Prüfung oder einem wichtigen Gespräch. Wohl jeder ist mal mehr, mal weniger sicher im Umgang mit anderen Menschen. Die Angst dauert gewöhnlich nur kurz und belastet das Leben kaum oder gar nicht. Anders bei der sozialen Phobie: Betroffene ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück, sie entwickeln eine chronische und übersteigerte Angst, sich in zwischenmenschlichen Situationen lächerlich zu machen, von anderen beobachtet und negativ bewertet zu werden. Kaum jemand ahnt, welche Kraft es sie kostet, harmlose zwischenmenschliche Kontakte, wie beispielsweise ein Gespräch, durchzustehen.

Zwanghafte Gedanken quälen: Wie sehe ich aus? Wie komme ich an? Bin ich gut genug? Werde ich akzeptiert? Mache ich etwas falsch? Dazu kommen die vegetativen Reaktionen: der Blutdruck steigt, das Herz rast, Schweißausbrüche, Zittern, roter Kopf. Das steigert sich oft bis zur Panik.

Sie verbarrikadieren sich in ihrem Zimmer oder flüchten ins Internet

Um nicht in diesen Strudel zu geraten, gehen Sozialphobiker Angst auslösenden Situationen aus dem Weg. Auch Sarah wurde erfinderisch, um bloß nicht mehr mit den Kollegen am Mittagstisch sitzen zu müssen. Sie behauptete, eine Diät zu machen, und nahm sich Bananen und Äpfel an die Arbeit mit. Die aß sie heimlich am Schreibtisch, während die anderen in der Kantine waren. "Der Aktionsradius der Betroffenen wird immer kleiner, der Leidensdruck größer", sagt Carolin Nothdurfter.

Viele suchen sich sichere Nischen, wählen etwa einen Beruf, bei dem sie keinen Kundenkontakt haben, lehnen private Einladungen ab. In besonders schlimmen Fällen verbarrikadieren sie sich in ihrem Zimmer, oft jahrelang. Depressionen oder der Griff zu Suchtmitteln, vor allem zu Alkohol, sind mögliche Folgen. Oder die Flucht ins Internet. "Uns sucht kaum einer auf, weil er glaubt, er sei viel zu schüchtern. Die meisten kommen erst, wenn sie die Folgeerkrankungen, beispielsweise eine Sucht, nicht mehr in den Griff bekommen", sagt Nothdurfter. Die Schamgefühle der Betroffenen machten es oft schwer, zu der eigentlichen Angst vorzudringen: "Die Patienten sind sich der Unsinnigkeit ihrer Ängste sehr bewusst."

"Umbringen kann ich mich ja immer noch"

Soziale Phobien beginnen meist in Kindheit und Pubertät - dann gelten sie in bestimmtem Rahmen noch als normal. Martin (Name geändert) stand als kleiner Junge immer am Rand, weit weg von den anderen Kindern. Er wollte mitspielen, traute sich aber nicht. Am liebsten, sagt er, hätte er sich in Luft aufgelöst, vor allem im Unterricht. Die Eltern bedrängten ihn: "Junge, jetzt sag doch mal was." Ebenfalls ein häufiger Auslöser für Streit: Martin hatte sein eigenes Tempo für die Dinge, die er lernen wollte. Das brachte den Vater regelmäßig zur Explosion. "Warum kannst du das noch nicht, die anderen Kinder können das schon längst!"

Nun sitzt Martin bei einer Tasse Cappuccino in einem Café in der Münchner Innenstadt. Das Gesicht des 32-Jährigen verdüstert sich, als er von seinen Eltern spricht: "Hätten sie nicht so einen Druck aufgebaut, vielleicht wäre es mit mir anders gekommen." Mit dem Erwachsenwerden stieg die Panik, für immer allein zu bleiben. Die Sehnsucht, eine Freundin zu haben, wurde größer und größer. Doch eine Frau ansprechen? Nie im Leben. "Was hätte das auch gebracht? Eine Verabredung hätte ich doch niemals durchgestanden", sagt Martin.

