21. Juni 2012, 20:57 Uhr

Ein Superkiller, der keiner ist

Forscher haben gefährliche Vogelgrippeviren noch gefährlicher gemacht. Darf man das? Darüber wird seit Monaten gestritten. Nun sind die Daten publiziert - doch Bioterroristen dürften enttäuscht sein. Von Lea Wolz

H5N1, Vogelgrippe, Vogelgrippevirus, Science, Fouchier

Bisher ist H5N1 vor allem für Vögel eine Gefahr©

Dürfen die Ergebnisse zweier Studien zum tödlichen Vogelgrippevirus veröffentlicht werden? Oder könnten sie als Bauanleitung für Biowaffen missbraucht werden? Darüber diskutierten Wissenschaftler, Politiker und Sicherheitsgremien monatelang, bis sie sich endlich einigen konnten. Die Ergebnisse der Studie von Forschern um Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin-Madison erschienen bereits Anfang Mai. Nun ist auch die zweite Untersuchung publiziert: Im Fachblatt "Science" ist nachzulesen, wie ein Team um den niederländischen Virologen Ron Fouchier Vogelgrippeviren (H5N1) so verändert hat, dass sie hoch ansteckend sind.

H5N1 kursiert vor allem im asiatischen Raum und infiziert für gewöhnlich Vögel. Menschen stecken sich nur selten an, allerdings enden diese Infektionen oft tödlich. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch fand bis jetzt nicht statt. Doch Viren haben die ungemütliche Eigenschaft zu mutieren und von einer Spezies auf eine andere überzuspringen. Virologen befürchten daher seit dem ersten Auftreten der Vogelgrippe im Jahr 1997, das aggressive H5N1-Virus könne sich so verändern, dass es sich leicht unter Menschen ausbreiten kann.

Doch jahrelang passierte nichts. Für viele Forscher war daher klar: H5N1 besitzt wohl nicht die Fähigkeit, sich derartig zu verwandeln. "Wir haben bewiesen, dass das leider falsch ist", sagte Fouchier von der Erasmus Universität Rotterdam in einem Interview mit dem stern.

"Eine schlechte Nachricht"

Bereits im September 2011 hatte Fouchier auf einer Konferenz erklärt, das H5N1-Virus so verändert zu haben, dass es nicht nur tödlich, sondern zugleich leicht übertragbar sei - durch Tröpfcheninfektion wie ein Schnupfen. War in den Laboren des Erasmus Medical Centers der Super-Killer entstanden? Das Virus, von dem Experten befürchten, dass es eine weltweite Pandemie mit Millionen Toten auslösen könnte?

Anfang März ruderte Fouchier zwar zurück: Das gentechnisch veränderte Virus verbreitete sich leicht über die Luft, die Schwere der Erkrankung ging bei diesem Übertragungsweg aber offenbar zurück. Dennoch: "Ein leicht übertragbares H5N1-Virus, das ist eine sehr schlechte Nachricht", sagte Fouchier.

Das sah offenbar auch das Gremium der US-Regierung für Biosicherheit (National Science Advisory Board for Biosecurity, NSABB) so und sprach sich dafür aus, die Ergebnisse der Studien nicht in allen Einzelheiten zu veröffentlichen. Die US-Regierung befürchtete, dass diese Informationen von Bioterroristen missbraucht werden könnten. Die Forscher verteidigten dagegen ihr Vorgehen - und setzten sich für eine Veröffentlichung der Daten ein. Nur so sei es möglich, sich für eine Pandemie zu wappnen, um im Notfall etwa rechtzeitig Impfstoffe herstellen zu können.

Nach gefährlichen Mutationen kann gefahndet werden

Wie genau die Forscher um Fouchier bei ihren Versuchen vorgingen, ist nun in "Science" zu lesen. Von den Originaldaten sei nichts aus der Publikation entfernt worden, beteuert Fouchier. Lediglich fünf Mutationen sind demnach nötig, damit das Vogelgrippevirus durch die Luft übertragbar wird. Drei erzeugten die Forscher gezielt an einem H5N1-Stamm und infizierten Frettchen mit dem Erreger. Diese Versuchstiere reagieren ähnlich auf Grippeviren wie Menschen. Der so entstandene Erreger vermehrte sich zwar leichter in den oberen Atemwegen der Frettchen, doch um andere Tiere anzustecken, war immer noch ein enger Kontakt nötig. Die Forscher übertrugen daher das gentechnisch veränderte Virus bewusst etliche Male von Versuchstier zu Versuchstier - wobei zwei weitere Mutationen entstanden.

Erst danach verbreitet sich der Erreger per Tröpfcheninfektion. Infizierten sich die Frettchen auf diesem Weg, erkrankten zwar alle, aber keines der Tiere starb, sagt Fouchier. Trugen die Forscher das veränderte Virus dagegen direkt in die Lungen der Tiere ein, überlebte keines. Die gute Nachricht: In der Petrischale halfen antivirale Medikamente gegen das Virus, auch Impfstoffe auf Basis ähnlicher Virenstränge zeigten Wirkung.

Da die Mutationen nun bekannt seien, könne gezielt nach ihnen in H5N1-Ausbruchsgebieten gesucht werden. "Wenn wir Viren erkennen, die auf dem Weg sind, sich so zu entwickeln, sollten wir diese dringend ausmerzen", sagt Fouchier. Dabei zeigt die Studie: Der Erreger kann sich in diese Richtung verändern, ohne sich mit einem verwandten Virenstamm zu mischen.

Nur eine Frage der Zeit

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass sich ein solches Virus auf natürlichem Weg entwickelt? Zwei der beobachteten Mutationen seien bereits häufig außerhalb des Labors aufgetreten, schreiben Wissenschaftler um Derek Smith von der Cambridge University in einer weiteren in "Science" veröffentlichten Studie. Da bereits viele Vögel weltweit mit dem Virus infiziert seien und die Erreger schnell mutierten, sei es womöglich nur eine Frage der Zeit, bis ein von Mensch zu Mensch übertragbares Vogelgrippevirus auftauche, sind Fouchier und Kollegen überzeugt.

Dass es zu den befürchteten Mutationen kommen kann, schließt auch der Marburger Influenzaexperte Hans-Dieter Klenk nicht aus. Er gibt allerdings zu bedenken: "H5N1-Viren sind bereits seit einem guten Jahrzehnt massiv im Umlauf. Da ist es schon verwunderlich, dass sich das Vogelgrippevirus auf natürlichem Weg noch nicht derart verwandelt hat", sagt der Virologe.

Dennoch ist Klenk überzeugt: "Es war wichtig und sinnvoll, die beiden Studien zu veröffentlichen. Nun ist klar, dass H5N1 auf dem Luftweg übertragen werden kann." Zwar sei noch nicht sicher, ob die Ergebnisse eins zu eins auf den Menschen angewandt werden können. "Doch wir müssen H5N1-Viren weiter wachsam beobachten. Sobald die gefährlichen Merkmale erkannt werden, müssen die Alarmglocken klingeln."

Und wie steht es um die Befürchtung, die in der "Science"-Studie veröffentlichten Daten könnten von Terroristen missbraucht werden? Taugen die Ergebnisse als Bauanleitung für die Biobombe? Klenk glaubt, dass die Gefahr nicht sehr groß ist. Denn der Erreger sei ja, wie Studienautor Fouchier ebenfalls betont, zwar leicht übertragbar, aber die Erkrankung verlaufe offenbar mild. "Da gibt es andere, bereits publizierte Studien zu weitaus gefährlicheren Erregern."

Von Lea Wolz
 
 
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