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12. März 2009, 16:45 Uhr

"Uns läuft die Zeit davon"

Klima, Klimawandel, Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung

Durch den Klimawandel verlieren die Böden an Fruchtbarkeit© Colourbox

Müssen sich die Industrienationen zum Klimaschutz verpflichten, noch bevor die großen Schwellenländer mitmachen?

Es muss vor allem eine gerechte Lastenverteilung geben, sonst machen die Entwicklungsländer nicht mit – ohne die können wir die Klimakrise aber nicht abwenden. Gerecht heißt tatsächlich, dass die Industrieländer vorangehen müssen. Wir haben am meisten von den fossilen Brennstoffen profitiert, haben die höchsten Emissionen pro Kopf: In Deutschland sind es rund zehn Tonnen, in Indien kaum mehr als eine. Nicht zuletzt haben wir die wirtschaftlichen und technologischen Mittel, um die Klimakrise abzuwenden. Wenn wir nicht zeigen, dass wir ohne spürbaren Verlust an Wohlstand unsere Emissionen drastisch senken können, dann werden Indien oder China das gar nicht erst versuchen.

Sind Wirtschaftswachstum und Klimaschutz vereinbar?

Selbstverständlich. Nach den Berechnungen der Ökonomen können wir das Klima bei zwei Grad Erwärmung stabilisieren ohne spürbar das Wachstum einzuschränken.

Ist in Zeiten der Weltwirtschaftskrise überhaupt noch genug Geld da, um ans Klima zu denken?

Gerade die Wirtschaftskrise hat ja gezeigt, wie rasch man zuvor für unmöglich gehaltene Summen mobilisieren kann, um Gefahren abzuwenden. Und diese Krise können und sollten wir auch nutzen, um im Sinne eines "Green New Deal" den nötigen Strukturwandel zu einem nachhaltigen Energie- und Wirtschaftssystem einzuleiten. "Never waste a good crisis" hat US-Außenministerin Hillary Clinton dazu vor einigen Tagen gesagt. Die USA haben in ihrem Konjunkturprogramm zum Beispiel eine massive Förderung der erneuerbaren Energien vorgesehen.

Was tut Deutschland?

Noch nicht genug. Die Förderung erneuerbarer Energien müsste in Konjunkturprogrammen noch stärker bedacht werden. Zudem sollten Investitionen in die Infrastruktur des Stromnetzes erfolgen, wie es in den USA ebenfalls vorgesehen ist. Denn die jetzigen Stromnetze reichen für einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien nicht aus. Man muss aufpassen, dass man mit dem vielen Geld wirklich Dinge fördert, die den Klimaschutz voranbringen. Die Abwrackprämie gehört da zum Beispiel nach meiner Einschätzung nicht dazu.

Wie können steigender Energiebedarf, Energiesicherheit und Klimaschutz miteinander in Einklang gebracht werden?

Indem wir erstens viel effizienter in der Energienutzung werden – immer noch wird der größte Teil einfach verschleudert. Und zweitens indem wir allmählich umsteigen von den fossilen Energien zu erneuerbaren Energien. Von der Sonne kommt ständig rund 8000mal so viel Energie, wie die Menschheit braucht. Das ist eine unerschöpfliche Quelle, und ich bin überzeugt, dass wir technologisch clever genug sind, damit unsere Energieversorgung zu sichern und Energiearmut zu beseitigen – wenn wir nur wollen.

Angesichts des Klimawandels haben Wissenschaftler wie der Direktor des PIK, Professor Hans Joachim Schellnhuber, eine Große Transformation der Gesellschaft gefordert. Was verstehen Sie darunter?

Zum einen die angesprochene Umstellung auf erneuerbare Energien. Es gibt aber noch eine Reihe anderer Themen, wo wir unsere Wirtschaftsweise umstellen müssen. Zum Beispiel in Bezug auf die Nutzung von Rohstoffen und von natürlichen Ressourcen wie den Ozeanen - man denke an die massive Überfischung oder die Abholzung der Regenwälder. Ein weiteres großes Problem ist die Degradierung der Böden, die dadurch zunehmend an Fruchtbarkeit verlieren – und die damit verbundene Frage, wie wir Land nutzen und uns ernähren. Gemeinsam ist diesen Problemen, dass unsere Wirtschaftsweise nicht nachhaltig ist. Die Große Transformation geht hin zu einer nachhaltigen Weltgemeinschaft, in der wir lernen, im Rahmen der von der Erde bereitgestellten Ressourcen zu leben statt vom natürlichen Kapital zu zehren. Das ist noch wichtiger als im Finanzsystem. Eine Bank kann man retten; einen zerstörten Regenwald aber bringt kein Geld der Welt mehr zurück, und den Meeresspiegelanstieg kann man auch für viele Jahrhunderte nicht mehr stoppen, wenn er einmal in Gang gesetzt ist.

Interview: Lea Wolz
Seite 1: "Uns läuft die Zeit davon"
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