Übungen mit Tiernamen, Männer in der Minderheit und befremdliche Gesänge, die den Brustraum öffnen: Wir haben einen Mann zum Yogakurs geschickt. Dort traf er auf alte Schamgefühle - und erlebte eine neue Gelassenheit. Von Ulrich Kraft

Haltung bewahren: Kundig korrigiert Schulleiterin Anna Trökes unseren Autor bei der Ausführung seiner Übung© Heinrich Völkel
Berlin, Bismarckstraße, Hinterhaus, dritter Stock. Dort ist nicht irgendeine Yogaschule, sondern die von Anna Trökes: einer Frau mit mehr als 30 Jahren Erfahrung, Autorin diverser Bücher, einer Institution. Ich bin zu früh und habe daher Gelegenheit, das am Nachmittag angelesene Wissen noch einmal Revue passieren zu lassen. Yoga soll Körper und Geist vereinen, sie in eine gemeinsame Richtung führen, meine vom hektischen Alltag zerstreuten Fähigkeiten ordnen, mich von eingefahrenen Verhaltensmustern befreien und so die Voraussetzungen für konzentriertes Denken und befriedigendes Handeln schaffen. Einen straffen, gesunden Leib gibt's inklusive. Ganz schön dick aufgetragen, denke ich.
"Hallo, ich bin Anna Trökes!" Die freundliche Begrüßung reißt mich aus meinen Gedanken: Sie hat blonde Locken, einen festen Händedruck, auf den ersten Blick ist nichts Guruhaftes zu entdecken. "Ziehen Sie sich um, nehmen Sie sich Matte, Handtuch und Sitzkissen. Der Trainingsraum ist da hinten." Dort wird mein Vorurteil bestätigt, Yoga sei Frauensache. In diesem Kurs liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern bei vier zu eins.
Wir sollen uns auf den Rücken legen, die Auflagepunkte erspüren und dann langsam im Boden versinken. Ich bemühe meine gesamte Vorstellungskraft, bleibe aber trotzdem oben auf der Matte liegen. Die nächsten Aufgaben erweisen sich als ebenso schwierig. Hierhin atmen, dorthin atmen, mental von den Füßen bis zum Kopf wandern und schauen, wo ich mich wohlfühle und wo es klemmt. Bei mir klemmt wohl die Verbindung zwischen Geist und Körper. Es will mir einfach nicht gelingen, präzise in mein Inneres zu blicken. Ich spüre vor allem eines: aufkeimenden Frust. Dann kommt endlich das, was ich mir unter Yoga vorstelle. Seltsame Verbiegungen, Asanas genannt, manche von ihnen mit Tiernamen - einen Hund gibt es, Adler und Schildkröte. Nach der dritten Übung merke ich: Es sieht leicht aus, ist aber ganz schön anstrengend. Mir wird warm. Nächstes Asana: im Stehen die Knie anbeugen, Hintern raus, Arme nach oben, dann mit den Beinen wippen.
Anna Trökes' Hinweis, nichts zu denken, erreicht mich leider erst, nachdem ich in einen der riesigen Wandspiegel geschaut habe: Was ich hier treibe, sieht vollkommen lächerlich aus. Es reicht. Ich will weg hier! Aber ich bleibe. Kurz darauf denke ich tatsächlich nichts mehr, weil es sämtliche Konzentration erfordert, irgendwie die Balance zu halten; nackte Füße suchen verzweifelt Halt auf rutschiger Matte. Noch zwei Übungen, dann ist Schluss. Gott sei Dank, denn für heute habe ich die Nase voll von orangefarbenen Gummimatten und indischer Philosophie.
An Rücken, Schultern und Beinen schmerzen Muskelgruppen, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Zwei Tage nach meiner Premiere ist der Muskelkater noch nicht verflogen. Getreu dem Motto "Weitertrainieren ist die beste Therapie" setze ich mich dennoch ins Auto. Ich bleibe im Feierabendstau stecken, liege mit zehn Minuten Verspätung auf der Matte - und soll meinen Seelenzustand erspüren. Das Ergebnis: Gehetzt fühle ich mich und gestresst. Kein Wunder, dass ich an der mentalen Erkundungsreise durch den Körper wieder scheitere. Konzentration? Keine. Ich gebe auf und versuche, mich erst einmal zu entspannen.
Anna Trökes verteilt Zettel, und schlimme Befürchtungen werden wahr: Wir sollen ein Mantra singen! Wir erfahren, dass Mantra "Werkzeug des Geistes" bedeutet und dass Sanskrit nicht nur eine heilige, sondern auch eine heilende Sprache ist, wegen der speziellen Vibrationen. Noch nicht geheilt ist mein Trauma vom Vorsingen in der Grundschule: Ich bekam eine Fünf, zu Recht, denn ich traf schon damals nie den richtigen Ton. Gegen größ- te innere Widerstände mache ich mit - und erlebe eine Überraschung: In meinem Brustkorb beginnt es zu summen wie in einem Bienenstock. Es fühlt sich gut an!
Dann folgen die Asanas, und dieses Mal geht alles viel schneller. Ich schaffe mehr Wiederholungen, und die Pausen, die sich an jede Übung anschließen, fallen kürzer aus. Eigentlich dienen sie der Entspannung und der Selbstwahrnehmung - der Yogi soll nachspüren, was ein Asana in seinem Inneren bewirkt hat; ich brauche die Zeit, um mich zu erholen.
Ein Asana jagt das nächste. Es ziept und zwackt überall im Rücken, ich fange an zu schwitzen. Als Einziger, wie ich mit schnellem Blick erkenne. Meine Mitschüler, einige von ihnen 20 Jahre älter als ich, absolvieren das Programm anscheinend ohne Mühe, manche mit einem Lächeln auf den Lippen. Davon bin ich zwar weit entfernt, doch so langsam geht es besser. Linken Arm über den Kopf beugen, rechte Schulter zum Boden, rechten Arm über den Kopf beugen, linke Schulter zum Boden … Ich finde einen Rhythmus, die Bewegungen werden flüssiger, meine Atmung passt sich dem Takt an.
Auf dem Weg nach Hause macht sich eine angenehme Müdigkeit breit. Und auch das strapazierte Nervenkostüm hat offenbar profitiert: Weder die ständigen roten Ampeln noch die rabiaten Berliner Taxifahrer bringen mich jetzt aus der Ruhe. Das war auf dem Hinweg anders.
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GesundLeben
Ausgabe 6/2006
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