Für zerschlissene Ehen ist die Trennung ein Befreiungsschlag, für die Kinder ein Schicksalsschlag. Ihr Seelenschmerz galt bisher als unvermeidbar. Langzeitstudien belegen nun verblüffend deutlich das Gegenteil. Entscheidend ist der Umgang der Eltern - mit sich und den Kindern. Von Kuno Kruse

Auch wenn Leonie und Alina bei ihrer Mutter Birgit Eichler wohnen, ist der Vater präsent. "Er muss in den wichtigen Fragen mit entscheiden", sagt sie© Enno Kapitza
Den Kindern diesen Schmerz zufügen? Das Glück zerstören? Schuldig sein vor ihren beiden Töchtern, weil sie es nicht geschafft haben, miteinander, füreinander, für immer, als Mann und Frau, als Familie. Wie sollten sie es den Mädchen nur beibringen?
"Wir haben es verschoben und verschoben", sagt Gabi. "Wir hatten beide Angst, es den Kindern zu sagen", sagt Thomas. Ihre kleinen Töchter spielen nebenan im Kinderzimmer, stecken gelegentlich die Köpfe herein. Der Vater packt seine Plattensammlung in Kartons. "Das ist das Letzte, was ich noch holen muss." Zwei Besuche beim Anwalt, 20 Minuten beim Familienrichter, das war das Ende von 13 Jahren Ehe. Keine Szenen, keine Tränen, seit langem wussten beide, irgendwo im Alltag waren sie einander verloren gegangen. Nun sitzen sie, getrennt und doch vertraut, am Küchentisch, der gewissenhafte Maschinenschlosser und die freundliche Frau von der Tankstelle. "Krieg ich einen Kaffee?", fragt er. Sie hat schon vergessen, dass er keinen Zucker nimmt. Die Scheidung von Gabi und Thomas aus Waiblingen in Württemberg liegt wenige Monate zurück.
37 Prozent aller Ehen in Deutschland enden vor dem Amtsgericht. Mehr als die Hälfte dieser Paare hat Kinder. Mehr als zwei Millionen Mädchen und Jungen wurden in den vergangenen 15 Jahren zu Scheidungsopfern. Dabei sind in der Zählung des Statistischen Bundesamtes noch gar nicht jene erfasst, deren Eltern keinen Trauschein besaßen. Und auch diejenigen nicht, deren Vater und Mutter getrennt sind, aber nicht geschieden.
Für zerschlissene Paare ist Scheidung oft ein Befreiungsakt, für Kinder ist sie ein Schicksalsschlag. Kleinere reagieren mit Bauchweh, sind ängstlich, ältere Kinder haben Probleme in der Schule, spielen die Eltern gegeneinander aus. Pubertierende Jungen suchen das Risiko, Mädchen ziehen sich scheu zurück. Kurzum: Scheidungswaisen leiden.
Das kann so sein. Muss es aber nicht! In den 60er Jahren sah man Scheidungskinder noch als potenzielle Straftäter. Kinder allein lebender Mütter waren Kandidaten für die Einweisung ins Heim. Heute sind Scheidungskinder längst keine Außenseiter mehr, vor allem in Städten entfällt allein durch ihre Zahl das belastende Stigma, und jedes findet andere in der Klasse, denen es genauso geht. Kinder wachsen heute in so unterschiedlichen Konstellationen und Milieus auf, dass über lange Zeit gültige psychologische Muster überholt sind. Noch immer aber gelten Scheidungskinder als unglückliche Opfer egoistischer Eltern. Doch neuere Studien zeigen, dass eine Scheidung nicht so seelenzerstörend ist, wie es noch vor Jahren befürchtet wurde.
"Im Schnitt sind Trennungskinder langfristig weitaus weniger auffällig als Kinder aus Konfliktfamilien. Und zwar in jeder Hinsicht", sagt Sabine Walper vom Lehrstuhl für Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Über sechs Jahre begleiteten Wissenschaftler in einem von der Münchner Professorin koordinierten Forschungsprojekt in verschiedenen Regionen Ost- und Westdeutschlands alleinerziehende Mütter oder Väter, außerdem Stieffamilien und - zum Vergleich - stabile sowie zerstrittene Normalfamilien. Das Ergebnis: "Wir konnten bei Scheidungskindern mehrere Jahre nach Trennung der Eltern im Vergleich zu ihren Altersgenossen in traditionellen Kernfamilien keine generellen Nachteile erkennen, weder in der Persönlichkeitsentwicklung noch in der sozialen Kompetenz. Die Mehrheit hatte ein neues Gleichgewicht gefunden."
Wenn die große Mehrheit heute unbeschadet durch die Scheidungsstürme segelt, warum aber gehen dann einige immer noch im Kummer unter?
Übernommen aus ...
Ausgabe 02/2007