31. Juli 2008, 20:17 Uhr

Die formatierte Zelle

2007 gelang es Wissenschaftlern, Körperzellen zu einer Art Stammzellen zurückzuprogrammieren. Nun legen US-Forscher nach: Sie entnahmen zwei Schwerkranken Hautzellen, wandelten diese zu Stammzellen um und dann zu Nervenzellen. Für die Medizin ist das ein riesiger Fortschritt. Von Nina Bublitz

Die Aufnahme zeigt Motorneuronen aus der Zellkultur©

Seit zwei Forschergruppen vergangenes Jahr verkündeten, dass sie gewöhnliche Körperzellen so umprogrammieren könnten, dass sie Stammzellen gleichen, hat die Medizin eine neue Vision: Statt die ethisch umstrittenen embryonalen Stammzellen, für deren Herstellung ein Embryo zerstört wird, zu verwenden, könnte man - ganz elegant - Körperzellen direkt in die "Alleskönner" unter den Zellen zurück verwandeln. Das Ziel ist, so irgendwann kranke Zellen oder zerstörtes Gewebe mit maßgeschneiderten Ersatzzellen aus dem eigenen Körper zu ersetzen. Die Veröffentlichungen von Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto und James Thomson von der Universität von Wisconsin war daher eine wissenschaftliche Sensation - und seitdem schreitet die Stammzellforschung rasant voran.

Nun berichten Forscher der US-Universitäten Harvard und Columbia im Fachblatt "Science", dass sie Hautzellen von zwei Probanden mit der chronischen Nervenkrankheit Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) zu Stammzellen umprogrammiert haben. Aber nicht nur das: Anschließend verwandelten sie diese Zellen in Motorneuronen. Das sind die Nervenzellen, die im Körper von ALS-Kranken langsam zerstört werden.

Maßgeschneiderte Ersatzzellen

Eine Therapie ist noch nicht konkret in Sicht, denn die sogenannten "induzierten pluripotenten Stammzellen" (iPS-Zellen) sind durch die Umprogrammierung anfälliger für Krebs. Erst wenn die Zellwandlung ohne Krebsrisiko möglich ist, wird auch eine Behandlung mit dem im Labor veränderten Gewebe möglich sein.

Aber für die Arbeit im Labor sind die Zellen schon jetzt von enormer Bedeutung. "Es ist bislang niemandem gelungen, Motorneuronen von ALS-Patienten zu isolieren und im Labor zu züchten", erklärt Kevin Eggan vom Harvard Stem Cell Institute. "Nun haben wir einen unerschöpflichen Vorrat und können die Neuronen, die bei der schrecklichen Krankheit absterben, genau untersuchen - und herausfinden, was im Verlauf der Krankheit passiert."

Die Wissenschaftler hatten zwei 82 und 89 Jahre alten Schwestern, die an einer erblichen Form von ALS leiden, Hautproben entnommen. Bei der Krankheit werden die sogenannten Motorneuronen zerstört, die Nervenimpulse vom Rückenmark zu den Muskeln leiten. Dies löst eine fortschreitende Lähmung aus. Irgendwann setzt auch die Atemmuskulatur aus, sodass die Patienten beatmet werden müssen - oder ersticken. Die meisten Betroffenen sterben nur wenige Jahre nach der Diagnose

Im Tierversuch haben Forscher bereits gezeigt, dass sich Krankheiten mit Hilfe der iPS-Zellen behandeln lassen. Bei Ratten und Mäusen hatten sie Symptome der angeborenen Sichelzellanämie sowie der Parkinson-Erkrankung durch eine Zelltherapie deutlich gelindert.

 
 
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