Zoom

Viele Sozialphobiker versuchen ihre Angst mit Alkohol zu betäuben© Colourbox

Er arrangierte sich irgendwie mit seiner Einsamkeit: "Ich dachte, ich lebe mal ein bisschen so weiter, umbringen kann ich mich ja immer noch." Dass er an sozialer Phobie leide, dass es soziale Phobie überhaupt gibt, hat er erst spät erfahren. Er war wegen diverser physischer Probleme häufiger beim Arzt, klagte über Herzbeschwerden und Schwindelkrämpfe. Keiner stellte die richtige Diagnose, bis Martin selbst im Internet über den Begriff "Soziale Phobie" stolperte. Er suchte sich Hilfe beim Therapeuten und fand Gleichgesinnte in einer Selbsthilfegruppe. "Endlich war ich mit meiner Angst nicht mehr allein", sagt Martin.

Gene, Kindheit, Persönlichkeit

Martins Krankheitsgeschichte ist typisch. Psychoanalytiker glauben an frühkindliche Auslöser, etwa wenn jemand, wie Martin, in seiner Kindheit hohen Anforderungen durch die Eltern ausgesetzt war, denen er nicht gerecht werden konnte, und deshalb schon früh beschämenden Erlebnissen ausgesetzt war. Vermutet wird auch ein genetischer Zusammenhang, da soziale Ängste gehäuft familiär vorkommen. Auch die Persönlichkeit des Menschen spielt offenbar eine entscheidende Rolle. "Introvertierte Menschen sind anfälliger für soziale Phobien", sagt Nothdurfter.

Soziale Phobien werden laut Nothdurfter erfolgreich behandelt mit einer Kombination aus medikamentöser und kognitiver Therapie, in der negative Denkstile entknotet und umstrukturiert werden. Statt beispielsweise zu denken: "Die anderen finden mich blöd", lernt der Patient sich zu sagen: "Die anderen haben auch ihre Fehler, nicht nur ich".

Heute macht Martins Angst ihm nicht mehr so zu schaffen wie früher, er unternimmt viel, hat inzwischen sogar einige Freunde und - er lächelt, als er das sagt - "irgendwann bestimmt auch eine Freundin". Wenn er Fremde ansprechen muss, wie neulich, als er nach dem Weg fragte, dann bekommt er zwar immer noch leichtes Herzklopfen, weiß aber: "Ein bisschen nervös ist man immer, aber das sind die anderen auch, das ist normal."

