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1. November 2006, 06:03 Uhr

Universum unter Wasser

Korallen: Der Keller des Meeres ist keine trostlose Ödnis© 2003 MBARI

Vor allem aber interessiert die Forscher, welches Leben sich im Keller des Meeres versteckt. Denn als Mitte des 19. Jahrhunderts ein transatlantisches Seekabel aus 2000 Metern gehoben und darauf Muschelbewuchs entdeckt wurde, zeigte sich, dass unten keineswegs die trostlose Ödnis herrschte, die Biologen bis dahin dort vermuteten - im Gegensatz zu einigen Fantasten, die den fernen Winkel unseres Planeten stets mit vielerlei mysteriösem Getier bevölkert hatten.

Ein Festmahl sollte die Geschöpfe der Unterwelt locken

Doch ungeheuer schwierig war es, herauszufinden, was sich wirklich dort unten verbirgt - und ist es immer noch. Denn Aufwand und Kosten für taugliche Tauchschiffe sprengen Forschungsetats. So zählt die Flotte der wissenschaftlichen U-Boote, die mehrere tausend Meter schaffen, weltweit derzeit gerade mal ein Dutzend Exemplare; bis in die letzten Abgründe kommt kein einziges. Schier unmöglich, damit einen unendlich scheinenden Biotop zu durchforsten, der zudem noch überwiegend dünn besiedelt ist. Und wie soll man ein realistisches Bild vom Treiben in der Tiefe bekommen, wenn die scheue Kreatur im Nu entschwindet, wo immer ein Fahrzeug heranvibriert und ein Scheinwerfer aufflammt?

Trotz solcher Hürden ist es Forschern gelungen, dem undurchsichtigen Ökosystem manches Geheimnis abzuringen. So half etwa der Futter-Trick. Denn Nahrung ist Mangelware dort, wo keine Pflanze mehr wächst; die Lebewesen sind auf Abgestorbenes angewiesen, das herabregnet, oder aber sie müssen einen Mitbewohner jagen und verspeisen. So hatte der amerikanische Meeresbiologe Craig Smith von der Universität Hawaii in Manoa die Idee, die Geschöpfe der Unterwelt mit einem Festmahl aus ihren Nischen zu locken. Smith versenkte mit Hilfe von Gewichten die Kadaver großer Wale, die verendet waren, und schaute mit Hilfe einer Roboterkamera regelmäßig nach, was am Boden in 2000 Meter Tiefe mit den Fleischbergen passierte.

Eine illustre Gesellschaft machte sich über die Beute her. Borstenwürmer, Krebse und Schleimaale, die sich mit spitzen Haken ums Maul am Mahle festsetzen - Dutzende verschiedene Arten konnte der Biologe identifizieren. Der Merkwürdigste der hungrigen Sippe war wohl Osedax, der "Zombie-Wurm". Das fünf Zentimeter lange Tier hat keinen Darm und besteht hauptsächlich aus einer "Wurzel", die sich in einen Walknochen bohrt und aus ihm mit Hilfe von Bakterien, die mit dem Wurm zusammenleben, Fette gewinnt. "Eine verblüffende Ernährungsstrategie", schwärmt Smith, "kein Biologe hätte sich so etwa je ausmalen können."

Biester mit langen dolchartigen Zähnen

Doch auch ohne Walkadaver ging den Forschern im Laufe der Zeit allerlei Getier ins Netz oder vor die Kamera. Aliens fanden sie, bestens angepasst an den nahrungsarmen Dunkelraum. Biester mit langen dolchartigen Zähnen hausen da, wie der 30 Zentimeter lange Vipernfisch, dem nichts entrinnen kann, was er einmal zu fassen kriegt. Andere, etwa der Pelikan-Aal, haben riesige Mäuler und können die Kiefer unglaublich weit aufklappen, damit sie auch große Brocken verschlingen können - falls ihnen jemals einer vor die Augen kommt.

Fische wie der "Schwarze Schlinger" besitzen zudem einen äußerst dehnbaren Magen; er verdaut Beute, die mächtiger ist als er selbst. Und der Tiefsee-Anglerfisch "Chaenophryne melanorhabdus" kann sogar eine körpereigene Angel mit einem Leuchtorgan vor sein Maul klappen. Dann muss er nur noch warten, bis ein neugieriges Wesen in die Falle tappt.

Lichtsignale spielen eine große Rolle im Reich der Finsternis. Zahlreiche Tiere schwimmen flimmernd und glitzernd wie Gespenster durchs Wasser. Mit Hilfe ihrer biologischen Laternen erkennen sie sich, grenzen ihr Revier ab, führen Feinde in die Irre - und locken Sexualpartner an. Zum Rendezvous Begattungswilliger verhelfen oft auch Geruchsstoffe, die ins Wasser abgegeben werden, oder Trommellaute. Manch Anglerfisch etwa entgeht dem sexuellen Notstand ganz radikal. Schon im Larvenstadium klammert sich das winzige Männchen an ein großes Weibchen - so eng, dass es sogar mit ihm verwächst, zu einem Organ der Fischefrau degradiert.

Späte Fruchtbarkeit und langes Leben

So verschiedenartig die wundersamen Kreaturen im Abgrund auch sind, so gibt es doch Gemeinsames. Meist haben die Tiere keine komprimierbaren Gase im Körper, deshalb macht ihnen der ungeheure Druck nichts aus, der Menschen zermalmen würde. "Der Stoffwechsel der Organismen funktioniert häufig ziemlich langsam", sagt Michael Klages, Leiter der Tiefsee-Gruppe am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut, "sie atmen wenig und setzen wenig Energie um, so kommen sie lange ohne Futter klar, manche vielleicht sogar mehrere Jahre." Die Folgen: gemächlicher und spärlicher Wuchs, späte Fruchtbarkeit und ein langes Leben.

Doch keine Regel ohne Ausnahme, keineswegs alles ist klein. Vor zwei Jahren ging den Forschern ein Riese vor die Linse, der jahrhundertelang nur in den Hirnen spinnerter Seefahrer zu existieren schien. Schon in Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer" musste Kapitän Nemo mit seinem U-Boot "Nautilus" gegen solch ein Monster kämpfen: einen Riesenkalmar.

Dass es den zehnarmigen Giganten wirklich gibt, beweisen nun Bilder, aufgenommen am 30. September 2004 vor der Insel Chichijima im Nordpazifik. Der japanische Meeresbiologe Tsunemi Kubodera fotografierte in 900 Meter Tiefe einen Tintenfisch, gut acht Meter lang - wie ein kleiner Reisebus. Es sind die bislang einzigen Aufnahmen des Geschöpfes in freier Wildbahn, zuvor waren nur immer wieder einmal tote, an den Strand gespülte Artgenossen gefunden worden. Wie allerdings das größte Weichtier der Erde, dem Biologen den Namen Architeuthis gaben, in seinem Habitat lebt, wird noch lange ein Rätsel bleiben.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 42/2006

 
 
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