Wissenschaftler streiten, ob es Sucht ohne Drogen geben kann. Sicher ist: Manche Menschen haben ihr Verhalten nicht mehr im Griff. Sie gieren nach Konsum, nach Arbeit, nach Sex ohne Limit - auch wenn sie damit ihr Leben ruinieren. Von Silke Pfersdorf und Arnd Schweitzer

"Kaufsucht": Etwa 4,5 Millionen Deutsche sind stark "kaufsuchtgefährdet". Sie geben zu viel und zu oft Geld aus – meist für Dinge, die sie nicht brauchen. Sie schämen sich dafür - und können es doch nicht lassen© Veit Mette
Jedes Schaufenster war eine Versuchung: Blusen, Kleider, Schuhe, schöne Dosen, edle Cremes - so verlockend dekoriert, dass es kaum auszuhalten war. Schwitzige Hände hat Sieglinde Zimmer-Fiene bekommen, wenn sie weitergehen wollte, und ihr Herz pochte wild, und natürlich ist sie doch in den Laden und auch in den nächsten und übernächsten. Wie eine Melodie schwebten die schmeichelnden Worte der Verkäuferinnen in ihre Ohren, lullten sie ein, jetzt die Kreditkarte und eine Unterschrift, und für Momente gab es kein Morgen und schon gar kein Zurück. "Der Kick beim Kaufen", erinnert sich die 52-jährige Sekretärin, "war ein absolutes Hochgefühl."
Ein Gefühl, dem Thomas Ehlert*, 39, spätabends am nächsten war. Wenn zwölf, dreizehn, vierzehn Stunden in seiner Marketingagentur hinter ihm lagen. Wenn er wusste, dass er wieder mal alles gewuppt hatte. Er war der Chef, er kam morgens als Erster, ging abends als Letzter. Auch am Wochenende klingelte rund um die Uhr das Telefon, war der Laptop immer in Reichweite. Und trotzdem war da die Angst, es könne nicht genug sein. Das Gefühl, dass ohne ihn nichts gehe. "Die Arbeit war meine Droge", gibt er zu. "Der Gedanke an Urlaub machte mich nervös."
Auch Frank Fuller* hockte stundenlang am Computer. Nur an Arbeit konnte er dabei nicht denken. Nicht, solange die Bilder von nackten Brüsten und geöffneten Schenkeln nur ein paar Mausklicks entfernt waren. "Bis zu zehn Stunden saß ich schon vor Sexwebsites und habe mir immer wieder einen runtergeholt", sagt er. Manchmal, bis er wund war. Vor Frauen, die ein Stück Monitor blieben, die fern waren und nah zur gleichen Zeit. Irgendwann drängten Frank Fullers Fantasien auch ins richtige Leben. Es gab Seitensprünge, immer wieder. Neue Frauen, neue Kicks, immer öfter. Eine Frau hat er dabei für immer verloren, seine eigene. Frank Fuller hat seine Ehe zerstört auf der Jagd nach Höhepunkten. "Und die", sagt er, "habe ich dann nicht mal mehr richtig gespürt."
Menschen hängen an der Nadel, an der Kippe oder können nicht aufhören zu saufen. Aber kann man süchtig danach sein, sich die Regale oder den Terminkalender zu füllen, das Hirn mit lüsternen Gedanken zu dopen? Was giert in einem Menschen nach Nachschub, wenn es nicht darum geht, sich etwas einzuverleiben? Wenn ein unwiderstehlicher Reiz ihn zwingt, etwas wieder und wieder zu tun? Zum Beispiel kaufen, arbeiten, Sex haben?
In den Diagnosehandbüchern der Experten sucht man den Begriff "Verhaltenssüchte" vergebens. Die Krankheitsklassifizierung der Weltgesundheitsorganisation kennt keine Abhängigkeit ohne Suchtstoff. Was Sieglinde Zimmer-Fiene, Thomas Ehlert und Frank Fuller das Leben auf lange Sicht zur Qual gemacht hat, ordnen Psychiater und Psychologen behelfsweise unter "abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle" beziehungsweise unter "Sexualstörungen ein".
Und viele Wissenschaftler halten das für völlig richtig. Schließlich können selbst starke natürliche Reize nicht annähernd so massiv auf das Gehirn wirken wie Drogen. Wo soll es hinführen, wenn man alles, was zu viel wird, zur Abhängigkeit erklären kann? Zumal die Forschung zu den "Verhaltenssüchten" noch in den Anfängen steckt. Es gibt keine allgemein akzeptierten Definitionen und kaum solide Fallzahlen. Wo etwa fängt krankhaftes Alltagsverhalten überhaupt an? Wann kauft jemand zu oft? Wie viele Orgasmen sind zu viele? Was genau passiert in den Gehirnen der Getriebenen? Und warum?
Die Fachleute, die von "Verhaltenssucht" sprechen, argumentieren mit Erkenntnissen über das pathologische Glücksspiel, das bereits seit den 80er Jahren intensiver erforscht wird. Zwar sind auch hier viele Wirkzusammenhänge noch nicht geklärt, aber es gibt Hinweise auf Fehlfunktionen in den Gehirnen von krankhaften Spielern, die ebenfalls bei Substanzsüchtigen beobachtet wurden: Zeigt man etwa beiden Gruppen Bilder vom Spiel beziehungsweise von ihren Drogen, sind bestimmte Areale des Gehirns ungewöhnlich wenig aktiv. Je geringer die Resonanz, desto geringer ist auch die Kontrollfähigkeit der Versuchspersonen - und desto stärker die Sucht. Auch weiß man, dass in beiden Fällen bestimmte Enzyme des Hirnstoffwechsels vermindert sind. Dass Medikamente zur Behandlung von Drogensüchten in einigen Studien auch bei sogenannten Impulskontrollstörungen Wirkung zeigten - während Arzneien gegen die Dopaminmangelkrankheit Parkinson in Einzelfällen krankhaftes Spielverlangen, Kaufzwang, Hypersexualität, Essstörungen und gesteigerten Alkoholkonsum auslösen können. Vor allem aber weiß man, dass die psychischen und sozialen Folgen der "Verhaltenssüchte" an die der klassischen Abhängigkeiten heranreichen können: Die Getriebenen verlieren die Kontrolle über ihr Tun, die Droge rückt in den Mittelpunkt ihres Lebens, sie brauchen immer mehr davon, sie können nicht aufhören, auch wenn sie merken, dass sie sich selbst schaden. Am Ende hat mancher sein ganzes Geld und sein soziales Netz verloren.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 08/2008