Von Sylvie-Sophie Schindler
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Akorahil (13.07.2007, 00:37 Uhr)
... und Gesellschaft"
gutes Stichwort.
In der Tat schade, dass der Artikel darauf nicht näher eingeht (okay, kann ein so kurzer wohl auch nicht; währe wohl eher was für ein "Dossier" oder die Printausgabe), aber dieser Kontext ist schon wichtig.
Interessant das „Vermutet wird auch ein genetischer Zusammenhang, da soziale Ängste gehäuft familiär vorkommen.". Wer vermutet denn eigentlich? In Artikeln bezüglich verwandter Themen liest man in der Laienpresse häufig solche Formulierungen, ohne genaue Angabe über Forscher oder methodischen Ansatz. Nur weil eine Häufung innerhalb einer Familie vorkommt, kann noch nicht auf einen genetischen Zusammenhang geschlossen werden und dies muss auch nicht unbedingt der beste und somit erste Ansatzpunkt zu weiterer Forschung sein. Dass innerhalb von Familien, vor allem von Eltern auf Kindern, nicht nur Gene sondern auch Verhaltensweisen und Denk-Schemata weitergegeben werden, ist ja nichts Neues. Wird in diesem Zusammenhang aber sonderbarerweise selten oder gar nicht erwähnt, sondern man (der Autor/die Autorin)bringt schnell und gerne eine vermuteten genetische Korrelation ins Spiel. Man muss kein Anhänger des Dawkins´schen "Mem"-Konzepts sein (soweit ich es sehe, ist dieses ja auch nichts Neues sondern nur ein griffiges auf-den-Punkt-Bringen), aber dass bei primär psychologischen Fragestellungen so schnell das Gen bemüht wird, überrascht mich teilweise schon.
iovialis (12.07.2007, 22:54 Uhr)
Individualität
Nach Lesen des Artikels stellte ich mir die Frage, was mit der Individualität ist. Wenn die Gesellschaft nur bestimmte Individualitäten zuläßt, ist es kaum verwunderlich, daß sich immer mehr Menschen Gedanken machen, ob sie in diese Gesellschaft passen. Sei es zum Beispiel Arbeit und Arbeitslosigkeit.
In dem Artikel vermisse ich die "Anforderungen Gesellschaftsmitglied zu sein", eine (möglicherweise) eingebildete Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber ihren Mitgliedern.
Klar kann man das alles auf Kindheit, Gene oder Erziehung ummünzen - aber ist es nicht ein Alibi? Ich kann mich auch hinter "Krankheiten" verstecken und bin glücklich, irgendeinen Grund für mein Verhalten entdeckt zu haben. Wo ist die Eigenverantwortung? Wo die Verantwortung der Gesellschaft für den Einzelnen?
Soziophobie scheint mir nicht die Angst vor den anderen zu sein, sondern die Angst davor, mit meiner Individualität nicht angenommen zu werden. Das liegt aber meines Erachtens eher an der Gesellschaft - und die hat nunmal keine Gene, Kindheit oder Erziehung...
Strom.Berndberg (12.07.2007, 22:40 Uhr)
jaja
ich denke es geht vielen menschen so. auch mir. das ist nun mal inzw eine "volks-krankheit" geworden. stichwort verhältnis models-teens und ihre prioritäten.
jedoch sind die ausmaße unterschiedlich, was die intensität der erkrankung betrifft.
behandlung mit psycho-pillen sollten imho wirtklich nur als letze maßnahme ins auge gefasst werden. ohne dauert es zwar entschieden länger, was aber um längen gesünder ist. hier sollte man den faktor !geld unbedingt außer acht lassen !!!
sicflow (12.07.2007, 22:10 Uhr)
Wer lesen kann...
.. ist schon im Vorteil, Medley.
Erstens ist Carolin Nothdurfter eine Dame und zweitens ist die Psychoanalyse ganz sicher kein alter Hut. Ich war aus meiner Kindheit heraus in meiner Jugend selbst betroffen, ohne so recht zu begreifen, was mich da (teils auch körperlich extrem belastend, betr. Überreizung durch das vegetative Nervensystem) so leiden ließ. Erst, seitdem ich mich selbst intensiv durch eigene Aufklärung über diese Erkrankung damit beschäftigt hatte, ließen die Symptome über die Jahre nach. Glücklicherweise ohne den Einsatz von Psychopharmaka - welche meiner Meinung nach grundsätzlich erst als letzte Möglichkeit verabreicht werden sollten.. gerade bei Kindern und Heranwachsenden!
Medley (12.07.2007, 21:25 Uhr)
Man soll es nicht glauben......
.....aber der Herr Nothdurfter hat tatsächlich Recht. Vorallem die medikamentöse Behandlung mit gewissen "SSRI"-Antidepressivas ist sehr erfolgversprechend. So erfolgversprechend, dass man sich gar das teure Psychoblabla mit mit einem entsprechenden Therapeuten glatt schenken kann. Hab' ich jedenfalls gemacht. Im Übrigen, die Psychoanalyse ist die Schellackplatte der Psychologie im Zeitalter der Blue-Ray DVD. Das Vorsspielen dehrer blechernden Töne hätte uns der Autor des Artikel ruhig ersparen können.
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